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Angst vor echter NäheWoran Sie Bindungsangst erkennen und was dagegen hilft

4 min
Ein Paar auf einem Steg bei einem Sonnenuntergang

Menschen mit Bindungsangst verspüren oft eine große Sehnsucht nach Verbindung - und fliehen gleichzeitig davor.

Sie wirken souverän, doch innerlich fürchten sie Nähe. Was hinter Bindungsangst steckt und wie man sie überwinden kann.

Personen mit Bindungsangst präsentieren sich oft als souverän und autonom, hegen jedoch im Verborgenen ein starkes Bedürfnis nach Intimität. Dieser innere Konflikt kann für sie selbst und ihre Partnerschaften eine erhebliche Belastung darstellen. Wie lässt sich dieses Verhalten identifizieren und welche Lösungsansätze gibt es?

Die psychologischen Wurzeln der Bindungsangst

Obwohl der Ausdruck „Bindungsangst“ weit verbreitet ist, handelt es sich nicht um eine formelle medizinische Diagnose. Seine Ursprünge liegen in der Bindungstheorie. Diese erklärt, inwiefern Erfahrungen aus der Kindheit Verhaltensweisen in Beziehungen formen, die bis ins Erwachsenenalter fortbestehen. Der im allgemeinen Sprachgebrauch verwendete Terminus beschreibt den ängstlich-vermeidenden Bindungsstil, der als antrainiertes Verhaltensmuster und nicht als pathologischer Zustand gilt.

Die Psychologin und Coachin Linda-Marlen Leinweber erläutert, dass Personen mit diesem Verhaltensmuster «wirken sehr tough und selbstbewusst». Weiter führt sie aus: «Sie können gut auf eigenen Beinen stehen, weil das Höchste und Wichtigste für sie die eigene Freiheit und Autonomie ist.»

Hinter dieser äußeren Erscheinung verbirgt sich laut der Autorin jedoch oft ein inniges Verlangen. In ihrem Buch («Frei und trotzdem verbunden») thematisiert sie diesen Aspekt ebenfalls und stellt fest: «Innerlich aber wünschen sie sich eigentlich, jemanden zu finden, dem sie dann doch mal vertrauen können».

Ursachen in der Kindheit und innere Zerrissenheit

Laut Leinweber ist ein ängstlich-vermeidender Bindungsstil oftmals auf Erlebnisse im Kindesalter zurückzuführen. Dies sei beispielsweise der Fall, wenn eine Person als Kind nicht «diese konstante Liebe und Aufmerksamkeit bekommen hat, die eigentlich jedes Kind braucht».

Daraus resultiert eine tief verankerte innere Zerrissenheit, bei der sich die Betroffenen einerseits nach Nähe sehnen, andererseits aber davor zurückschrecken. Leinweber beschreibt dies so: «Da ist so eine Angst vor echter Nähe, eine Angst vor großen Gefühlen – und deshalb machen sie immer wieder Rückzieher».

Äußerlich erwecken Menschen mit Bindungsangst häufig den Eindruck, als kämen sie problemlos ohne Partner aus. Im Inneren wird die Lage jedoch oft als bedrückend empfunden. Die Furcht vor emotionalen Wunden ist der Grund, warum sie ihrem Bedürfnis nach Bindung nicht folgen können, erklärt Leinweber: «Das Schwierigste für Menschen, die in so einem Muster feststecken, ist, dass sie ihrem eigenen Wunsch nach Verbundenheit nicht nachgehen können».

Anzeichen für ein vermeidendes Beziehungsmuster

Nicht jedes distanzierte Verhalten in einer Partnerschaft deutet zwangsläufig auf Bindungsangst hin. Bestimmte Anzeichen sollten jedoch zur Reflexion anregen. Leinweber empfiehlt eine genaue Selbstreflexion und führt aus: «Wenn man bei sich selbst merkt: Ich brauche diese Kontrolle darüber, wie nah wir uns in der Beziehung sind – und wenn man intuitiv automatisch in die Distanz geht, sobald Tiefe und Verbundenheit entstehen könnten, dann würde ich genauer hinschauen.»

Ebenso können sich wiederholende Denkmuster aufschlussreich sein. Innere Überzeugungen, beispielsweise «Ich kann auf niemanden zählen» oder «Ich will keine Hilfe annehmen, ich schaffe alles alleine», deuten möglicherweise auf einen ängstlich-vermeidenden Bindungsstil hin.

Lösungswege: Verstehen, Fühlen und Verändern

Positiv ist, dass Bindungsangst nicht als unabänderliches Schicksal betrachtet werden muss. Leinweber rät dazu, den Prozess der Veränderung im Austausch mit anderen zu gestalten, sei es mit professioneller Unterstützung durch Therapeuten und Coaches oder im Gespräch mit Freunden.

Für das Verständnis der tieferen Ursachen ist es ratsam, fachkundige Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Die Psychologin merkt an: «Zu verstehen, warum der Schmerz da ist und warum diese Schutzstrategie entstanden ist und wie ich sie auflösen kann, kann sehr intensiv werden». Die Neuprägung von Verhaltensweisen erfordere Geduld und kontinuierliche Übung.

Gleichzeitig existieren Methoden zur Selbsthilfe. Leinweber schlägt vor, die persönliche Gefühlswelt gezielt zu erforschen, beispielsweise durch das Führen eines Emotionstagebuchs. Fragen wie: Was hat mich heute kurz dankbar sein lassen? Was hat mich verärgert? Was war meine Bewältigungsstrategie? Derartige Überlegungen fördern einen differenzierteren Zugang zur eigenen Emotionalität.

Ist eine vollständige Überwindung möglich?

Zahlreiche Betroffene stellen sich die Frage, ob ein Gefühl von wahrer Sicherheit in einer Beziehung für sie erreichbar ist. Leinweber äußert sich hierzu zuversichtlich und betont, dass die persönliche Auffassung von Partnerschaft jederzeit angepasst werden kann.

Gleichzeitig mahnt sie jedoch zur Vorsicht vor unrealistischen Erwartungen: «Das ist wie eine Zwiebel zu schälen – und dann kommt irgendwie die nächste Schicht und die nächste Schicht. Den Anspruch zu haben, dass man jetzt irgendwie völlig befreit ist – diesen Druck möchte ich nehmen.» (dpa/red)

Sie empfiehlt stattdessen, eine Beziehung als einen gemeinschaftlichen Entwicklungsweg zu verstehen: «Wir dürfen als Paar gemeinsam wachsen. Es gibt immer mal wieder Momente, die herausfordernd sind. Aber wenn man sich dem stellt – und das kann man auch immer mit Unterstützung von außen machen – kann das sehr transformierend sein.»

Dieser Inhalt wurde mit Hilfe von KI erstellt.