Straftäter mit hoher Rückfallgefahr werden auch nach der Haft oft nicht entlassen. Weil es immer mehr Urteile gibt, in denen eine Sicherungsverwahrung angeordnet wird, plant die NRW-Justiz jetzt den Neubau eines zweiten Standorts in Remscheid.
Endstation SicherungsverwahrungJustiz plant zweiten Standort in NRW

Sicherungsverwahrung in der JVA Werl: Sexualstraftäter Hans-Werner K. (59) blickt aus dem Fenster auf die Anstaltsmauer.
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Die Namenstafeln hängen im Flur gegenüber der Kapelle. 34 Plaketten tragen die Namen der Männer, die seit 2016 in der Einrichtung gestorben sind. Der Erinnerungsort befindet sich in der dritten Etage von Haus 4 in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Werl. Dort leben bis zu 140 Verurteilte, die in der Sicherungsverwahrung untergebracht worden sind. „Viele haben keine Perspektive, jemals wieder auf freien Fuß zu gelangen“, sagt JVA-Leiter Marin Wulfert. „Die Sicherungsverwahrung ist grundsätzlich unbefristet - so soll die Allgemeinheit vor besonders gefährlichen Straftätern geschützt werden.“
Die JVA liegt in einem Industriegebiet im Norden von Werl. Haus 4 ist ein modernes Gebäude, das 2016 eröffnet wurde. Der Trakt ist vom normalen Vollzug in der Anstalt abgetrennt und besonders gesichert. Wie sieht der Alltag der Sicherheitsverwahrten, die im Justiz-Jargon „SVer“ genannt werden, aus? Wie gehen Sie damit um, kaum Hoffnung auf Entlassung zu haben? Der „Kölner Stadt-Anzeiger“ hatte einen Termin vereinbart, um sich einen Eindruck zu verschaffen.

Martin Wulfert, Chef der JVA in Werl, sitzt an seinem Schreibtisch.
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Anlass dafür sind neue Ausbaupläne der schwarz-grünen Landesregierung für den Bereich der Sicherungsverwahrung. Bislang ist Werl der einzige Standort in NRW, in dem es diese Unterbringung gibt. Das soll sich jetzt ändern. „Die Zahl der Neuzugänge steigt stetig“, sagte NRW-Justizminister Benjamin Limbach unserer Zeitung auf Anfrage. „Deswegen planen wir bei der Erneuerung der JVA Remscheid auch 50 weitere Plätze in der Sicherungsverwahrung ein“, so der Grünen-Politiker. Dadurch werde diese spezielle Unterbringung in NRW „auf eine robuste und zukunftsfähige Grundlage“ gestellt. Neben den bereits in Werl untergebrachten Personen verbüßen derzeit in NRW weitere 133 Straftäter ihre Haft, für die diese Maßnahme bereits angeordnet ist.
Bei der Sicherungsverwahrung bleiben die Verurteilten gemäß Paragraf 66 Strafgesetzbuch weiter in einer geschlossenen Einrichtung, nachdem sie ihre Haftstrafe verbüßt haben. Oft handelt es sich um Gewalt- oder Sexualstraftäter, bei denen befürchtet wird, dass sie rückfällig werden, wenn sie die JVA verlassen haben. Regelmäßig überprüfen Gutachter, ob von den Untergebrachten weiterhin eine Gefahr ausgeht. „Therapien und medizinische Behandlungen können zu vollzugsöffnenden Maßnahmen führen“, sagt JVA-Leiter Wulfert. In der Praxis kämen Entlassungen nur äußerst selten vor.

Sicherungsverwahrung JVA Werl: Im Gemeinschaftsbereich steht ein Billiardtisch.
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Mehr als 90 der 140 Menschen, die in Haus 4 leben, sind Sexualstraftäter. Der Besuch verläuft anders als gedacht. Während in vielen älteren Gefängnissen noch eine Alcatraz-Atmosphäre herrscht, erinnert das Ambiente im Hochsicherheitstrakt von Werl an ein gehobenes Seniorenheim. Auf jeder Etage gibt es eine funktionale Küche, Gemeinschaftsräume, Tischtennisplatten – auch eine Bücherei ist vorhanden. „Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man unsere Sicherungsverwahrung auch für ein räumlich gut ausgestattetes Pflegeheim halten“, sagt JVA-Leiter Wulfert.
Im Gegensatz zum normalen Vollzug, in dem es laut zugeht und zuweilen eine aggressive Stimmung zwischen den Inhaftierten herrscht, ist es in der Sicherungsverwahrung auffällig ruhig. Die Befürchtung, ein Besuch könne besonders gefährlich sein, erweist sich als unbegründet. „Die meisten Untergebrachten sind zwischen 50 und 70 Jahre alt“, erklärt Andreas Kaiser, der Leiter der Sicherungsverwahrung. „Richtigen Krawall gibt es bei uns so gut wie nie. Leute, die eine lebenslange Freiheitsstrafe abgesessen haben, sind nicht mehr so impulsiv wie Täter, die erstmals ins Gefängnis kommen.“

Sexualstraftäter Hans-Werner K. (59) im Flur der Sicherungsverwahurung.
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Das Bundesverfassungsgericht hatte 2011 entschieden, dass sich die Unterbringung von Sicherungsverwahrten von der im normalen Strafvollzug unterscheiden muss. Das bedeutet: Die Zellen heißen Zimmer. Sie sind von 6 Uhr bis 21.30 Uhr geöffnet. Privatkleidung ist erlaubt, es gibt häufiger als für andere Gefangene die Möglichkeit, sich mit eigenen Lebensmitteln zu versorgen.
Die Unterbrachten, denen man auf den Fluren begegnet, haben überwiegend wenig Interesse, sich mit Besuchern zu befassen. Viele wirken in sich gekehrt und antriebslos. „Die meisten haben seit vielen Jahren keine Kontakte mehr nach draußen“, sagt Psychologin Rita Dämmerling. „Angehörige haben mit ihnen abgeschlossen, die Eltern sind oft verstorben.“ Mit niemandem etwas zu tun zu haben, sei manchem ganz recht. „So vermeiden sie es, sich mit ihren Taten auseinandersetzen zu müssen. Das ist allerdings die Grundvoraussetzung dafür, eine Entlassungsperspektive zu bekommen.“
Hans-Werner K. ist ein Sicherungsverwahrter, dem man die lange Zeit seiner Unterbringung nicht anmerken würde, falls man ihm auf der Straße begegnen würde. Er nimmt am Literaturkreis teil, singt im Chor, in seinem Bücherregal stehen mehrere Bibel-Ausgaben. „Ich habe ein geklärtes Verhältnis zu meinen Abgründen“, erklärt der 59-Jährige ehemalige Versicherungskaufmann selbstbewusst. Er hatte wiederholt Sexualstraftaten an Kindern begangen, war 2006 zu vier Jahren Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt worden. Jetzt nimmt K. antiandrogene Medikamente ein, um seinen Sexualtrieb zu dämpfen. „Ich bin zuversichtlich, dass ich hier nicht sterben werde“, sagt der Rheinländer. Er hat schon zahlreiche Ausgänge, die von Justizvollzugsbediensteten begleitet wurden, hinter sich.

Sexualstraftäter Hans-Werner K. (59) in seinem Zimmer in der JVA Werl.
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In Werl wurde die JVA im Jahr 1908 als „Königlich-Preußisches Centralgefängnis“ in Betrieb genommen. Viele Menschen arbeiten in der Haftanstalt, daher gibt es eine hohe Akzeptanz für die Einrichtung. Eine Bedrohung wird offenbar nicht wahrgenommen – ein neues Wohngebiet reicht bis an die Nähe der Anstaltsmauer. Das Gefängnis ist mit mehr als 1000 Haftplätzen die zweitgrößte Anstalt des geschlossenen Vollzugs nach der JVA Köln.
1992 geriet die JVA bundesweit in die Schlagzeilen, als zwei Gefangene Geiseln nahmen und zwei Bedienstete mit Waschbenzin anzündeten. Von den Mitarbeitern, die das miterlebt haben, sind nur noch wenige im Dienst. „Aber alle wissen, was damals passiert ist“, sagt Anstaltsleiter Wulfert. „Das Trauma ist eine Mahnung, ständig wachsam zu sein.“ In Remscheid soll Ende des Jahres mit dem Neubau der JVA begonnen werden. Auch dort regt sich bislang kein Widerstand gegen die Pläne. NRW-Justizminister Limbach wirbt um Unterstützung für das Ausbau-Vorhaben. „Die Sicherungsverwahrung genügt den Ansprüchen eines modernen Rechtsstaats nur dann, wenn sie den Untergebrachten Behandlung, Therapie und reale Perspektiven gibt“, sagte der Politiker aus Bonn. Dies sei eine Verpflichtung, „den berechtigten Sicherheitsanspruch der Gesellschaft und die Menschenwürde der Untergebrachten gleichermaßen zu gewährleisten“.
