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„Fahr zur Hölle – samt Militärpolizei“Massiver Angriff und Internetsperre – in Moskau wächst die Wut auf Putin

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Dieses von der staatlichen russischen Nachrichtenagentur Sputnik via AP veröffentlichte Foto zeigt Kremlchef Wladimir Putin während einer Pressekonferenz.

Dieses von der staatlichen russischen Nachrichtenagentur Sputnik via AP veröffentlichte Foto zeigt Kremlchef Wladimir Putin während einer Pressekonferenz.

Einer der größten Drohnenangriffe und Internetausfälle sorgen für harsche Töne in Russland – und für Häme aus der Ukraine. 

In Russland und Moskau rumort es – die Gründe dafür scheinen sowohl ein massiver Drohnenangriff als auch eine bereits seit Tagen bestehende Internetsperre in vielen Großstädten des Landes zu sein. Nach Angaben des Exil-Mediums „The Moscow Times“ hat die Ukraine am Samstag (14. März) eine der größten Angriffswellen seit Beginn des Krieges im Jahr 2022 gestartet.

Die Moskauer Stadtverwaltung gab an, dass die Luftverteidigungssysteme mindestens 250 Drohnen zerstört hätten, die auf die russische Hauptstadt zugesteuert seien. Die Angriffe, die am Samstagnachmittag begannen, dauerten auch am Montag an, erklärte Moskaus Bürgermeister Sergei Sobjanin zudem zu Wochenbeginn bei Telegram.

Ukraine startet offenbar massiven Drohnenangriff

Das russische Verteidigungsministerium teilte unterdessen mit, dass zwischen Sonntagabend und Montagmorgen weitere 53 ukrainische Drohnen auf dem Weg nach Moskau abgeschossen worden seien. Es habe keine Berichte über Verletzte oder Tote gegeben, berichtete die „Moscow Times“. Augenzeugen hätten jedoch Explosionen in den Vororten rund um Moskau gehört, hieß es weiter. Die Angriffe hätten zudem zu Störungen an den wichtigsten Flughäfen der Stadt geführt.

Gleichzeitig berichten viele russische Bürger weiterhin von starken Problemen beim Internetzugang. Bereits seit Tagen sorgen die Netzausfälle für Wirbel in Russland. Der Kreml erklärte, die Einschränkungen – die im Zuge des Krieges immer häufiger vorkommen – dienten der „Gewährleistung der Sicherheit“, ohne jedoch Details zu nennen.

Kreml geht gegen Telegram vor – Wut in Russland

Besonders betroffen von den Maßnahmen scheint die Messenger-App Telegram zu sein. Nach Angaben der russischen Zeitung „Kommersant“ berichteten Tausende Nutzer am Montag von massiven Ausfällen und Fehlfunktionen bei der Nutzung der App. Insbesondere der Upload von Fotos und Videos sei nur extrem langsam möglich gewesen.

Telegram hatte sich zuvor geweigert, den russischen Behörden Zugang zu Verschlüsselungsprotokollen zu verschaffen. Firmenchef Pawel Durow kündigte bereits im Februar an, dass sein Unternehmen standhaft bleiben werde. Russlands Bürger benötigten ein Mittel, um ohne staatliche Aufsicht miteinander zu kommunizieren, hieß es von Durow. 

Russen sollen staatliche Messenger-App Max nutzen

Gleichzeitig wird in Russland ein neuer, staatlich kontrollierter Messenger-Dienst ausgerollt. Bei Chats, die in der neuen App namens Max geführt werden, können russische Geheimdienste und Behörden Berichten zufolge mitlesen – die Akzeptanz für den Messenger scheint bei den Russen daher gering auszufallen, auch weil Telegram populär ist. 

Die jüngsten Einschränkungen im russischen Internet und speziell bei Telegram könnten auch erklären, warum im Vergleich zu vorherigen Drohnenangriffen nur wenig Bildmaterial in den sozialen Medien kursiert, das die Angriffswelle belegen könnte. Bei früheren ukrainischen Attacken waren stets schnell Fotos und Videos von Schäden oder Explosionen aufgetaucht – üblicherweise bei Telegram.

Scharfe Töne von russischen Kriegsbloggern

Angesichts der massiven Eingriffe in die Telekommunikation wird in Russland mittlerweile auch deutliche Kritik an der Regierung von Kremlchef Wladimir Putin laut. Während einige Russinnen und Russen in Straßenumfragen in großen Städten ihr Missfallen über die Maßnahmen zum Ausdruck brachten, scheinen die Einschränkungen auch in den Reihen der russischen Armee für Ärger zu sorgen. Telegram ist bisher das bevorzugte Kommunikationsmittel der Soldaten.

Am Wochenende sorgten nun die Angaben einiger russischer Kriegsblogger für Aufsehen. So berichtete der populäre Berichterstatter Yegor Guzenko seinen zahlreichen Lesern, dass inzwischen auch Kampfeinheiten die als unsicher geltende neue Max-App nutzen und Telegram deinstallieren sollen.

„Militärpolizei wird die Handys der Soldaten kontrollieren“

„Die Militärpolizei wird künftig die Handys der Soldaten kontrollieren, und wer bei der Nutzung von Telegram erwischt wird, wird zu einem bestimmten Einsatz (einer Aufgabe ohne Rückkehrmöglichkeit) geschickt“, schrieb Guzenko und sparte nicht mit harschen Worten. „Das ist alles, was man über die Verräter in den Führungsetagen und über die Meinungsfreiheit in diesem Land wissen muss. Wir haben keine Meinungsfreiheit. Und es wird künftig nur noch schlimmer werden.“

Kremlchef Wladimir Putin betrachtet eine Militärparade. (Archivbild)

Kremlchef Wladimir Putin betrachtet eine Militärparade. (Archivbild)

In der staatlichen App fehlten grundlegende Sicherheitsfunktionen, führte der Kriegsblogger aus. „Wer garantiert, dass nicht alles zum Feind durchsickert?“ Während Fehler verzeihbar seien, seien es die „Lügen“ des Kremls nicht, hieß es weiter von Guzenko. „Also fahrt zur Hölle, samt eurer Militärpolizei“, fügte der Blogger hinzu. 

Widersprüchliche Angaben zur Telegram-Nutzung

Im Gegensatz dazu hatte der russische Militärblogger Yury Podalyak vor wenigen Tagen noch seinen rund 2,8 Millionen Abonnenten auf verschiedenen Social-Media-Plattformen mitgeteilt, die russischen Truppen in der Ukraine hätten den Befehl bekommen, Max nicht zu nutzen. Das Kommando der Streitkräfte habe die Nutzung vorerst untersagt, hieß es bei Podalyak. „Der Grund für das Verbot klingt wie ein Urteil über die Entwickler – kritische Sicherheitsprobleme, die das Leben von Soldaten und Offizieren direkt gefährden“, zitierte die ukrainische Zeitung „Kyiv Post“ aus einem Beitrag des Kriegsbloggers. 

Die widersprüchlichen Angaben lassen sich nicht unabhängig prüfen. Denkbar ist, dass bisher nur einzelne Einheiten von der Anordnung betroffen sein könnten. Laut einer Analyse der „Kyiv Post“ veröffentlichte rund zwei Drittel der Telegram-Kanäle, deren Verbindung zur russischen Armee bekannt ist, am Montag noch neue Inhalte. 

Häme aus der Ukraine: „Russland wird zu Nordkorea“

Vor den staatlichen Maßnahmen gegen Telegram am Montag war die öffentliche Kommunikation in Moskau bereits seit mehr als einer Woche eingeschränkt, wobei das mobile Internet in der ganzen Stadt und den umliegenden Regionen „aus Sicherheitsgründen“ abgeschaltet worden war. Üblicherweise ergreift Moskau nur während Drohnenangriffen derartige Maßnahmen, da sich die Fluggeräte mithilfe russischer Mobilfunkmasten orientieren.

Aus der Ukraine kamen unterdessen am Wochenende nicht nur fortwährende Drohnenangriffe, sondern angesichts der radikalen Maßnahmen der russischen Regierung auch Spott und Häme. „Die Geschwindigkeit, mit der Russland zu Nordkorea wird, beschleunigt sich“, hieß es etwa vom staatlichen Zentrum für strategische Kommunikation und Informationssicherheit in Kyjiw.