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Queen-Begräbnis
Polizeiaktion gegen Demonstranten in der Kritik – Bolsonaro freut’s

Jair Bolsonaro getty 200922

Jair Bolsonaro, Präsident Brasiliens (Archivbild)

London – Die Londoner Metropolitan Police steht nach einem Einsatz am Sonntag in der Kritik. Der Polizeibehörde wird vorgeworfen, unnötige Gewalt angewandt und so der brasilianischen Rechten einen Propagandacoup verschafft zu haben.

Am Sonntag hatte die Polizei eine friedliche Demonstrantin während einer Demonstration vor der Londoner Residenz des brasilianischen Botschafters in Handschellen abgeführt, das berichtet der „Guardian“. Aufnahmen des Vorgangs nutzt die brasilianische Rechte nun für Propaganda.

Bolsonaro war wegen Queen-Begräbnis in London

Hintergrund war der Besuch des brasilianischen Präsidenten, Jair Bolsonaro, der sich anlässlich der Beerdigung der Queen in London befand. Daher kam es vor der Botschaft zu Demonstrationen gegen die Politik des Rechtspopulisten.

Ali Rocha, die sowohl die britische als auch die brasilianische Staatsbürgerschaft innehat, wollte sich dem Bericht zufolge den Protesten anschließen, was jedoch von der Londoner Polizei unterbunden worden sei. Auch ihre Mitbewohnerin sei von den Maßnahmen betroffen gewesen.

Die 50-Jährige wurde eigenen Angaben zufolge rund 20 Minuten mit angelegten Handschellen festgehalten und vor ihrer Freilassung an einer Gruppe von Bolsonaro-Anhängern vorbeigeführt, die sich ebenfalls vor dem Haus des Botschafters versammelt hatten. Sie hatte demnach drei Plakate und einen Rucksack mit Lautsprecher bei sich. „Ich war sehr schockiert und erschüttert und jetzt bin ich einfach nur wütend und angewidert“, erklärte Rocha gegenüber dem „Guardian“.

Präsidenten-Sohn teilt Video von Polizeiansatz in sozialen Netzwerken

Videomaterial der Szene wurde in der Folge prompt in sozialen Netzwerken von Mitgliedern der brasilianischen Rechten geteilt, um Stimmung gegen die Opposition zu machen. Präsidenten-Sohn Eduardo Bolsonaro teilte Bilder von der Polizeiaktion auf Twitter und Instagram und behauptete fälschlicherweise, Rocha sei von der Polizei verhaftet worden.

Das war nicht der Fall, die Polizei ließ Rocha ohne Anklage wieder laufen, auch offiziell festgenommen wurde sie nicht, wie ein Polizeisprecher bestätigte. Eduardo Bolsonaro hielt das jedoch nicht ab, zu den Bildern schrieb er: „Frau wegen des Versuchs verhaftet, eine Demonstration für Bolsonaro zu stören.“

Eduardo Bolsonaro getty 200922

Präsidenten-Sohn Eduardo Bolsonaro (Archivbild)

Im Videoclip feiert zudem ein Sprecher die Polizeiaktion mit den Worten: „Sie mögen auch hier keine Kommunisten. Sehen Sie, sie legen ihr Handschellen an und sie kommt ins Gefängnis.“ Auch diese Angabe war nicht korrekt, wie die Metropolitan Police dem „Guardian“ bestätigte.

Die Frauen seien durchsucht worden, der Einsatz der Handschellen habe das erleichtern sollen. „Bei den beiden angehaltenen Frauen wurden keine bedenklichen Gegenstände gefunden, und sie durften ihren Weg ohne weitere Maßnahmen fortsetzen“, erklärte die Polizei zudem.

Demonstrantin zu Bolsonaro: „Wir wollten nicht, dass er unangefochten nach London kommt“

Für Kritik sorgt der Einsatz nun dennoch. Der Polizei wird vorgeworfen, Bolsonaro unnötig Material für die eigene Propaganda geliefert zu haben. Kommentieren wollte die Behörde das jedoch wegen des „politischen Charakters“ der Angelegenheit nicht.

Brasilien befindet sich knapp zwei Wochen vor den Präsidentschaftswahlen. Bolsonaros Chancen auf eine Wiederwahl stehen Umfragewerten zufolge schlecht. Die Demonstranten vermuteten, so erklärt es Rocha, dass der brasilianische Präsident das Begräbnis der Queen zur innenpolitischen Eigenwerbung nutzen wollte. „Wir wollten nicht, dass er unangefochten nach London kommt“, sagte Rocha.

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Den Einsatz gegen sie, der laut Polizeiangaben zustande kam, da es eine Warnung vor einer Person mit einem roten T-Shirt, wie Rocha es trug, gegeben habe, kann sie nicht nachvollziehen. „Ich wurde noch nie in Handschellen abgeführt. Ich wurde noch nie zuvor festgehalten“, sagte Rocha der englischen Zeitung. „Warum wurde ich so behandelt? So gewalttätig, so aggressiv?“ (das)

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