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Piratenpartei-Chef Schiffer„Wir sehen uns im Dreieck zwischen FDP, Grünen und Linken“

Lesezeit 4 Minuten
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Schiffer auf dem NRW-Parteitag der Piraten im Jahr 2013.

Gibt es irgendetwas, was die Piratenpartei in Deutschland jetzt noch retten kann? Der Bundesvorsitzende der Piraten, Patrick Schiffer, spricht über den Absturz bei der Wahl in Berlin, das schlechte Image und die Suche nach einem politischen Profil.

Herr Schiffer, in drei Landtagen sind die Piraten noch: in Schleswig-Holstein, im Saarland und in Nordrhein-Westfalen. Wie viele werden es am Ende des Wahljahres 2017 noch sein?

Ohne dass sich in der Partei etwas ändert, fliegen wir aus allen Landtagen raus. Wir müssen stärker in Öffentlichkeitsarbeit investieren. Wir müssen weg vom Image als reine Netzpartei. Und wir müssen schnell Köpfe aufbauen, die unsere Themen repräsentieren. Denn fast alle bislang bekannten Piraten sind ja gar nicht mehr in der Partei.

Was ist der Hauptgrund für diesen Niedergang der Piratenpartei in Deutschland: der brachiale, öffentlich ausgetragene Streit untereinander oder das fehlende Markenprofil?

Beides. Dass wir uns zeitweise selbst zerlegt haben, hat geschadet. Gleichzeitig hat es uns im Bundestagswahlkampf 2013 an Profil gefehlt. Wir haben nicht klargemacht, dass wir uns nicht nur mit digitalen Themen beschäftigen – sondern damit, wie die Digitalisierung unsere Gesellschaft verändert. Wenn durch die Automatisierung in den kommenden Jahrzehnten bis zu 40 Prozent der Menschen ihren Arbeitsplatz verlieren können, brauchen und haben wir Antworten wie zum Beispiel das bedingungslose Grundeinkommen.

Wo genau würden Sie die Piraten im politischen Supermarktregal zwischen Linkspartei und CDU positionieren?

Linksliberal, progressiv, liberal. Im Dreieck zwischen FDP, Grünen und Linken – zu allen drei Parteien haben wir Überschneidungen. Dabei greifen wir die Perspektive der jungen Generation ebenso auf wie ein ganz bestimmtes Lebensgefühl: Das heißt, wir sind elitenfern, keine Politikunternehmen wie andere Parteien, sondern eine Graswurzelbewegung.

„Können die Piraten wieder aufpolieren“

Das klingt auch nicht unbedingt nach einem klaren Profil. Hinzu kommt: Keiner will heute noch kaufen, was gestern mal angesagt war. Wie bekommen Sie das Produkt Piraten wieder hip?

Die Piraten stehen nach dem krassen Wahldebakel in Berlin am Anfang einer Debatte. Um ein vollständiges Markenprofil rauszuhauen, ist es zu früh. Es gibt in der Partei sogar Stimmen, die ganz klar sagen: „Die Marke ist verbrannt. Wir müssen uns umbenennen.“

Wie sehen Sie das?

Ich bin für eine offene Diskussion und habe mich nicht endgültig entschieden. Ein Verfechter einer Namensänderung bin ich allerdings nicht, zumal die Piraten eine internationale Bewegung sind. Ich bin beruflich ja selbst im Bereich Design und Marketing unterwegs – und denke, wir können es auch hinbekommen, die Marke Piraten aufzupolieren und wieder positiv aufzuladen. Das ist auch schon großen Unternehmen nach Krisen gelungen – warum also nicht uns?

Viele prominente Piraten sehen das anders und sind in Konkurrenzparteien, von der Linken bis zur FDP, gewechselt. Was haben diese Parteien, was Sie nicht haben?

Erfolg. Der Wechsel bietet den betroffenen Personen die Chance, in die Parlamente zu kommen. Einige konnten sich in der Partei auch inhaltlich nicht durchsetzen und suchen jetzt eben ihre Heimat bei den Linken. Wenn jemand als Grund angibt, bei den Piraten werde nicht strukturiert gearbeitet, ist das falsch. Das funktioniert mittlerweile, auch der Umgang untereinander ist besser geworden – die Öffentlichkeit merkt es nur eben einfach nicht mehr.

Sie sind gerade erst Ende August Bundesvorsitzender der Piraten geworden. Was treibt einen an, das Ruder auf einem sinkenden Schiff zu übernehmen?

Ich will, dass es weitergeht – erfolgreich. Ich habe in drei Jahren als Landesvorsitzender in Nordrhein-Westfalen festgestellt, was für ein Potenzial in der Partei liegt. Die Landtagsfraktion dort arbeitet gut, die anderen Parteien kopieren unsere Ideen teils sogar. Wir müssen uns auf Bundesebene besser präsentieren. Dazu will ich beitragen.

An Ihre Mitschüler haben Sie früher Autogramme von ihrer Cousine, Claudia Schiffer, verteilt. Haben Sie schon mal versucht, sie für die Partei zu werben, als Mitglied, aber auch als Werbeträger?

Gefragt habe ich ganz vorsichtig. Sie möchte sich politisch aber nicht öffentlich positionieren. Das respektiere ich.

Zur Person

Patrick Schiffer (43), geboren im belgischen Eupen, ist seit August 2016 Vorsitzender der Piratenpartei Deutschland. Zuvor stand er drei Jahre lang an der Spitze seines Landesverbandes in Nordrhein-Westfalen – und das, obwohl er erst seit März 2012 Parteimitglied ist. Schiffer engagiert sich zudem in der internationalen Bewegung der Piratenpartei.

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