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Verdienst in der PraxisWie viel verdienen niedergelassene Ärzte in NRW und Deutschland wirklich?

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Einem Menschen wird in einer Arztpraxis der Bluthochdruck gemessen. Aus Protest gegen die Gesundheitspolitik von Bundesminister Lauterbach haben Ärzteverbände dazu aufgerufen, Hausarzt- und Facharztpraxen bundesweit zwischen den Jahren geschlossen zu halten.

Blutdruckmessen, Impfen, Blutabnehmen. Werden Hausärzte in Deutschland gerecht bezahlt?

Mediziner mit eigener Praxis klagen über zu niedrige und unfair verteilte Honorare. Ist das berechtigt?

Neben hohem bürokratischen Aufwand beklagen die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte vor allem zu niedrige oder unfair verteilte Honorare. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) hatte jüngst angekündigt, das Honorarsystem umzubauen und „die Hausarztpraxen zu entökonomisieren“. Auch für Fachärzte wie Augen- oder Hautärzte, Gynäkologen, Internisten oder HNO-Ärzte soll es durch einen Umbau im deutschen Gesundheitswesen Entlastungen geben. Bis zur Umsetzung wird es noch etwas dauern.  Aber was verdienen Mediziner mit eigener Praxis in Deutschland wirklich?

Nach jüngsten Angaben des Statistischen Bundesamts für 2021 lagen die Einnahmen in niedergelassenen Arztpraxen im arithmetischen Mittel bei 756.000 Euro. Dem standen Aufwendungen von 420.000 Euro gegenüber. Daraus ergab sich ein durchschnittlicher Reinertrag von 336.000 Euro je Praxis. Dieser wird nicht pro Arzt, sondern pro Praxis berechnet. Bei Praxen mit mehreren Inhabern muss der Ertrag also auf mehrere Köpfe verteilt werden. 

Reingewinn bei Psychotherapeuten am niedrigsten, bei Radiologen am höchsten

Zudem sind die Unterschiede je nach Fachgebiet teils beträchtlich. Mit dem geringsten Reinertrag müssen demnach Praxen von psychologischen Psychotherapeuten wirtschaften. Im arithmetischen Mittel weist die Statistik hier einen Reinertrag von 91.000 Euro aus. Am anderen Ende der Skala thronen die Radiologen, Nuklearmediziner und Strahlentherapeuten mit einem Reingewinn pro Praxis von durchschnittlich 1.103.000 Euro.

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Mit dem Gewinn, beziehungsweise dem Einkommen der Ärzte sei der Reingewinn nicht gleichzusetzen, sagt Monika Baaken vom Hausärzteverband Nordrhein gegenüber dieser Zeitung. Zunächst wird der Reingewinn nicht pro Arzt, sondern pro Praxis berechnet. Bei Praxen mit mehreren Inhabern muss der Ertrag also auf mehrere Köpfe verteilt werden. Man müsse zudem bedenken, dass Hausärzte neben etwaigen Rückzahlungen für Praxiskredite als Selbständige neben der Einkommenssteuer auch die gesamte Last der Alters- und Krankenversicherung selbst tragen müssten. Zudem bräuchten sie zum Teil hohe Rücklagen, um neue medizinische Geräte anschaffen zu können.

Schlusslicht bei der Notfallversorgung: Deutsche Ärzte bekommen nur 22 Euro dafür

Die Frage ist außerdem: Wie viel müssen niedergelassene Mediziner für ihr Einkommen arbeiten? Eine aktuelle Studie des Zentralinstituts kassenärztlicher Versorgung basierend auf Zahlen des Hamburg Center for Health Economics an der Universität Hamburg hat ergeben, dass die Gesundheitsausgaben in Deutschland zwar hoch seien, die einzelnen Leistungen aber im internationalen Vergleich eher mittelmäßig honoriert werden. Werden etwa Hausbesuche in anderen Ländern mit einer Spanne von 17 bis zu 59 Euro vergütet, liegt die dafür in Deutschland gezahlte Vergütung bei 28 Euro. Aber auch eine in Deutschland vermeintlich als hochpreisig geltende Magnetresonanztomographie-Untersuchung (MRT) des Knies liegt mit 128 Euro am unteren Rand des bis über 300 Euro reichenden internationalen Preisspektrums. Bei der Notfallversorgung stellt Deutschland mit einer Vergütung von rund 22 Euro sogar das Schlusslicht dar.

Die Vermutung der Forscher: Die hohen Ausgaben seien auf eine hohe Menge abgerechneter ärztlicher Leistungen zurückzuführen. Für ihr Einkommen müssten deutsche niedergelassene Ärzte also vergleichsweise viel arbeiten.

Diese Aussage untermauert der Virchowbund. Durch die bisherige Budgetierung, also die nach oben begrenzte Gesamtvergütung, die Ärzte pro Jahr für die Behandlung aller gesetzlich Versicherten von den Kassen erhalten können, arbeiteten Ärzte in vielen Fällen am Ende des Quartals unentgeltlich, weil das Budget schon ausgeschöpft, Patienten aber dennoch behandelt werden müssten.

Der Virchowbund spricht davon, dass rund „20 Prozent der ärztlichen Leistung nicht bezahlt“ werde. Darüber hinaus sorge das Pauschalsystem dafür, dass Patienten, die unkompliziert krank, aber betreuungsintensiv seien, für niedergelassene Ärzte ein Verlustgeschäft darstellten. Gerade Hausärzte und Ärzte in sozial schwächeren Vierteln mit wenig Privatpatienten seien hier besonders betroffen. Einkommensunterschiede betragen laut Virchowbund abhängig vom Stadtteil „bis zu 50 Prozent“.

Kassen finden, niedergelassene Ärzte würden „ordentlich “bezahlt

Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen (GKV) zeichnet auf Anfrage ein weit weniger düsteres Bild von der wirtschaftlichen Lage der niedergelassenen Ärzte. Nach Abzug aller Praxiskosten erhält ein niedergelassener Arzt im bundesweiten Durschnitt demzufolge mehr als „19.000 Euro pro Monat als Ertrag aus seiner Praxis“. Davon gingen dann zwar noch Steuern und Sozialabgaben ab, dennoch handle es sich um ein „sehr ordentliches Einkommen“, das „in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen“ sei.

Erst im September 2023 hätten sich Ärzteschaft und Krankenkassen auf ein Honorarplus von 1,6 Milliarden Euro verständigt. Die Ärzte bestimmten über ihre Honorare also mit. Vor diesem Hintergrund seien die noch weitergehenden Forderungen der Ärztinnen und Ärzte für die GKV „nur schwer nachzuvollziehen“. Umso mehr, da Faktoren wie steigende Praxiskosten oder die Inflation regelmäßig in die Honorarverhandlungen einflössen. Insgesamt sei genug Geld im System, „es ist einfach ungleich verteilt“.

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