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Ein Besuch im JugendarrestWarum Hunderte Schulschwänzer hinter Gitter müssen

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„Mädchen schwänzen eher wegen Mobbing die Schule, die Jungs wegen Unlust“: Jugendarrestanstalt im niedersächsischen Verden.

„Mädchen schwänzen eher wegen Mobbing die Schule, die Jungs wegen Unlust“: Jugendarrestanstalt im niedersächsischen Verden.

Wenn Jugendliche ständig die Schule schwänzen, müssen sie in einigen Bundesländern in den Jugendarrest. Besuch in der Justizarrestanstalt Verden.

Das Bein wippt unruhig auf und ab, die Hände sind im Schoß zusammengedrückt, die Schultern vorn über gebeugt, die Stimme leise. Noah, der eigentlich anders heißt, ist nervös. Der 15-Jährige sitzt etwas abgerückt vom Tisch, der zu schmal ist, um einen angenehmen Abstand zum Gegenüber herzustellen. Gitterstäbe versperren den Blick durch das einzige bodentiefe Fenster im Raum. Aber Noah schaut ohnehin kein einziges Mal raus. Sein Blick bleibt hinter dicken Brillengläsern verborgen, oft schaut er auf den schmalen Tisch vor ihm in der Jugendarrestanstalt Verden (JAA).

Das zweite Mal innerhalb weniger Wochen ist Noah schon hier. Sein Vergehen: Er hat die Schule geschwänzt. „Kein Bock”, sagt er lakonisch, wenn man ihn fragt, warum. Sein Schulweg sei lang, eine Stunde alleine mit dem Zug, und er fühle sich unwohl in der Schule. „Meine Klasse war ziemlich schlimm, meine Mitschüler waren ziemlich schlimm“, sagt er.

Der Jugendarrest ist die letzte Maßnahme für Jugendliche wie Noah, die partout nicht zur Schule gehen. Je nach Bundesland hat die Eskalationsspirale eine andere Taktung: In Berlin müssen Lehrkräfte Kinder bereits nach fünf unentschuldigten Fehltagen pro Halbjahr beim Schulamt melden. Dann drohen Bußgelder bis zu 2.500 Euro, einen Arrest gibt es jedoch nicht.

Niedersachsen ist Spitzenreiter

In Niedersachsen, wo Noah lebt, liegt es im Ermessen der Lehrkraft und der Schule, wann sie die ersten Schulbesuchsmahnungen, auch bekannt als „blaue Briefe“, verschicken. Klar ist aber: Sobald die schulischen Maßnahmen – Gespräche mit den Eltern, dem Kind oder externe Beratung – ausgeschöpft sind, übernehmen die Kommunen und können ein Zwangsgeld festsetzen und Ersatzzwangshaft anordnen.

Wer gegen die Schulpflicht verstößt, begeht eine Ordnungswidrigkeit, die mit einem Bußgeld geahndet wird. Wird diese nicht gezahlt, kann ein Jugendgericht Arbeitsleistungen wie Sozialstunden verlangen. Werden auch diese nicht abgeleistet, kann Jugendarrest verhängt werden. „Schulabstinenz führt also nicht zwingend zum Arrest“, sagt ein Sprecher des Niedersächsischen Justizministeriums auf RND-Anfrage. Dafür sei ein weiteres nicht regelkonformes Verhalten des Jugendlichen erforderlich.

Niedersachsen ist bundesweit Spitzenreiter beim Arrest. Allein im ersten Halbjahr 2025 waren es 241 Arrestanten und 114 Arrestantinnen, wie eine Anfrage des RND ergab. Darin enthalten sind auch Schulschwänzer aus Bremen, da das Land Bremen keinen eigenen Jugendarrest hat.

Hohe Mauern, Stacheldraht

Hinter Niedersachsen liegt Hessen mit 48 Jugendlichen (Stand Oktober 2025). In den Jugendarrestanstalten in Baden-Württemberg waren es zum Zeitpunkt der Abfrage 33 im Jahr 2025, in Thüringen 25, in Schleswig-Holstein 14 und in Sachsen zwei „Schulverweigerer“. In Mecklenburg-Vorpommern, Rheinland-Pfalz, Hamburg, Saarland gibt es keine Fälle. Bayern, Berlin, Brandenburg und Nordrhein-Westfalen erheben keine Zahlen zu möglichen Schulverweigerern. Das Justizministerium Sachsen-Anhalt hat nicht auf die Anfrage des RND geantwortet.

Hätte Noahs Mutter das Bußgeld bezahlt, wäre er heute nicht hier. Aber sie will, dass er die Konsequenzen seines Handelns spürt. So erzählt es Anika Dehne (41), Vollzugsabteilungsleiterin der JAA. Noah schwänzt die Sozialstunden, die ihm verordnet werden. Erst zum Haftantritt taucht er auf und muss beim ersten Mal nur übers Wochenende bleiben. Einige Wochen später dann der zweite Arrest, dieses Mal fünf Tage.

Heimelig ist die JAA nicht gerade. Die Mauern des roten Backsteinbaus in der Verdener Innenstadt sind hoch. Dicke Stacheldrahtrollen sollen die Gefangenen vom Herausklettern abhalten. Die Arrestzellen für die Jugendlichen sind acht Quadratmeter groß und spartanisch eingerichtet: Tisch, Stuhl, schmales Bett und Nasszelle mit Toilette und Waschbecken.

Nachts werden die Jugendlichen eingeschlossen, die erst morgens um 6.30 Uhr wieder für die „Lebend- und Vollzähligkeitskontrolle“ geöffnet werden. Um 7 Uhr frühstückt jeder alleine in seiner Zelle, um 8 Uhr starten die Gruppenmaßnahmen.

Gründe fürs Zuhause bleiben

Schulabsentismus, so das Fachwort für Schulverweigerung, nimmt besonders bei 15-Jährigen seit 2012 immer mehr zu. Das ist das Ergebnis einer Studie der Universität Oldenburg auf Grundlage der Pisa-Daten von 2022. Besonders betroffen sind Kinder aus bildungsfernen und benachteiligten Familien.

„Es gibt ein ganzes Bündel von Gründen, warum jemand nicht zur Schule geht“, sagt Joachim Walter. Er war unter anderem Leiter der Jugendstrafanstalten in Pforzheim und Adelsheim. Seit seiner Pensionierung arbeitet er als Rechtsanwalt. Eines vereine die Jugendlichen: Misserfolg in der Schule. „An einen Ort, an dem er Misserfolg hat, geht ein junger Mensch ungern hin.“ Vielen Jugendlichen, die am Ende im Arrest landeten, fehle es an geordneten Lebensverhältnissen. Einige lebten in Kinderheimen.

Wenn sie aber wegen der Schulverweigerei im Arrest landeten, sei das nach Walters Erfahrung „fast immer sinnlos.“ Denn: „Druck erzeugt bekanntlich Gegendruck. Und Lernen unter Druck ist eh keine gute Idee.“ Niemand könne mit Strafarbeiten, Nachsitzen oder mit dem Arrest einen jungen Menschen überzeugen, wieder freiwillig und vor allem gerne zu lernen.

Auch Noah eckt in der Schule immer wieder an. Weil er nicht stillsitzen kann, habe die Schule für ihn noch nie gut funktioniert, sagt er. Richtig schwierig sei es aber geworden, als er nachts nur noch wach liegt, statt zu schlafen. Dann habe er entweder ganz verschlafen oder den Schlaf in der Schule nachgeholt – zum Leidwesen der Lehrkräfte. „Der Morgen ist nicht so meins“, sagt er und schaut dabei auf den Tisch vor sich. „Depressiv“ habe er sich oft gefühlt. Wenn er schwänzt, schläft er die meiste Zeit oder geht spazieren. Seine Freunde sind zu weit weg, als dass sie sich gemeinsam herumtreiben würden. „Wenn man über Schulschwänzer redet, wird immer vergessen, dass es um Menschen geht, die Probleme haben“, sagt Noah.

Nachts leben, tagsüber schlafen

Für Vollzugsabteilungsleiterin Dehne ist Noah ein typischer Fall. Knapp 37 Prozent der Jugendlichen, die in der Jugendarrestanstalt Verden im Jahr 2024 eingesessen haben, waren Schulverweigerer. Die meisten kommen mehrfach und sind teilweise seit Monaten nicht in der Schule gewesen. „Die Mädchen schwänzen eher wegen Mobbing die Schule, die Jungs wegen Unlust, Depressionen und Suchtmittelkonsum“, erzählt Dehne. „Fast jeder Jugendliche, der wegen Schulverweigerung hier ist, kifft und das fördert die Lethargie ja noch mehr.“ Oft spiele auch die Gruppendynamik eine große Rolle. Vielen der Jugendlichen fehlten zudem Ziele.

Das Bild zeigt einen Gang mit Zellenräumen in einem Flügel der Jugendarrestanstalt Moltsfelde. Foto: Christian Charisius/dpa

Blick in einen Gang mit Zellenräumen in einem Flügel der Jugendarrestanstalt Moltsfelde, aufgenommen bei einem Fototermin.

Kritik an Arrest: „Weitgehend wirkungslos“

Was aber bringt der Arrest bei Schulschwänzern wirklich? Nach Einschätzung des niedersächsischen Justizministeriums ist der Arrest ein „grundsätzlich taugliches Mittel, um auf Jugendliche einzuwirken“. Grundsätzliche fachliche Bedenken gegen das derzeitige Sanktionierungssystem bestünden nicht.

Belegbare Zahlen zur Rückfälligkeitsquote oder gar eine Wirksamkeitsstudie gibt es allerdings auch nicht. Die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Anja Bensinger-Stolze, kritisiert gegenüber dem RND den Arrest scharf. „Dass Jugendliche wegen wiederholten Schulschwänzens für ein paar Tage ins Gefängnis müssen, ist im Prinzip eine schulpolitische und pädagogische Bankrotterklärung und außerdem, wie oft zu hören ist, weitgehend wirkungslos oder sogar kontraproduktiv“, sagt sie. Der Fokus müsse auf Prävention statt Intervention liegen und auf Pädagogik statt Strafe. „Um Schulabsentismus vorzubeugen, ist dreierlei notwendig: ein schulisches Präventionskonzept, eine Art ‚Frühwarnsystem‘ und eine individuelle Betrachtung der Ursachen“, so die GEW-Vorsitzende.

Schule werde von Schulverweigerern als System mit eng gesetzten Grenzen empfunden, meint Ex-JVA-Leiter Walter. Wenn dann der Jugendarrest dazu käme, werde das Ganze als noch sinnloser empfunden: „Das ist der klassische Fehler“, sagt Walter. Vielmehr brauche es pädagogische Angebote, die vor dem Arrest ansetzen und die Jugendlichen begleiten. Walter sagt, er könne sich an keinen Fall erinnern, wo der Jugendarrest Erfolg gehabt habe. „Mit Arrest auf Schulversagen und Schulabsentismus zu reagieren, wird keinen Erfolg bringen. Das wäre ein halbes Wunder.“

Anders sieht das Vollzugsabteilungsleiterin Dehne: „Wir glauben, dass wir mit dem Arrest etwas bewirken können.“ Im Arrest stehe – anders als im Strafvollzug – der erzieherische Auftrag im Vordergrund, nicht die Resozialisierung. „Unser Ziel ist, dass die Jugendlichen wieder ins Leben zurückfinden, ohne Straftaten“, sagt Dehne. Deswegen sind die Gruppenmaßnahmen auch zugeschnitten auf die Probleme der Jugendlichen. „Vielen fehlt eine Perspektive, also machen wir viel Berufsorientierung.“

Ein Freund, der motiviert

Auf dem Stundenplan der Jugendlichen im Arrest stehen außerdem Sport, Seelsorge, Aufklärungsunterricht, Zivilcourage, Suchtmittel- und Gewaltprävention. „Wenn die Tür abends zu und nicht mehr aufgeht, ist für viele Jugendliche auch die Grenze erreicht und sie fragen sich: Mist, was habe ich gemacht?“, sagt Dehne. „Das geben sie aber nicht so gerne zu.“

Aber sie sagt auch: „Manche stecken schon zu tief drin.“ Wichtig sei es ihr, die Jugendlichen nie aufzugeben, selbst dann nicht, wenn sie das dritte oder vierte Mal herkommen.

Noah will auf jeden Fall kein drittes Mal in den Arrest gehen. „Ich will meinen Schulabschluss machen, meine Sozialstunden ableisten, eine Ausbildung machen“, sagt er. „Ich will im Leben weiterkommen und es hilft nicht, wenn ich weiter hier drinsitze und die Schule verpasse.“

Ob das klappt, ist offen. „Man sieht schon eine Veränderung bei Noah“, sagt Dehne. „Ob das eine Momentaufnahme ist oder sich langfristig hält, muss man sehen.“

Die Chancen stehen jedoch gut, denn bei Noah hat sich etwas sehr Grundlegendes geändert: Er hat die Klasse gewechselt und einen Freund gefunden. „Das motiviert mich richtig zur Schule zu gehen“, sagt Noah und grinst breit. „Ich habe jetzt irgendwie keinen Grund mehr zu schwänzen.“ „Großes Glück“, nennt Annika Dehne das.