Wo Lokaljournalismus wegbricht, füllen Interessengruppen die Lücken. Das zeigt das Beispiel USA, und auch in Deutschland dünnen Lokalredaktionen seit Jahren aus. Journalistik-Professor Klaus Meier erklärt, was das für Demokratie und Zusammenhalt bedeutet, und wer gegensteuern muss.
Lokaljournalismus in der KriseWas Deutschland von den USA lernen kann

Klaus Meier, Professor für Journalistik an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, forscht dort seit 2011 zum Lokaljournalismus.
Copyright: Dr. Christian Klenk (KU)
Wenn Sie auf die USA schauen: Was ist für Sie die wichtigste Lehre für den Lokaljournalismus in Deutschland?
Klaus Meier: Wir können in den USA sehen, was passiert, wenn Lokaljournalismus wegbricht und nicht mehr vor Ort vorhanden ist. Dann bleibt keine Lücke, sondern die Lücke wird schnell gefüllt von anderen Angeboten. Und das sind dann in aller Regel einseitige Angebote von Interessengruppen, auch von Unternehmen, von Parteien, von Gemeindeverwaltungen. Alle versuchen dann zu kommunizieren.
Es fehlt aber die Stimme, die vielfältig alles zusammenstellt und die Interessen hinter diesen individuell interessengeleiteten Botschaften sichtbar macht.
Wie steht es in Deutschland um die lokale Nachrichtenversorgung – vor allem in ländlichen Regionen, wenn wir an die US-„News Deserts“ denken?
Wir haben in Deutschland, Gott sei Dank, noch keine Nachrichtenwüsten. Wir haben einzelne Landkreise, in denen es keine gedruckte lokale Tageszeitung gibt, sondern nur noch digitale Angebote. Die Prognose ist relativ einfach: Es werden gedruckte Ausgaben in vor allem dünn besiedelten Regionen in den nächsten Jahren zurückgehen und die Menschen müssen digitale Angebote nutzen.
Was mir aber noch mehr Sorgen macht, ist, dass wir seit etlichen Jahren feststellen, dass Lokalredaktionen ausgedünnt werden, dass es also weniger Journalisten und Journalistinnen gibt, die sichtbar vor Ort sind, in den Gemeinden, die dort recherchieren, die bekannt sind als die Stimme der Lokalzeitung, die Stimme des Lokaljournalismus vor Ort.
Welche Folgen hat so ein Rückgang des Lokaljournalismus für Demokratie und gesellschaftlichen Zusammenhalt? Sehen Sie bereits Parallelen zu den USA?
Der Lokaljournalismus ist ein ganz wesentlicher Baustein für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, für die Bindung vor Ort. Man kann auch sagen: für das Gefühl von Heimat, das die Menschen brauchen, um sich in der Region wohlzufühlen. Diese Stimme, die alle zusammenbringt und dafür sorgt, dass wir uns wohlfühlen, die fehlt. Aber was auf der anderen Seite auch fehlt, ist das, was wir immer wieder als Kritik und Kontrolle bezeichnen: dass die lokalen Machthaber auch kritisch beäugt werden, dass recherchiert wird, dass Missstände aufgedeckt werden.
Wir sehen an den USA schon in einzelnen Studien, dass in Regionen, in denen es keinen Lokaljournalismus mehr gibt, die Wirtschaftskriminalität steigt, die Ausgaben der öffentlichen Verwaltung gestiegen sind und auch die Wahlbeteiligung zurückgegangen ist. Demokratie braucht unabhängig und sauber recherchierte Informationen für ihre Bürgerinnen und Bürger, damit sie vernünftige Wahlentscheidungen treffen können.
Ich glaube, wir sind uns da nicht so richtig bewusst, was passiert, wenn wir nur noch der Propaganda ausgeliefert sind, wenn wir den Wut-Tiraden in den Sozialen Medien ausgeliefert sind. Dann spaltet sich unsere Gesellschaft, es fragmentiert, es geht auseinander. Wir haben keine gemeinsame Stimme mehr, keine gemeinsame Realität, an der wir uns orientieren können. Und das beschädigt auch das Zusammenleben vor Ort, egal, ob das nun die Großstadt ist oder die kleine Gemeinde in der Region.
Welche konkreten Modelle oder Maßnahmen brauchen wir, um Lokaljournalismus in Deutschland in den nächsten Jahren zu sichern? Und: Wer sollte das bezahlen?
Wir fangen mal bei den Journalistinnen und Journalisten an. Wichtig ist, dass man sauber recherchiert, dass man erklärt, wie man arbeitet, dass man vor Ort sichtbar ist. Das betrifft natürlich auch die Medienkonzerne und Medienunternehmen, dass sie diese Möglichkeiten den Journalistinnen und Journalisten geben. Wichtig ist aber auch, dass die Leserinnen und Leser – wir als Bürgerinnen und Bürger – sich verpflichtet fühlen, auch für digitale Angebote zu bezahlen, und nicht denken, saubere Information sei kostenlos zu bekommen.
Und der dritte Punkt ist der, dass wir uns als Gesellschaft Gedanken machen müssen, wie wir Lokaljournalismus finanziell stärken können. Da gibt es schon Modelle in anderen Ländern: Steuerbefreiungen, Finanzierung von Start-ups, die dort entstehen – also Journalismusförderung.
Gemeinnütziger Journalismus würde zum ersten Punkt passen, zu Steuerbefreiungen und Steuerreduzierungen. Es gibt viele Steuerungsinstrumente, die wir bundesweit in der Hand hätten und die wir auch nutzen müssten.
Haben Sie ein Land vor Augen, an dem wir uns orientieren könnten?
Man kann gut in die skandinavischen Länder schauen, dort wird Lokaljournalismus schon seit vielen Jahren finanziell unterstützt. Die Sorge, die wir immer wieder haben, ist, dass der Staat, wenn er finanziert, auch vorgibt oder befiehlt, was in der Zeitung steht. Diese Sorge nimmt uns der skandinavische Journalismus, weil die Länder dort in den Rankings zur Pressefreiheit immer an der Spitze stehen, obwohl sie staatliche Unterstützung für ihre Lokalzeitungen erhalten.
Zur Person: Klaus Meier ist Professor für Journalistik an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Er hat nach dem Abitur eine Ausbildung zum Lokalredakteur bei der Frankenpost gemacht und war anschließend als Lokaljournalist tätig. Seitdem beschäftigt er sich regelmäßig mit Studien zum Lokaljournalismus.