Interessenkonflikte prägen den Kampf um mehr Naturschutz in NRW. An der geplanten Rückkehr der Moore in NRW scheiden sich auch in der schwarz-grünen Landesregierung die Geister.
EU-Verordnung soll Biotope reparierenStreit um Rückkehr der Moore in NRW

Der BUND renaturiert Moore. Dr. Maritn Grund (2.v.r.) koordiniert das Projekt. Hier wird eine Spuntwand in einen Entwässerungsgraben eingelassen.
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Ein Spaziergänger, der mit seinem Hund im Dellbrücker Wald bei Thielenbruch unterwegs ist, wundert sich. Was ist das für eine Truppe, die sich im Unterholz an einem Graben zu schaffen macht? Wie professionelle Waldarbeiter sehen die Leute in den grünen Schutzwesten jedenfalls nicht aus. Ein weißer Kombi, der ganz in der Nähe auf dem Waldweg parkt, beantwortet die Frage. „Wir machen Moore wieder naß“, steht auf dem Wagen, der dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) gehört.
„Ein Moor?“, staunt der Passant. „Hier war doch gar keins.“ Nun ja, zumindest nicht in den vergangenen 150 Jahren. Aber davor schon. Die Region, die zur Bergischen Heideterrasse gehört, war feucht, weil hier Regen- und Grundwasser aus dem Bergischen Land bergab in Richtung Rhein floss. „Im 19. Jahrhundert wurden zahlreiche Entwässerungsgräben angelegt, um die Flächen forstwirtschaftlich zu nutzen“, berichtet Martin Grund. Das war gut für die Waldbesitzer – aber sehr schlecht für das Ökosystem.
Jetzt steht Grund mit einem großen Vorschlaghammer in einem der Gräben und rammt eine Spundwand aus Holz in den Boden, die das Gerüst für einen Damm bilden soll. Der Biologe koordiniert beim BUND das Moorprojekt Bergische Heideterrasse. Er und seine Helfer – Schüler, Studenten und Senioren, die sich für den Umweltschutz engagieren – werden hier in den nächsten Tagen alle Gräben abdichten. Eine Herkulesaufgabe. „Um das ganze Projektgebiet zu renaturieren, werden wohl tausende Spundwände nötig sein“, sagt der BUND-Mitarbeiter. Bis 2029 sollen auf einem Gebiet von 500 Hektar 68 Moore wieder vernässt werden.
Bund und Land unterstützen die Naturschutzorganisation bei der geplanten Wiedervernässung. Insgesamt steht ein Budget von 1,7 Millionen Euro zur Verfügung. Gerade in Zeiten des Klimawandels und zunehmender sommerlicher Dürreperioden sei es notwendig, Feuchtgebiete durch Wiedervernässung zu renaturieren, hieß es. „Davon profitieren nicht nur die auf Feuchtgebiete angewiesenen Pflanzen und Tiere – auch der Hochwasserschutz verbessert sich spürbar“, sagt BUND-Landeschef Holger Sticht.

Der Kölner Holger Sticht ist Landeschef des BUND in NRW.
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Der Kampf um die Wiederbelebung der Moore ist ein Teil der Europäischen Naturwiederherstellungsverordnung, die darauf zielt, geschädigte Ökosystem in der EU zu renaturieren. Bis 2030 müssen 30 Prozent der entwässerten landwirtschaftlich genutzten Moorböden wiederhergestellt werden, bis 2050 gar 50 Prozent. Das sind ambitionierte Ziele, die naturgemäß auch Kritiker auf den Plan rufen.
Ängste bei Anwohnern
Die Rückkehr der Moore löst bei Anwohnern zum Teil irrationale Ängste aus. Manche befürchten eine Mückenplage, andere haben Kinofilme im Kopf, in denen Menschen aus Versehen in Moore geraten und versinken. „Das ist hier natürlich nicht zu befürchten“, sagt Michael Hundt, der Leiter der Kölner Forstverwaltung. „Wir haben es ja hier nicht mit einem Hochmoor zu tun. Niedermoore wachsen sehr langsam. Da bildet sich nur ein Millimeter Torf pro Jahr.“
Vorbehalte gibt es auch bei Landwirten und in der Forstwirtschaft. Auch NRW-Landwirtschaftsministerin Silke Gorißen äußerte Bedenken. „Es besteht die Sorge, dass die Landwirtschaft für die Wiederherstellung von Flächen und resultierenden Ernteausfällen selbst aufkommen muss“, sagte die CDU-Politikerin. „Wir brauchen in aktuellen Zeiten ein stärkeres Miteinander mit unseren Bäuerinnen und Bauern und keine praxisfernen Entscheidungen gegen sie.“
NRW-Umweltminister Oliver Krischer (Grüne) unterstützt hingegen die Pläne der EU. NRW trage „aufgrund seiner Größe, seiner wirtschaftlichen Bedeutung und seiner vielfältigen Landschaften eine besondere Verantwortung für die nationale Zielerreichung“, heißt es einem Beschluss des Landesparteirats. Mit der Verordnung habe Europa einen „historischen Schritt“ getan.
BUND fordert klare Linie bei Rückkehr der Moore
Ein Jahr vor der Landtagswahl scheiden in der schwarz-grünen Landesregierung beim Thema Renaturierung die Geister. Der BUND verlangt eine klare Linie. Die Umsetzung der Wiederherstellungsverordnung müsse in NRW „ambitioniert vorangetrieben" werden, sagte BUND-Geschäftsführerin Simone von Kampen. Es gelte, „gemeinsame Lösungen für einen wirksameren Schutz unserer Lebensräume und Arten“ zu finden, insbesondere an der Schnittstelle zwischen Naturschutz und Landnutzung. „Einseitige Vorstöße zur Abwehr der Verordnung wie durch Landwirtschaftsministerin Gorißen sind da wenig hilfreich," fügte von Kampen hinzu.
Die Bergische Heideterrasse ist ein rund 80 Kilometer langes Landschaftsband, das sich von Duisburg im Norden bis Siegburg im Süden erstreckt. Das Relikt aus der Eiszeit bietet einen Rückzugraum für mehr als 700 gefährdete Tier- und Pflanzenarten. „Auch mit Blick auf extremere Wetterereignisse sind die Maßnahmen zur Regenrückhaltung sowie zur Verbesserung klimaaktiver Flächen wertvoll“, sagte Florian Distelraht, Leiter der Unteren Naturschutzbehörde der Stadt Köln. Der Renaturierungsbereich im Thielenbruch soll künftig als Naturschutzgebiet ausgewiesen werden.