Hamburg schnitt lange miserabel in Bildungsstudien ab. Heute gehört der Stadtstaat zu den Spitzenreitern. Wie haben die Hamburger das geschafft? Und was bedeutet das für NRW?
Blick von NRW nach HamburgWie verbessert man ein Bildungssystem?

Zwei Mädchen sitzen auf einem Pausenhof in Bonn.
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Zuletzt nannte die NRW-Schulministerin Dorothee Feller (CDU) Hamburg Mitte Januar als Vorbild. Es war bei ihrer Ankündigung der verpflichtenden ABC-Vorschulklasse für Kinder mit mangelhaften Deutschkenntnissen: Hamburg habe eine ähnliche vorschulische Förderung, hieß es. Die Hansestadt, so scheint es, ist zum bildungspolitischen Hoffnungsträger in Deutschland aufgestiegen. Kein Wunder, dass NRW nach Norden blickt.
Denn wer über Probleme der Schulen in NRW spricht, hat die freie Themenauswahl. Da wären die maroden Schulgebäude. Da wäre der massive Lehrermangel. Und da wären die Bildungsstudien, in denen Nordrhein-Westfalen miserabel abschneidet.
Doch wie verbessert man ein Bildungssystem? Zwei Jahre lang diskutierte die Enquete-Kommission „Chancengleichheit in der Bildung“ diese Frage im Landtag. Abgesandte aller Fraktionen rätselten mit, Fachleute berieten. Im Oktober veröffentlichte sie ihren Abschlussbericht mit Empfehlungen: Mehr Ganztag, eine Bildungs-ID für Schülerinnen und Schüler. Und: Mehr Hamburg. Kein Bundesland wurde im Abschlussbericht häufiger erwähnt. Warum ausgerechnet Hamburg?
Früher ein Schlusslicht, heute im Länderranking oben
Beim Thema Schulpolitik galt die Hansestadt lange als hoffnungsloser Fall. Doch seit den 2010er Jahren geht es in den Bildungsstudien bergauf.
Zum Beispiel im Bildungsmonitor der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft. 2009 belegte Hamburg in dem Länder-Ranking noch den 13. Platz, NRW lag auf Platz 15. 2025 schaffte es Hamburg auf Platz drei – und Nordrhein-Westfalen auf Platz 14.
Ein ähnliches Bild zeigt sich im IQB-Bildungstrend. Dieser erfasst regelmäßig die Kompetenzen der Schüler in Deutsch, Mathe, Englisch und den Naturwissenschaften. Momentan zeichnet er für alle Bundesländer ein düsteres Bild. Während 2009 noch mehr als jeder fünfte Neuntklässler in Deutschland die Mindeststandards im Lesen verfehlte, war es 2022 fast jeder dritte. Die Daten zeigen aber auch: In jeder Kompetenzmessung, sei es Mathe, Biologie, Chemie oder Physik, schneidet Hamburg heute besser ab als NRW.
Wie hat Hamburg das geschafft?
Hamburg setzt auf datengestützte Schulentwicklung
Peter Albrecht, Pressesprecher der Hamburger Schulbehörde, spricht von drei Säulen, die aus seiner Sicht Hamburg auf die oberen Ränge der Bildungsstudien bugsierten. Säule eins nennt er den „Schulfrieden“. Seit 2010 können Eltern nach der Grundschule zwischen zwei weiterführenden Schulformen entscheiden. Option eins: Das Kind besucht ein Gymnasium und legt nach acht Jahren sein Abitur ab. Option zwei: Es besucht eine Stadtteilschule, die man in NRW Gesamtschule nennen würde. Auch hier können Schülerinnen und Schüler bis zum Abitur gehen, allerdings nach neun Jahren. Mehr Schulformen gibt es nicht. „Wir haben keine Realschulen und keine Hauptschulen“, sagt Albrecht. Das Hin und Her zwischen G8 und G9 sei dadurch gelöst. „Diese Stabilität hat unseren Schulen geholfen, sich auf ihre Kernaufgabe zu konzentrieren: Unterricht und Schulentwicklung.“
Säule zwei: Daten. Die Schulbehörde prüft den Lernstand von Kindern und Jugendlichen der Klassen 2,3,5,8,9 und 11. Die entsprechenden Tests werden von einem Institut durchgeführt und ausgewertet, Lehrkräfte müssen nur die Teilnahme der Kinder garantieren. „Hinterher bekommen sie eine Rückmeldung, wo dieses Kind steht“, sagt er. „Man erkennt dabei die Potenziale und Defizite.“ Die Daten zeigen auch, welche Klassen und Schulen gut abschneiden. „Daran können auch Lehrer ihren Unterricht ausrichten“, so Albrecht. „Das hat sich als erfolgreich erwiesen.“
Die Testungen hebt auch Isabell van Ackeren-Mindl hervor, Professorin für Bildungssystem- und Schulentwicklungsforschung an der Universität Duisburg-Essen. Hamburg habe früh und systematisch auf datengestützte Schulentwicklung gesetzt, sagt sie. Diese Testergebnisse kombiniere man mit Sozialraumdaten. „Es ist eine Politik des genauen Hinschauens.“ So könnte man Herausforderungen an Schulen gezielter angehen. Dazu fördere Hamburg auch die sozial-emotionale Entwicklung: Kinder lernen, Frust auszuhalten und dranzubleiben – was auch beim Lösen von Matheaufgaben helfe.
NRW führt mit ABC-Klassen ähnliches Konzept ein
Säule drei: Alle Kinder müssen mit viereinhalb Jahren der Schule vorgestellt werden. „Da sind wir sehr strikt. Kein Kind darf durchs Netz fallen“, so Albrecht. „Dann wird genau hingeschaut: Welchen Sprachstand haben die Kinder? Wie weit sind sie in ihrer allgemeinen Entwicklung?“ Hat das Kind einen Sprachförderbedarf, zieht die Behörde die Schulpflicht um ein Jahr vor. Erscheint das Kind nicht, werden die Eltern zur Rechenschaft gezogen – wenn nötig auch mit Bußgeld. In Nordrhein-Westfalen greift künftig mit den ABC-Klassen ein ähnliches Konzept: Die Schulanmeldung wird ab 2028 von Herbst auf Frühjahr vorgezogen.
Dabei sollen Kinder künftig auf ihre Deutschkenntnisse geprüft werden. Sind diese mangelhaft, müssen diese Kinder im Jahr vor ihrer Einschulung zweimal wöchentlich für je zwei Stunden in eine ABC-Klasse. Säule drei scheint also in NRW in ähnlicher Form anzulaufen.
„Nordrhein-Westfalen hat in der Schulpolitik keine Berührungsängste“, sagt ein Sprecher des Ministeriums auf die Frage, wie sehr sich NRW an Hamburg orientiert. „Im Gegenteil: Abschreiben ist ausdrücklich erlaubt – jedenfalls dann, wenn es gute Ideen sind.“ Nordrhein-Westfalen gehe mit den ABC-Klassen einen ähnlichen Weg wie Hamburg, allerdings soll es in NRW „keine ‚Vorschule‘ als Alternative zur Kindertageseinrichtung geben“. Man habe sich angeschaut, wie andere Länder und Staaten vorgehen und „daraus die besten Ansätze zu einem für Nordrhein-Westfalen stimmigen Gesamtkonzept verbunden“, so der Sprecher.
Ist Hamburg also das Bundesland, das alles richtig gemacht hat? Grit Katzmann von der Lehrergewerkschaft zeichnet ein differenzierteres Bild. Vieles sei gut gelaufen, sagt sie: der Ausbau des Ganztags, der Einsatz multiprofessioneller Teams, bei dem Schulen je nach Sozialindex mehr Sozialarbeiter zugewiesen bekommen, die verpflichtenden Untersuchungen für Viereinhalbjährige. „Wir haben viel geschafft. Aber das führt zu einer hohen Arbeitsbelastung beim Personal“, sagt Katzmann. Wird bei einer Testung ein Förderbedarf bei einem Schüler festgestellt, folgen seitenlange Förderpläne. Das sei „sehr viel Verwaltungsaufwand“ für die ohnehin knappe Zeit der Lehrkräfte. „Auch in Hamburg gibt es bildungspolitisch Luft nach oben“, sagt Katzmann. „Ich würde mir wünschen, dass die Behörden Lehrkräfte mehr in den Blick nehmen. Dann könnten wir das, was in den letzten Jahren entwickelt wurde, für Schülerinnen und Schüler besser umsetzen.“
Was in Hamburg funktioniert, muss nicht auch in NRW klappen. Das betonen sowohl der Pressesprecher der Hamburger Schulbehörde als auch das NRW-Schulministerium. Hamburg ist ein Stadtstaat – das Ministerium ist dort Träger aller Schulen, ohne Kommunen oder Schulämter dazwischen. Dazu kommt der schiere Größenunterschied: Die Hansestadt hat 500 Schulen, NRW 5.500. Hamburg kämpft auch mit Lehrermangel, aber nicht in dem Ausmaß wie Nordrhein-Westfalen. Und dass Hamburgs Schülerinnen und Schüler im Länderranking gut abschneiden, liegt auch daran, dass andere Länder in den Tests deutlich stärker absacken.
Trotzdem zeigt Hamburg: Die Katastrophenstimmung nach jeder neuen Bildungsstudie muss kein Dauerzustand sein.
