Die britische „Times“ berichtet über vom ukrainischen Geheimdienst vorgelegte Belege für Unterernährung und Kannibalismus.
Kannibalismus in Putins ArmeeVerhungernde russische Truppen essen angeblich Menschenfleisch

Russische Soldaten feuern nach Donezk auf ukrainische Stellungen. Immer wieder gibt es Berichte über grausame Zustände in der russischen Armee. (Symbolbild)
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Es sind grausige Berichte, die nun öffentlich werden: Nach Angaben des ukrainischen Militärgeheimdienstes kommt es in den Reihen der russischen Armee zu Fällen von Kannibalismus. Grund dafür sei erhebliche Unterernährung, von der viele russische Soldaten betroffen sein sollen.
Belege für Kannibalismus in der russischen Armee habe man in Sprachnachrichten und Bildern gefunden, die von russischen Kommandeuren beim Messengerdienst Telegram verschickt worden seien, heißt es weiter aus der Ukraine. Unabhängig überprüfen lassen sich die Angaben nicht.
„Sunday Times“ berichtet über ukrainisches Beweismaterial
Die britische Zeitung „The Sunday Times“ konnte nach eigenen Angaben jedoch einige der Beweise einsehen. Demnach gibt es mindestens fünf dokumentierte Fälle, bei denen russische Soldaten Menschenfleisch gegessen haben.
So habe etwa ein Infanterist mit dem Rufzeichen „Khromoy“ versucht, das Bein eines seiner beiden Kameraden zu essen. Die beiden anderen Soldaten soll der Infanterist zuvor getötet haben. Der Vorfall sei durch Tonaufnahmen dokumentiert, berichtete die britische Zeitung weiter.
Russische Sprachnachrichten: „Er hat ein Bein abgetrennt“
„Kurz gesagt, ein Verbündeter hat zwei andere getötet … er hat ein Bein abgetrennt und wollte bereits eines davon essen“, wird eine Sprachnachricht eines namentlich nicht genannten russischen Kommandanten von der Zeitung zitiert.

Russische Soldaten patrouillieren in der Grenzregion Kursk. (Archivbild)
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Daraufhin seien andere Soldaten entsandt worden, um den mutmaßlichen Mörder zu suchen – der Infanterist sei schließlich in einem Keller zusammen mit dem abgetrennten Körperteil gefunden worden und habe das Feuer auf seine Kameraden eröffnet. „Sie töteten ihn“, zitierte die „Sunday Times“ den Kommandeur weiter.
„Unsere Leute werden sich bald gegenseitig auffressen“
In dem aufgezeichneten Gespräch zwischen den russischen Offizieren habe einer der Gesprächsteilnehmer schließlich gefragt, ob die Truppen mit Nahrung versorgt werden. „Unsere Leute werden sich bald gegenseitig auffressen … Alle Jungs sind abgemagert, jeder bekommt nur Hungerrationen“, berichtete demnach ein Offizier daraufhin dem stellvertretenden Kommandeur der betroffenen Brigade.
Nach Angaben der Zeitung hat der ukrainische Militärgeheimdienst die Vorwürfe mit fotografischen Beweisen untermauert, darunter Bilder des abgetrennten Beins sowie von ausgemergelten russischen Soldaten. Eine KI-Manipulation der Bilder habe nicht festgestellt werden können, berichtete die britische Zeitung weiter.
Militärarzt: „Mit einem scharfen Messer abgeschnitten“
Auch ein Militärarzt habe die Aufnahmen begutachtet. „Es sieht nicht nach einer Explosions- oder Splitterverletzung aus“, zitierte die Zeitung den Chirurgen. „Es sieht so aus, als wäre es mit einem scharfen Messer abgeschnitten worden.“
Bei einem anderen mutmaßlichen Vorfall soll sich unterdessen ein Soldat bei einem Vorgesetzten beschwert haben, dass ein Kamerad, mit dem er sich einen Unterstand teilen musste, Menschenfleisch gegessen habe.
„Er hat eine Leiche gegessen, Menschenfleisch“
„Wenn er ein menschliches Wesen wäre, könnte er so lange hierbleiben, wie er wollte, aber er hat eine Leiche gegessen, Menschenfleisch“, soll der Soldat, der in der Nähe der lange heftig umkämpften ukrainischen Stadt Bachmut stationiert ist, demnach über seinen Kameraden gesagt und hinzugefügt haben: „Ich bin Muslim. Ich will nicht, dass so jemand in meinen Unterstand kommt.“

Das Foto zeigt aufgebrauchte Lebensmittelrationen, die von der ukrainischen Armee im Bereich einer russischen Stellung gefunden wurden. (Archivbild)
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Zudem soll in einem weiteren Fall ein russischer Kommandant einen Untergebenen dafür beschimpft haben, dass dieser zuvor ukrainische Leichen gegessen habe. „Hör verdammt noch mal auf, Menschen zu essen“, zitierte die „Sunday Times“ aus einer Sprachnachricht des Offiziers.
Kannibalismus-Bericht bereits im vergangenen Jahr
Die jüngsten nun publik gewordenen Vorfälle folgen auf einen früheren Fall, der bereits im vergangenen Jahr öffentlich geworden war. Damals kursierten Berichte über einen russischen Soldaten, der angeblich einen seiner eigenen Kameraden getötet und sich von dessen Überresten ernährt haben soll.
Die jetzt von ukrainischen Hackern erbeuteten Sprachnachrichten und Fotos deuten indes darauf hin, dass es möglicherweise weitere Fälle von Kannibalismus gegeben hat.
Russische Botschaft dementiert und spricht von Propaganda
Auf eine Anfrage der „Sunday Times“ reagierte die russische Botschaft in London unterdessen mit einem Dementi. Bei den vom ukrainischen Geheimdienst vorgelegten Bildern handele es sich um Fälschungen, die Anschuldigungen seien bloß Propaganda, erklärten die Kreml-Diplomaten der Zeitung zufolge.
Berichte über Unterernährung bei der russischen Armee sind unterdessen nicht neu. Bereits kurz nach Russlands Einmarsch in die Ukraine hatte etwa die New York Times über die schlechte Versorgung der Soldaten berichtet. Demnach erhielten einige russische Soldaten Rationen, deren Verfallsdatum bereits 20 Jahre zurücklag.
Ukrainische Armee von Berichten über hungernde Soldaten erschüttert
Zuletzt hatten Berichte über hungernde Soldaten allerdings auch die ukrainische Armee erschüttert. Manche ukrainische Soldaten an der Front seien vor Hunger in Ohnmacht gefallen und hätten Regenwasser trinken müssen, berichtete etwa „Politico“.
Ursächlich für die Unterversorgung sei eine „Grauzone des Chaos“, die sich etwa 20 Kilometer von der Front erstrecke und in der es nahezu unmöglich sei, Munition, Lebensmittel und Wasser zu den kämpfenden Truppen zu bringen.
Der ukrainische Generalstab erklärte angesichts der Berichte, er habe von den Versorgungsproblemen der betroffenen Brigade nichts gewusst, und kündigte eine Untersuchung des Verhaltens der zuständigen Kommandeure an. Bezüglich der betroffenen Soldaten versicherte der Generalstab: „Sobald es die Lage zulässt, werden sie evakuiert.“

