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„Fühlt sich überwachend an“So reagieren junge Kölner auf das neue Wehrdienst-Gesetz

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Bundeswehrsoldaten der Panzerbrigade Litauen stehen in einer Formation in Nemencine.

Die Auslandsregel aus der Wehrdienstreform sorgt für Diskussionen (Symbolbild).

Eine Auslandsreise-Regel im neuen Wehrdienstgesetz hat für Wirbel gesorgt, Pistorius will nun nachbessern. Was sagen Betroffene in Köln?

Verteidigungsminister Boris Pistorius will noch in dieser Woche eine Ausnahme von der im Wehrdienstgesetz grundsätzlich angelegten Meldepflicht für lange Auslandsreisen wehrfähiger Männer. „Ob 17 oder 45 Jahre oder dazwischen – alle dürfen selbstverständlich verreisen und brauchen derzeit dafür auch keine Genehmigung“, sagte der SPD-Politiker der Deutschen Presse-Agentur. Ein längerer Auslandsaufenthalt müsse aktuell auch nicht angezeigt werden.

Zuvor hatte es Aufruhr um eine Passage im neuen Wehrdienstgesetz gegeben. Nach dem Gesetzeswortlaut müssten Männer zwischen 17 und 45 Jahren Auslandsaufenthalte von mehr als drei Monaten grundsätzlich von der Bundeswehr genehmigen lassen. Das Verteidigungsministerium erklärte, per Verwaltungsvorschriften werde klargestellt: Solange der Wehrdienst freiwillig ist, gilt die Genehmigung als erteilt.

Pistorius begründete die Regelung mit Vorsorge für den Ernstfall. Sollte sich die Sicherheitslage verschlechtern und ein verpflichtender Wehrdienst nötig werden, müsse bekannt sein, wer verfügbar ist. Der neue Wehrdienst sei jedoch freiwillig, betonte er, niemand werde gegen seinen Willen eingezogen. Das Wehrdienst-Modernisierungsgesetz ist zum 1. Januar in Kraft getreten. Kern ist die verpflichtende Musterung für junge Männer ab dem Jahrgang 2008.

Diese Redaktion hat mit Männern in Köln darüber gesprochen, wie sie diese Regelung wahrnehmen.


Manuel Schneider

Ein Mann mit Brille und im blauen T-Shirt schaut in die Kamera.

Manuel Schneider hat selbst Wehrdienst geleistet.

„Ich finde es ganz gut, dass der Wehrdienst wieder eingeführt werden soll – nicht unbedingt im Sinne von Aufrüstung, sondern um jungen Leuten generell eine Perspektive zu geben. Ich wusste damals selbst nicht so richtig, was ich machen sollte. Dann habe ich meinen Dienst geleistet, und das hat mir persönlich in meiner Entwicklung gutgetan. Zu den neusten Entwicklungen: Es ist aus meiner Sicht noch nicht richtig geklärt, was genau der Hintergrund ist, warum man sich abmelden muss und was der Sinn dahinter ist. Um mir eine Meinung darüber zu bilden, müsste das erst geklärt sein.“


Florian Arnold

„Ich habe von dieser Regelung durch meinen Vater erfahren und war erst einmal verwirrt. Für mich spielt der mögliche Wehrdienst im Alltag bislang keine große Rolle. Ich halte es für schwierig, wenn so etwas über einen hinweg entschieden wird. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich darauf wirklich Einfluss nehmen kann. Gleichzeitig betrifft es mein Leben schon, weil ich theoretisch eingezogen werden könnte. Und irgendwie fühlt man sich auch ein wenig ungerecht behandelt als junge Person.“

Zwei junge Männer, beide tragen eine Brille, schauen in die Kamera.

Florian Arnold (r.) und Henry Gunia haben die Auslandsregel zur Wehrdienstreform erst spät mitbekommen und fühlen sich als junge Männer verunsichert.

Henry Gunia

„Ich habe das bei Instagram gesehen. Für mich wirkte das sofort so, als wolle der Staat auf einmal wissen, wo ich bin. Das fühlt sich überwachend an, gerade für uns junge Menschen. Ich kann es mir zwar selbst nicht leisten, einfach drei Monate das Land zu verlassen. Aber ich habe das Gefühl, dass es wieder mehr Einschränkungen für junge Leute gibt. Das ist einfach scheiße.“


Christian Kaufmann

„Grundsätzlich fände ich das nicht gut. Wahrscheinlich, weil man es selbst nicht wollen würde. Gleichzeitig muss man für sein Land auch einstehen und etwas zurückgeben. Ich bin als Beamter raus, ich kann nicht eingezogen werden – ich habe ohnehin meine Dienstpflicht. Aber ich kann verstehen, wenn junge Leute das nicht wollen, weil man Angst davor hat.“


David Grzesik

„Erst dachte ich, als ich das bei Instagram gesehen habe: Wie ernst ist das eigentlich? Das hat sich inzwischen etwas relativiert. Ich verstehe irgendwie den Gedanken dahinter. Trotzdem habe ich ein ungutes Bauchgefühl, weil man merkt, dass da eine gewisse Ernsthaftigkeit dahintersteckt. Dadurch kommt einem das Thema näher und man denkt überhaupt erst mal darüber nach, wie man dazu steht. Vorher habe ich mir über Wehrdienst keine Gedanken gemacht.“

Zwei Männer in bunten Shirts schauen in die Kamera.

David Grzesik (l.) und Till Blumberg bleiben beim Thema Wehrdienst skeptisch.

Till Blumberg

„Ich habe das insgesamt eher am Rande mitbekommen. Ich kann aber nachvollziehen, woher die Überlegungen kommen, mit den vielen Krisen, dass man im ersten Moment an Selbstschutz denkt. Mich persönlich spricht das trotzdem gar nicht an. Vom Stand heute wäre ich nicht bereit, mein Land zu verteidigen.“


Jonas Jeromin

Offen gesagt habe ich damit kein Problem. Ich wüsste nicht, was mich daran einschränkt oder wo genau das Problem sein soll.

Zur Wehrpflicht: Natürlich ist das ein Thema, weil es mich auch selbst betrifft. Grundsätzlich finde ich aber, dass es wichtig ist, dass es so etwas gibt. In der aktuellen Lage kommt man aus meiner Sicht nicht nur mit Worten weiter. Man kann nicht nur andere machen lassen und zuschauen, man muss auch selbst etwas tun. Klar ist auch: Kinder und ältere Menschen kommen dafür nicht infrage. Dann bleiben zwangsläufig die jungen Leute, die aktiv werden müssen.


Julian Krausen

Ein Mann mit Hund im Arm schaut in die Kamera.

Julian Krausen kritisiert die Debatte um Wehrdienst und Auslandsregel scharf: Für ihn wirkt das wie „unterschwellige Kriegspropaganda“ und ein weiterer Schritt zu mehr Einschränkungen.

„Leider ist es inzwischen normal geworden, dass man jede Woche solche Nachrichten bekommt und sich fragt: Was soll das eigentlich? Für mich fühlt es sich schon länger wie unterschwellige Kriegspropaganda an. Dann fragt man sich, wofür man jetzt ,kriegstauglich‘ gemacht werden soll, und dann kommt so etwas noch obendrauf. Ich kann da nur den Kopf schütteln. Eigentlich müssten die Leute dagegen wieder auf die Straße gehen.“


Ignacio Pinedo

„Ich hatte überlegt, die Einbürgerung zu beantragen. Ich kann aber auch ohne Einbürgerung hierbleiben, bis meine Tochter 18 ist. Dann wäre ich über 45. Mir ist jetzt erst klar geworden, dass es unter 45 vielleicht nicht so vorteilhaft wäre, deutscher Staatsbürger zu sein.

Ein Mann mit rotem Schal schaut in die Kamera.

Ignacio Pinedo überlegt nach der Debatte um die Auslandsregel, seinen Einbürgerungsantrag zu pausieren.

Meine Frau und mich hat zuerst überrascht, dass dieses neue, alte Gesetz in der Debatte gar nicht so viel Aufregung ausgelöst hat. Und konkret: Wir hätten nicht gedacht, dass das bis 45 geht. Das ist schon ein hohes Alter, in dem man im Zweifel noch eingezogen werden könnte.

Deshalb überlegen wir, den Einbürgerungsprozess für mich erst mal auszusetzen. Wer weiß, wie sich die Lage entwickelt? Ob es bei freiwilligen Regelungen bleibt oder ob am Ende tatsächlich alle bis 45 betroffen wären. Wir denken gerade, dass wir den Prozess vorerst pausieren.“


Julius und Leonard Brixius

Zwei Männer schauen in die Kamera.

Julius (l.) und Leonard Brixius hatten die Auslandsregel zunächst nicht auf dem Schirm. Landesverteidigung kommt für die beiden nicht infrage.

„Von der Auslandsregel haben wir ehrlich gesagt bislang nichts mitbekommen. Wir halten uns da ein Stück weit raus. Sachen, die uns nicht gefallen, lesen wir uns oft gar nicht erst durch, auch wegen unserer mentalen Gesundheit.

Die Debatte an sich zur Wehrpflicht haben wir natürlich mitbekommen, aber wir dachten bislang, mit unseren Jahrgängen, wir sind 24 und 26, sind wir raus. Das haben wir gehofft, aber es sieht jetzt wohl nicht so aus. Für uns käme das auf gar keinen Fall infrage: Landesverteidigung können wir uns nicht vorstellen.“