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Erste Testfahrten mit 30-Meter-LkwAtommüll aus Jülich wird wohl in NRW-Stadt transportiert

Lesezeit 4 Minuten
Etliche gelbe, zylindrische Castor-Behälter stehen in einer Lagerhalle.

Im Forschungszentrum Jülich lagern 152 Castor-Behälter. (Archivbild)

NRW sucht seit Jahren nach einem Zwi­schen­la­ger für Atommüll aus Jülich. Das Ziel ist rund 180 Kilometer entfernt.

Lange war nicht klar, was mit dem Atommüll der Reaktoren des AVR-Forschungszentrum Jülich passieren sollte. Nun hat ein Logistikunternehmen am Dienstag und Mittwoch Testfahrten für den Transport der Brennelemente aus dem Zwischenlager Jülich in das Zwischenlager Ahaus durchgeführt. Damit scheint die Alternative, der Bau eines neuen Lagers in Jülich, vom Tisch. Ein Schritt in die falsche Richtung, finden Kritiker.

Schon seit 2014 steht fest: Im Zwischenlager Jülich im Norden des Kreises Düren dürfen die 152 Behälter vom Typ Castor, die mit kugelförmigen Brennelementen befüllt sind, nicht bleiben. Die Halle entspricht nicht den Sicherheitsanforderungen, vor allem weil sie als nicht erdbebensicher gilt. Die Atomaufsicht hatte deshalb die „unverzügliche Räumung“ des Provisoriums angeordnet. Dafür verantwortlich ist die Jülicher Entsorgungsgesellschaft für Nuklearanlagen (JEN).

Neues Zwischenlager in Jülich oder Transport nach Ahaus

Daraufhin waren drei Optionen im Gespräch: Die Brennelemente in das Herkunftsland USA zurückzuführen (US-Option). Die Castoren in ein Zwischenlager in Ahaus im westlichen Münsterland zu transportieren (Ahaus-Option). Ein neues Zwischenlager am Standort Jülich zu errichten (Neubau-Option). 

Die US-Option ist schon länger vom Tisch. Sie wäre mit den meisten Kosten und Risiken verbunden gewesen. Danach schien die Neubau-Option favorisiert, doch ein Lager wurde nie gebaut. Aus Sicht der Atomaufsicht Nordrhein-Westfalens ist eine Genehmigung der Neubau-Option weiterhin schneller zu erreichen als ein Transport nach Ahaus. Das teilt das Wirtschaftsministerium des Landes NRW dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ auf Anfrage mit. Das Ministerium ist für die atomrechtliche Aufsicht zuständig.

In einem Bericht der verantwortlichen Bundesministerien wurde jedoch im September 2022 festgelegt, dass zwar beide Optionen verfolgt, die Ahaus-Option jedoch priorisiert werden soll – sie sei am schnellsten und günstigsten umsetzbar. Dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ liegt dieser Bericht vor. Dem gehe die JEN nach, sagt Jörg Kriewel, Leiter der JEN-Unternehmenskommunikation.

Atommüll in NRW: JEN führt Testfahrten zwischen Jülich und Ahaus durch

So rollte am vergangenen Dienstag ein 30 Meter langer Lkw zunächst auf dem Jülicher Gelände und wurde auf seine Rangierfähigkeiten und Sicherheit geprüft, bevor er nachts die Strecke von gut 180 Kilometern zum Zwischenlager nach Ahaus fuhr. Dort wurde der Lkw wiederum am nächsten Tag getestet. Das sei Teil des Genehmigungsverfahrens durch das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE), erklärt Jörg Kriewel.

Im Oktober soll entsprechend eine weitere Testfahrt, eine sogenannte Kalthandhabung, stattfinden. Der Lkw wird dann mit einem leeren Castor beladen und alle Abläufe werden getestet – eine Generalprobe also. „Wenn dann alles so gut klappt wie am Dienstag, rechnen wir mit einer Genehmigung Ende des Jahres“, so Kriewel.

Wird diese Genehmigung erteilt, geht die JEN davon aus, im ersten Quartal 2024 mit den Transporten beginnen zu können. Alle 152 Castoren sollen dann innerhalb von zwei Jahren transportiert werden. Die JEN hat vier Lkw, die jeweils einen Castor befördern können und vollbeladen 130 Tonnen schwer sind. Sobald die ersten Transporte erfolgt sind, will die JEN der Neubau-Option nicht mehr nachgehen.

Anti-Atom-Organisation kritisiert „planlosen“ Transport von Atommüll

Das sorgt für einen Aufschrei bei der Anti-Atom-Organisation „Ausgestrahlt“. Eine Verfrachtung des Atommülls löse das Problem nicht, so Helge Bauer von „Ausgestrahlt“, sondern verlagere es bloß. „Da es frühestens im 22. Jahrhundert ein Endlager für den Müll geben wird, wird die Zwischenlagerung de facto eine Langzeitlagerung“, sagt er.

Die Genehmigung des Zwischenlagers in Ahaus erlischt jedoch in 13 Jahren. Was dann mit den Castoren aus Jülich passieren soll, steht nicht fest. „Es ist ganz klar, dass die Atomaufsicht die Genehmigung verlängern muss“, betont Jörg Kriewel von der JEN, „und das wird sie tun, bin ich mir sicher“.

Auch der Kritik, dass der Transport der hoch radioaktiven Stoffe unsicher sei, widerspricht Kriewel: „Wenn die Transportgenehmigung vorliegt, ist nachgewiesen, dass die Fahrzeuge den Sicherheitsrichtlinien entsprechen.“ Der Transport sei bereits für 2017 vorbereitet gewesen, sagt Kriewel. Im Jahr zuvor wurden vom BASE jedoch neue Richtlinien eingeführt, nach denen der Schutz gegen Terror stärker beachtet werden muss. Laut Kriewel wurde das im neuen Transportkonzept bedacht, weshalb sich die Testfahrten bis 2023 verzögert hätten.

NRW-Wirtschaftsministerium: Entscheidung steht noch nicht fest

Ob eine Lager-Option sicherer sei als die andere, möchte Kriewel nicht mutmaßen. Helge Bauer von „Ausgestrahlt“ hingegen ist sich sicher, dass die Neubau-Option deutlich sicherer ist. Sie würde das ihm zufolge planlose Herumfahren von Atommüll durch NRW, bei dem Bevölkerung und Umwelt einem vermeidbaren Risiko ausgesetzt seien, verhindern.

Weiter kritisiert die Organisation, dass die Reparaturmöglichkeiten bei möglichen Undichtigkeiten in Ahaus nicht ausreichend seien. Die Gesellschaft für Zwischenlagerung (BGZ), die das Zwischenlager in Ahaus verantwortet, widerspricht dem: „Sollte es zu einer Entscheidung für die Ahaus-Option kommen, können wir hier die sichere Zwischenlagerung gewährleisten.“ 

Trotzdem: Noch sei nichts entschieden, betont das NRW-Wirtschaftsministerium: „Zum jetzigen Zeitpunkt liegen für keine der beiden Optionen die formalen und technischen Voraussetzungen vor.“ 

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