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Sich selbst mit verständnisvollem Blick begegnenDas eigene Leben in der Rückschau: So geht man mit verpassten Chancen um

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Die Ehe in der Rückschau: Christien Brinkgreve spricht radikal ehrlich und respektvoll über die Beziehung zu ihrem Mann. RND

Die Ehe in der Rückschau: Christien Brinkgreve spricht radikal ehrlich und respektvoll über die Beziehung zu ihrem Mann. RND

Autorin Christien Brinkgreve, 76, verarbeitet in ihrem Buch „Ein Versuch, mein Leben zu ordnen“ die widersprüchlichen Gefühle nach dem Tod ihres Mannes. Ruth Mächler ist Würdebegleiterin und erklärt, wie man mit falschen Entscheidungen umgehen kann.

Je älter wir werden, desto öfter blicken wir zurück auf unsere bereits vergangene Lebenszeit. Wir untersuchen sie kritisch oder mit Wehmut: Wer sind wir geworden und was ist von dem übrig geblieben, was wir einst wollten? Welche Spuren haben unsere Nächsten in uns hinterlassen, welche Entscheidungen haben unser Leben geprägt? Über allem liegt die Frage, ob sich unser gelebtes Leben stimmig angefühlt hat.

Wo sind die Jahre hin?

Als ihr Mann vor vier Jahren starb, sah sich Christien Brinkgreve, 76, mit dem Leben konfrontiert, das hinter ihr lag. Auf sich selbst zurückgeworfen begann sie sich zu fragen, wo die Jahre hin waren und wo sie selbst geblieben war in der langjährigen Ehe mit ihrem Mann. Die Ehe beschreibt Brinkgreve als kompliziert. Das große Interesse aneinander und die euphorische Verliebtheit änderten sich nach der Geburt ihrer Kinder und durch ihren beruflichen Erfolg und Aufstieg. Ihr Mann wurde zunehmend schwermütig.

Sie lehrte an der Uni in Utrecht, er ging in Rente und lebte vor allem in der Vergangenheit. Das Zusammenleben wurde bestimmt von seiner Depression. Damit umzugehen, sei ihr schwergefallen, sagt sie. „Wenn jemand depressiv ist und einem so nah, dann dringt diese Stimmung in einen ein. Man beginnt, sich abzugrenzen, um sich nicht selbst zu verlieren.“

Traurigkeit über die vergangene Zeit

Zu Hause hatte sie das Gefühl, seinen Erwartungen nicht zu entsprechen. Später realisierte sie: „Er wünschte sich eine hingebungsvolle Frau, die für ihn lebt, und ich habe versucht, das zu sein, aber auch meine Autonomie zu behalten.“ Durch die auseinanderstrebenden Vorstellungen und Bedürfnisse des Ehepaares entstanden tiefe Spannungen. „Wir haben in diesen 15 Jahren unser ,Wir‘ verloren“, so sagt es Brinkgreve rückblickend.

Als ihr Mann starb, war sie 72 Jahre alt. Der Traurigkeit über den Verlust folgte die Traurigkeit über die vergangenen Lebensjahre.

Auf den Punkt

Warum ist sie geblieben? Sie wirkt nachdenklich. Ihre Mutter sei sehr talentiert und kreativ gewesen, konnte jedoch ihre eigenen Ambitionen nicht verwirklichen, erzählt sie. „Mein Wunsch, ein anderes Leben führen zu wollen als meine Mutter, war groß. Gleichzeitig hatte ich dieses Verantwortungsgefühl und bin so erzogen worden, dass man sich kümmern muss – gerade wenn der andere sich niedergeschlagen fühlt.“

Widersprüchliche Gefühle zu ihrem Mann

Doch sie habe verstanden, dass sie aus Liebe geblieben ist, sagt Brinkgreve. „Ich wollte die Familie zusammenhalten. Ich bin froh darüber, ihn auch in schweren Zeiten begleitet zu haben, doch ohne ihn ist mein Leben viel leichter geworden.“ Ihre widersprüchlichen Gefühle hat sie in einem Buch verarbeitet – es sei der Versuch gewesen, die Liebe, die verloren gegangen war, wieder zurückzubekommen, sagt Brinkgreve.

Sich selbst mit einem verständnisvollen Blick begegnen

Den Umgang mit ambivalenten Gefühlen im höheren Alter kennt auch die Soziologin und Theologin Dr. Ruth Mächler. Sie forscht an der Technischen Universität München zu existenziellen und spirituellen Bedürfnissen kranker Menschen und zu biografischen Fragestellungen. Freiberuflich arbeitet sie als Würdetherapeutin im Palliativbereich. Bei der Empfindung, falsche Entscheidungen getroffen zu haben, gehe es darum, sich mit einem verständnisvollen und liebevollen Blick zu begegnen und zu erkennen, unter welchen Bedingungen diese getroffen wurden, sagt Mächler. Auch die Lebensphase, in der solche Gefühle auftreten, müsse berücksichtigt werden. Wenn das Empfinden, Chancen verpasst zu haben, früher im Leben entstehe, könne es eine hilfreiche Funktion haben und Veränderungen anstoßen. Komme man erst am Lebensende an diesen Punkt, gehe es nicht mehr um Veränderung, sondern darum, zu Annahme und Versöhnung zu finden.

Sind Entscheidungen aus damaliger Perspektive nachvollziehbar?

Besonders die Auseinandersetzung mit Schuld sei in höherem Alter oft präsent. Neben der realen Schuld, wenn man einer anderen Person bewusst Unrecht zugefügt habe, gibt es auch ein allgemeineres Gefühl. „Bei existenzieller Schuld geht es nicht um einzelne Entscheidungen, sondern um das Empfinden, anderen oder vielleicht auch sich selbst gegenüber schuldig geworden zu sein“, sagt Mächler. Entlasten könne es dann, wenn man das eigene frühere Ich verstehe und anerkenne, dass Entscheidungen aus damaliger Perspektive sinnvoll oder zumindest nachvollziehbar waren.

Der rote Faden in der eigenen Lebensgeschichte

Indem man die eigene Lebensgeschichte als Ganzes betrachte und einen roten Faden erkenne, könnten belastende oder schmerzhafte Erfahrungen in einen größeren Zusammenhang eingeordnet werden und im Rückblick eine eigene Bedeutung bekommen, erklärt Mächler: „Entscheidend ist dabei, dass die betroffene Person selbst diesen Sinn erkennt.“

Besonders im fortgeschrittenen Alter, wenn Menschen nicht mehr lange zu leben haben, komme ein weiterer Punkt dazu: der Würdeverlust. Als Würdetherapeutin unterstützt Mächler Menschen am Lebensende dabei, wieder in Kontakt mit sich selbst zu treten. Viele Menschen würden sich am Lebensende nur noch als sterbenden Körper begreifen und keinen Sinn mehr erkennen. Durch das Erzählen ihrer Vergangenheit kämen sie wieder in Kontakt mit dem, was sie ausgemacht hat, wer sie waren und immer noch sind, so Mächler. „Gemeinsam fokussieren wir uns auf das, was die Patientinnen und Patienten an andere Menschen weitergeben können. Wir schreiben das auf und hinterlassen es als Dokument. So bekommen sie wieder Zugang zu ihrem eigenen Wert.“

Geliebt zu haben, steht über allem

Die Bedeutung von Beziehungen stehe in der Rückschau über allem, weiß Mächler. Immer wieder zeige es sich, dass das Erleben von Liebe – geliebt zu haben und geliebt worden zu sein – als besonders wertvoll empfunden wird. Diese Erinnerungen könnten viele Menschen bis zuletzt tragen und ihnen Halt geben. Dementsprechend seien es beim Rückblick auf das eigene Leben manchmal gerade die ungelösten Konflikte, die besonders belastend seien, insbesondere wenn diese zu einer Entfremdung von geliebten Menschen geführt hätten, etwa den eigenen Kindern.

So spiele auch Vergebung eine zentrale Rolle. Laut Mächler ist dies in erster Linie ein innerer Vorgang, der unabhängig davon stattfinden könne, ob eine Versöhnung mit anderen Personen möglich ist oder nicht. Das Vergeben ermögliche es, sich aus der Rolle des Opfers zu lösen und eine aktive und selbstbestimmte Haltung einzunehmen.

Christien Brinkgreve war es wichtig, mit dem Buch keine Anklage zu formulieren. „Ich habe es geschrieben, um wieder ganz zu werden und mein Leben zu verstehen.“ Sie hätte mehr kämpfen müssen in ihrer Ehe. Doch sie hat akzeptiert, dass ihr das, aufgrund ihrer Herkunft und Prägung, nicht möglich gewesen ist.