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Synodaler Weg Unblutiges Duell unter Theologen

Die Professoren Magnus Striet, Clemens Albrecht, Cornelia Richter und Karl-Heinz Menke diskutieren im Festsaal der Universität Bonn

Magnus Striet, Clemens Albrecht, Cornelia Richter, Karl-Heinz Menke (von links)

Die Theologie-Professoren Karl-Heinz Menke und Magnus Striet stehen für gegensätzliche Positionen zur Bedeutung des katholischen Lehramts und zum Kurs der Kirche. Zum ersten Mal seit fünf Jahren trafen die beiden jetzt an der Universität Bonn persönlich aufeinander.  

Als theologische Antipoden dürften Karl-Heinz Menke und Magnus Striet noch zurückhaltend beschrieben sein. Der eine, emeritierter Professor für katholische Dogmatik an der Universität Bonn, verteidigt die Autorität des kirchlichen Lehramts und bemisst die Qualität theologischer Arbeit danach, ob sie die Gültigkeit der Lehre und die Verbindlichkeit kirchlicher Normen argumentativ untermauert.

Im laufenden innerkatholischen Reformprozess „Synodaler Weg“ sieht Menke, der auch als „der“ theologische Gewährsmann des Kölner Kardinals Rainer Woelki gilt und am Aufbau von dessen „Kölner Hochschule für Katholische Theologie“ maßgeblich beteiligt ist, den Anschlag einer weder kirchenrechtlich noch demokratisch legitimierten Versammlung auf das Fundament der Kirche.

Striet hingegen, Professor für Fundamentaltheologie, tritt vehement für eine „Kirche der Freiheit“ ein und fordert, den Synodalen Weg konsequent weiterzugehen. Wenn die katholische Kirche nicht in der Moderne ankomme, werde sie untergehen. Was der Theologe Hermann Krings schon vor 50 Jahren prophezeit habe, sei in der Gegenwart allenthalben zu beobachten.

Striet ist für das reaktionäre Spektrum im Katholizismus eine Hassfigur

Seit Jahren schon beharken sich die beiden Theologen in diversen Publikationen. Für das reaktionäre Spektrum im Katholizismus ist Striet mit seinem Eintreten für Autonomie und Selbstbestimmung des Menschen auch im Glauben überdies zu einer regelrechten Hassfigur geworden. Eine rechtskatholische Postille diffamierte Striet unlängst mit einem Eichmann-Vergleich: In den Augen des Freiburger Theologen sei die Autorität der Kirche das, was der Führer für den NS-Cheforganisator des Holocausts gewesen sei.

Striets Berliner Kollege Georg Essen schaltete nach dieser Attacke den Presserat ein. Manch anderer befürchtet, dass Striet mit seinen liberalen Thesen in Rom angeschwärzt und von der Glaubenskongregation mit einem ihrer berüchtigten Verfahren überzogen werden könnte.

Universität Bonn bietet den Raum für die theologische Debatte

Nun trafen Menke und Striet nach fünf Jahren zum ersten Mal wieder persönlich aufeinander – an Menkes früherer Wirkungsstätte, der Universität Bonn. Es gehöre zu deren Anspruch als Exzellenz-Universität, den Raum für theologische Debatten zu eröffnen, sagte der Dekan der katholisch-theologischen Fakultät, Jochen Sautermeister, in seiner Begrüßung – was die fast 200 Zuhörer im restlos gefüllten Festsaal der Universität durchaus als Seitenhieb auf die Woelki-Hochschule verstehen durften.

Der Disput mit Worten war fast so fein geregelt wie ein Duell mit Waffen: Auf einen viertelstündigen Impuls Menkes durfte Striet in gleicher Länge antworten. Für den folgenden einstündigen Austausch saßen die evangelische Theologin Cornelia Richter und der Soziologe Clemens Albrecht als Moderatoren/Sekundanten zwischen den beiden Streitenden.

Menke und Striet schenken einander nichts

Um es vorweg zu nehmen: Es floss kein Blut – auch nicht im übertragenen Sinne. Man duzte sich, man war bemüht um gegenseitiges Verstehen. Aber Menke und Striet schenkten einander auch nichts. Es gehe ums „Grundsätzliche“, betonte Menke gleich zum Auftakt – nicht um allerlei Einzelfragen wie den Zölibat, die katholische Sexualmoral „und ich weiß nicht, was noch alles“.

Der emeritierte Bonner Dogmatik-Professor Karl-Heinz Menke diskutiert im Festsaal der Universität Bonn. Er hält ein Mikrofon n der rechten und ein Manuskript in der linken Hand.

Karl-Heinz Menke

Das hinderte Menke allerdings nicht an der Behauptung, die Forderungen des Synodalen Wegs nach einer Reform eben dieser Sexualmoral fußten auf der „haltlosen empirischen These, die Lehre der Kirche habe Missbrauch begünstigt“. Eigene empirische Befunde hierzu steuerte Menke auf seinem Kurs ins Grundsätzliche nicht bei.

Karl-Heinz Menke betont: Der Glaube muss ein Geländer haben

Stattdessen betonte er die Notwendigkeit und die Möglichkeit, die Offenbarung Gottes in Jesus Christus verbindlich auszulegen. Der für Irrtümer und Fehler anfällige Glaube müsse „ein Geländer haben“: die Dogmen und das Lehramt von Papst und Bischöfen. Frei sei der Mensch nicht deshalb, weil er sich für oder gegen etwas entscheiden könne. „Frei ist der Mensch nur in der Liebe“ – und Freiheit sei nur dann Freiheit, wenn sie sie sich an Gott ausrichte. Genau deshalb könne Freiheit auch fehlgehen. Mit Zwang sei Freiheit nicht vereinbar, konzedierte Menke, sehr wohl aber mit Notwendigkeit.

Der Freiburger Theologieprofessor Magnus Streit diskutiert mit einem Mikrofon in der Hand im Festsaal der Universität Bonn.

Magnus Striet

Striet entgegnete, das Lehramt seinerseits habe sich nicht selten geirrt und zur Selbstkorrektur gezwungen gewesen. Ein schon in der Bibel grundgelegter lebendiger „Aufklärungsprozess“ über das Verständnis Gottes und seiner Offenbarung sei im 19. Jahrhundert von der katholischen Kirche „totgestellt“ worden - mit fatalen Folgen bis heute.

Nur der Glaube sei vernünftig, „der weiß, dass er ein Glaube ist“, sagte Striet in Anlehnung an den Frankfurter Philosophen Rainer Forst. Auch in der Moderne bleibe der Glaube für den Menschen eine „vernünftige Option“ – mit einem entscheidenden Warnhinweis: „Diese Option kann auch falsch sein.“

Striet nennt Joseph Ratzinger wirksamsten Theologen des 20. Jahrhunderts

Joseph Ratzinger, nachmals Papst Benedikt XVI., sei zum „wirksamsten Theologen des 20. Jahrhunderts“ geworden, befand Striet in einer durchaus zweischneidigen Würdigung des am Silvestertag 2022 verstorbenen emeritierten Papstes. Doch solchen Fragen wie falschen Glaubensgewissheiten habe er sich nie zugewandt.

Benedikt und sein Vorgänger Johannes Paul II. hätten das Recht auf Selbstbestimmung des Menschen konsequent bestritten und stattdessen einen Kanon objektiver Normen behauptet, die dem Menschen vorgeordnet seien und denen der Mensch zu folgen habe.

Mit dem Todestag Benedikts am 31. Dezember sei „eine kirchengeschichtliche Epoche zu Ende gegangen“. Dieser These Striets stimmte Menke ausdrücklich zu, ließ aber erkennen, dass er bedauerte, was sein Gegenüber unausgesprochen begrüßte.

Warnung vor einer Überdehnung der Vernunftgläubigkeit

Menke warnte seinerseits vor einer Überdehnung der Vernunftgläubigkeit und den Folgen des Verlusts an religiösem Glauben. Zu den Menschheitsverbrechen des Nationalsozialismus sei es im Land von Immanuel Kant und Jürgen Habermas – hier aufgeboten als Apostel der autonomen Vernunft – gekommen. „Und im Land von Carl Schmitt“, hielt Striet dagegen mit Verweis auf den vom römischen Katholizismus als Herrschaftsform faszinierten NS-Vordenker.

In solchen Momenten gähnte im gepflegten und manierlichen Diskurs der denkerische Graben zwischen den beiden Kontrahenten auf, den Menke mit dem Wort „grundsätzliche Differenzen“ wiederum eher beschwichtigend beschrieb.

Einig ging er mit Striet in puncto eines universellen Geltungsanspruchs der Menschenrechte. „Aber die Kirche darf doch ein Plus an Normativität verlangen“, befand Menke im nächsten Schritt und nannte als Beispiel die Lehre von der unauflöslichen Einehe zwischen Mann und Frau. Sie mindere nicht die Menschenrechte oder setze diese gar außer Kraft, sondern bringe „ein Plus an Liebe“.

Striet stellt massiven Autoritätsverlust des kirchlichen Lehramts fest

Das halte keiner historischen Überprüfung stand, versetzte Striet und verwies darauf, dass die Kirche homosexuell Liebenden nach wie vor den Segen vorenthalte. Weil solche und andere lehramtliche Vorgaben für Katholikinnen und Katholiken nicht mehr überzeugend seien, trete der Synodale Wege für Korrekturen ein.  Zum Besten der Kirche, so Striet: „Wir erleben gerade einen massiven Autoritätsverlust des kirchlichen Lehramts.“

Menke machte mit Blick auf die Dogmenentwicklung in der katholischen Kirche eine überraschende Bemerkung. Auch für das päpstliche und bischöfliche Lehramt sei „das meiste uneindeutig“ – also nicht ein für allemal geklärt. Aber in Ausnahmefällen und unter genau geregelten Bedingungen gebe es verbindliche irreversible Entscheidungen, wie zum Beispiel das Dogma von der „unbefleckten Empfängnis Mariens“ oder von der päpstlichen Unfehlbarkeit. „Mir wäre es lieber gewesen, die Bischöfe als Nachfolger der Apostel hätten die Dogmen von 1854 und 1870 nicht entschieden. Aber wenn sie es entschieden haben, dann ist es entschieden.“

Striet: Selbstbestimmung zu bestreiten, ist Generalangriff auf die liberale Demokratie

Striet ließ diese Position unkommentiert. Als „harten Kern“ auch der Konflikte auf dem Synodalen Weg machte er die Frage aus, welche Vorstellung von Freiheit im Raum der Kirche sein dürfe: „Kann das katholische Lehramt die letzten Wendungen im Freiheitsdenken mitgehen?“

Selbstbestimmung zu bestreiten, so Striet, sei auch ein „Generalangriff auf die liberale Demokratie“ und hebele die Glaubwürdigkeit der kirchlichen Verkündigung an einem entscheidenden Punkt aus: „Kann man ernsthaft für Selbstbestimmungs- und Menschenrechte kämpfen, wenn man sie theologisch nicht akzeptiert?“, fragte Striet und stellte ergänzend fest, dass der Vatikan die UN-Menschenrechts-Charta bis heute nicht unterzeichnet habe. „Kein Wunder.“