Militärische Drohungen, Kaufangebote und politische Eskalation: Vor den Gesprächen mit der US-Regierung wächst in Grönland die Sorge, die Kontrolle über die eigene Zukunft zu verlieren.
Grönland vor KrisengesprächenAngst vor Trump und US-Kontrolle wächst

Die US-Regierung will die rohstoffreiche Insel Grönland unbedingt haben, die Einwohner wehren sich.
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Der Alte Hafen in Nuuk sieht so aus, wie sich viele Besucher Grönland vorstellen: Holzgebäude, die aus der Kolonialzeit stammen und heute Museen, Cafés und Läden für traditionelles Handwerk beherbergen. Vor einer Hauswand sind Rentierfelle aufgespannt, von den Dachrinnen hängen Eiszapfen herab, es schneit dicke Flocken. Eltern ziehen Kinder auf Schlitten über die Promenade am Nuuk-Fjord. Susanne Frandsen hat kein Auge für die Winteridylle, sie blickt aufs Wasser. Sollte US-Präsident Donald Trump ihre Heimat den USA einverleiben, wolle sie auswandern, sagt die 44-Jährige, die die landesweite Aufsicht über alle Kinderheime in Grönland innehat. „Ich würde nach Dänemark gehen.“ Frandsen befürchtet, Trump könnte seine Drohung wahrmachen – und Invasionstruppen schicken. „Es ist furchtbar.“
Auf dem Fjord ziehen Boote an der Hauptstadt vorbei, ein Schiffshorn ertönt. Neben Zuschüssen aus Kopenhagen sind Fischerei und Tourismus die wichtigsten Einnahmequellen der autonomen, aber zum Königreich Dänemark gehörenden Insel. Hoffnungen liegen auf Grönlands Bodenschätzen, deren Abbau durch die schmelzende Eisschicht begünstigt wird und an denen auch Trump interessiert sein dürfte.
Gigantische Radarstation am Horizont
Wie bedeutend die weltweit größte Insel wegen ihrer Lage in der Arktis militärisch ist, darauf deutet eine gigantische Radarstation am Horizont hin. Auf einem Hügel am historischen Hafen thront eine Statue von Hans Egede, der 1721 als dänisch-norwegischer Missionar die Kolonisierung Grönlands einleitete. Nun befürchten viele der nur rund 57.000 Grönländer, wieder zu einer Kolonie degradiert zu werden.
Den Eingang zum Alten Hafen dominiert ein hoher Fahnenmast, an dem die grönländische Flagge weht: Sie ist oben weiß, unten rot. In der Mitte ein Kreis, der ebenfalls horizontal geteilt ist – oben rot und unten weiß. Ginge es nach Trump, würden hier bald Stars and Stripes gehisst. In der Krise um die Zukunft der Insel, an der die NATO zerbrechen könnte, kommen am Mittwoch in Washington erstmals US-Vizepräsident J.D. Vance und Außenminister Marco Rubio mit den beiden Außenressortchefs aus Dänemark und Grönland zusammen. Die grönländische Außenministerin Vivian Motzfeld hatte zuvor beklagt, die Regierungen in Nuuk und Kopenhagen hätten die USA das gesamte vergangene Jahr über um ein solches Treffen gebeten – erfolglos.
In Grönland hat der eskalierende Konflikt zum Schulterschluss zwischen allen fünf im Parlament vertretenen Regierungs- und Oppositionsparteien geführt. „Als Vorsitzende der Parteien in Grönland möchten wir erneut deutlich machen, dass wir nicht hinnehmen, von den USA unter Druck gesetzt zu werden“, hieß es in einer seltenen gemeinsamen Erklärung vor dem Gespräch mit den US-Vertretern. „Wir wollen keine Amerikaner sein, wir wollen keine Dänen sein – wir wollen Grönländer sein.“ Die Erklärung endet mit den Worten: „Grönland gehört dem grönländischen Volk.“
Diese Position wird in der fernen Hauptstadt Dänemarks geteilt – wenngleich die Regierung in Kopenhagen die seit Jahrzehnten nach vollständiger Unabhängigkeit strebenden Grönländer gerne in der „Reichsgemeinschaft“ halten möchte. Für Ministerpräsidentin Mette Frederiksen ist das eine Gratwanderung: Während sie sich aus innenpolitischen Gründen eng mit Grönlands Regierungschef Jens-Frederik Nielsen abstimmen muss, gilt es auf der Weltbühne im spannungsgeladenen Konflikt mit den USA Stärke zu demonstrieren.
Denn klar ist, dass von Trumps Drohungen nicht nur eine existenzielle Gefahr für die Zukunft des Königreichs ausgeht, sondern für ganz Europa. Stellen sie doch die regelbasierte Weltordnung infrage, wie sie seit Ende des Zweiten Weltkriegs aufgebaut wurde. Sollten sich die USA zu einer militärischen Landnahme in Grönland entscheiden, „dann ist alles vorbei“, beschreibt Frederiksen das düstere Szenario.
Trump verhöhnt Dänemark
Parallel zum Krisentreffen in Washington sollen diese Woche in Kopenhagen Gespräche zwischen grönländischen und dänischen Abgeordneten sowie US-Senatoren beider Parteien stattfinden. Organisiert hat sie Aaja Chemnitz, eine der beiden grönländischen Abgeordneten im dänischen Parlament, zusammen mit der Senatorin Lisa Murkowski aus Alaska – eine der wenigen Trump-Kritikerinnen bei dessen Republikanern. Chemnitz kritisiert, in den USA seien viele „Unwahrheiten über Grönland“ im Umlauf.
So ätzte Trump unlängst, Dänemark habe lediglich einen weiteren Hundeschlitten nach Grönland geschickt und glaube, damit viel für die Sicherheit in der Arktis getan zu haben. Tatsächlich rüstet das Königreich massiv auf. Kopenhagen hat Investitionen in Höhe von fast zwölf Milliarden Euro auf den Weg gebracht: Zum einen werden fünf zusätzliche Patrouillenschiffe sowie hochmoderne Langstreckendrohnen beschafft; im Osten Grönlands wird ein neues Luftüberwachungsradar installiert. Zum anderen baut Dänemark die militärische Infrastruktur massiv aus: In Nuuk entsteht demnächst etwa ein neues Hauptquartier für die Streitkräfte samt Marinekai.

Mit Schnee bedeckte Häuser sind an der Küste einer Meeresbucht in Nuuk zu sehen.
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Zudem wird der Flughafen von Kangerlussuaq, wie Nuuk im Südwesten der Insel gelegen, so umgebaut, dass dort künftig F-35-Jets stationiert werden können. Selbst besitzt Dänemark bisher 27 solcher Kampfflugzeuge – und hat in den USA eine Bestellung für weitere 16 Maschinen aufgegeben. Die doppelte Botschaft darin: Wir haben verstanden, dass wir mehr tun müssen, und wir sind bereit, weiter ein enger Partner der USA zu sein.
In diese Logik passt der europäische Vorstoß, eine gemeinsame Nato-Mission für Grönland unter dem Namen „Arctic Sentry“ (Wächter der Arktis) zu beschließen. Die Führung könnten Großbritannien und Deutschland übernehmen, berichtet die Nachrichtenagentur Bloomberg. Europa würde seine Präsenz damit massiv verstärken. Trump verwarf die Idee direkt: Das ändere nichts, sagte er. Zumindest bei Rubio aber, so dürfte Kopenhagen hoffen, könnte man jetzt mit Sachargumenten vordringen – und von ihm im Umkehrschluss erfahren, worum es Trump denn eigentlich geht.
Sicherheitsabkommen seit 1951
Militärisch haben die USA auf Grönland dank eines bilateralen Abkommens aus dem Jahr 1951 nämlich schon jetzt quasi freie Hand. Kooperationsbereit ist man auf dänisch-grönländischer Seite auch, was die mögliche Ausbeutung natürlicher Rohstoffe anbelangt. Trotz des fortschreitenden Klimawandels sind die Ressourcen jedoch nicht einfach und damit auch nicht billig aus der Erde zu holen. Gewaltige Investitionen wären nötig, und zu diesen waren US-Firmen bisher jedoch nicht bereit. Möglicherweise strebt Trump ein Ressourcen-für-Sicherheit-Abkommen an – nach dem Vorbild des Rohstoffdeals mit der Ukraine.
Ein solcher Deal würde wahrscheinlich in der US-Bevölkerung besser ankommen als eine Einverleibung gegen den Willen der Grönländer. Einer Umfrage vom Sommer zufolge unterstützen nur 24 Prozent der Amerikaner einen Kauf der Insel – und lediglich 7 Prozent sind für den von Trump angedrohten Einsatz von militärischer Gewalt zur Übernahme. Die Inselbewohner ihrerseits sind mit überwältigender Mehrheit gegen einen Anschluss an die USA – in einer Umfrage im vergangenen Jahr sprachen sich 85 Prozent dagegen aus.
Trump lässt all das kalt
Den US-Präsidenten lässt das bislang kalt. Trump hat unmissverständlich klargemacht, dass er Grönland als „Eigentum“ möchte. „Wir werden in Grönland etwas unternehmen, ob es ihnen gefällt oder nicht“, sagte er. „Denn wenn wir es nicht tun, werden Russland oder China Grönland übernehmen – und wir werden Russland oder China nicht als Nachbarn haben.“ Er ignoriert, dass Russland bereits Nachbar der USA ist – nur durch die Beringstraße vom Bundesstaat Alaska getrennt, wo Trump im August Kremlchef Wladimir Putin den roten Teppich ausrollte. Trump behauptet außerdem, Grönland sei „überall von russischen und chinesischen Schiffen“ umgeben.

Dänemarks Außenminister Lars Loekke Rasmussen (l) und Dänemarks Verteidigungsminister Troels Lund Poulsen sprechen auf einer Pressekonferenz.
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In Nuuk findet sich niemand, der das bestätigen würde. „Ich habe in meinem ganzen Leben kein russisches oder chinesisches Schiff gesehen“, berichtet etwa ein 44 Jahre alter Musiker. Er hat keine Erwartungen an das Krisentreffen mit Rubio und Vance. „Ich glaube nicht, dass da etwas Gutes herauskommen wird“, sagt der Grönländer. „Ich bin ziemlich besorgt. Es ist offenkundig, dass es gleichgültig ist, was wir oder die Dänen vorschlagen. Es geht darum, was Trump möchte.“ Ob der US-Präsident tatsächlich das Militär in Marsch setzen könnte? „Es ist schwer vorstellbar. Aber wenn ich sehe, wozu er alles fähig ist, befürchte ich das Schlimmste.“
Rubios Darstellung zufolge wäre Trumps bevorzugte Lösung, Grönland zu kaufen. Für Empörung sorgt auf der Insel ein Bericht der Nachrichtenagentur Reuters, dass die US-Regierung Einmalzahlungen an Grönländerinnen und Grönländer erwägt. Mit Summen zwischen 10.000 und 100.000 Dollar (rund 8600 bis 86.000 Euro) pro Person sollen sie von einem Anschluss an die USA überzeugt werden.
Ein banger Blick in den Himmel
„Das ist verrückt“, sagt der Musiker. „Man kann uns unsere Freiheit doch nicht abkaufen.“ Die Grönländer wüssten genau, wie die USA ihre indigenen Völker behandelt haben. „Er denkt, wir sind nur ein Produkt.“ Als eingefleischter Kapitalist verstehe Trump zudem nicht, dass für Grönländer materielle Dinge nicht vorrangig seien. „Für uns zählt die Nähe zur Natur, nicht Geld. Und was auch noch wichtig ist: Wenn wir hier krank sind, müssen wir nicht dafür bezahlen, wieder gesund zu werden. Wenn ich mir in den USA einen Arm brechen würde, wäre ich für die Behandlung 10.000 Dollar los. Da sind auch 100.000 Dollar auf lange Sicht nicht viel.“
Pilo Plesner Lund ist Verkäuferin im Modegeschäft „Tingo“ im Zentrum Nuuks, eigentlich will sie erst nicht mit dem Reporter aus Deutschland reden. Dann brechen ihre Gefühle doch hervor. „Ich merke, wie ich in den Himmel schaue oder auf Flightradar nach Flugzeugen aus den USA mit Kurs auf uns suche“, sagt die 49-Jährige – aus Angst vor Luftlandetruppen.
Lund zeigt ihren jüngsten Post auf Facebook, bei dem sie mit sich gerungen hat, ob sie ihn veröffentlichen soll. „Wir sehen keine Bedrohung außer Trump“, schreibt sie dort. „Er macht uns Angst.“ Ihm gehe es nur um persönliche Bereicherung. Das angebliche Geldangebot für Grönländer nennt Lund „respektlos“. Sie sagt: „Wir geben doch für Geld nicht unsere Kultur und Traditionen auf.“ Lund ist überzeugt davon, dass ihre Landsleute ein solches Angebot niemals annehmen würden. „Das wäre, als würden wir unsere Seele dem Teufel verkaufen.“

