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Erfüllte Sexualität jenseits der 40„Nach dem Libidoverlust mit 40 folgt manchmal eine Renaissance der Lust″

6 min
"Menschen, die ihren Sex priorisieren, finden Wege": Gynäkologin Sheila de Liz ist eine gefragte Expertin zu allen Themen rund um die weibliche Gesundheit. RND

„Menschen, die ihren Sex priorisieren, finden Wege“: Gynäkologin Sheila de Liz ist eine gefragte Expertin zu allen Themen rund um die weibliche Gesundheit. RND

Gerade im Alter bleibt Sex wichtig, damit wir uns gut und gesund fühlen. Menschen, die oft Sex haben, neigen seltener zu Krebs, Bluthochdruck, Diabetes oder Übergewicht. Doch was tun, wenn die Libido nachlässt? Die Gynäkologin und Autorin Dr. med. Sheila de Liz im Interview.

Frau Dr. med. de Liz, ist es unvermeidlich, dass die sexuelle Lust in der Lebensmitte nachlässt?

Viele Frauen erleben in ihren Vierzigern ohne gezielte Gegenmaßnahmen einen Libidoverlust. Manchmal folgt jedoch eine Renaissance der Lust mit Ende 60 oder Anfang 70 – es kommt zu einem kurzfristigen Testosteroneinschuss, von dem man medizinisch gesehen nicht genau weiß, wie er zustande kommt. Es ist ein Mythos, dass es ab Midlife zwingend darauf zugeht, dass Frauen sexlos leben. Und vor allen Dingen gibt es mittlerweile medizinisch sehr viel, was man tun kann, um diesen Prozessen etwas entgegen zu setzen.

Woran liegt es, dass viele Menschen mit zunehmendem Alter keine erfüllende und lustvolle Sexualität mehr erleben?

Oft sind es körperliche Hindernisse. Bei Frauen ist es gar nicht so sehr das Problem des Beckenbodens, sondern die vaginale Schleimhaut, die durch Hormonmangel abbaut. Die Haut wird dünn und entzündlich, was beim Sex weh tut. Auch die Harnblase wird beeinflusst und schrumpft in ihrer Kapazität – der Verschluss wird loser. Das führt zu Undichtigkeit und Infekten.

Mit welchen körperlichen oder sexuellen Einschränkungen haben Männer zu tun?

Sie haben oft Probleme, weil die Erektion unzuverlässig ist. Aus Sorge davor ziehen sie sich häufig ganz vom Sex zurück. Menschen, die ihren Sex priorisieren, finden jedoch Wege und lassen sich Dinge verordnen. Sie definieren Sex für sich neu, auch wenn mit 60 oder 70 Jahren natürlich mal das Knie oder die Hüfte schmerzt. Studien zeigen, dass viele Menschen erst jenseits der 50 großartigen Sex erleben, wenn die Kinder aus dem Haus sind.

Wieso erst dann?

Menschen in höherem Alter werden sich der Endlichkeit des Lebens bewusst und haben den Mut, ihre Sexualität weiter zu erforschen. Sie möchten ihre noch verbleibende Zeit schön gestalten und gewichten ihre Beziehung und das Sexleben stärker.

Kann schwindende Lust auch ein körperliches Warnsignal sein?

Man sollte nicht jede lustlose Phase einer Langzeitbeziehung überbewerten. Dahinter können Lebensumstände wie Stress oder Krankheit stehen. Wenn das nicht der Fall ist, lohnt es sich, das Blut auf einen Testosteronmangel zu untersuchen. Davon sind übrigens auch rund 30 Prozent der Männer ab 40 betroffen.

Auf den Punkt

Sex ist wichtig für die Gesundheit, schreiben Sie. Was bewirkt er gerade bei Frauen?

Menschen, die viel Sex haben, weisen deutlich bessere Gesundheitswerte im Blut auf. Wir wissen, dass regelmäßiger Geschlechtsverkehr dazu führt, dass die Entzündungszeichen im Blut sinken und der Blutzucker häufig besser eingestellt ist. Zudem neigen Menschen, die oft Sex haben, seltener zu Krebs, Bluthochdruck, Diabetes oder Übergewicht. Doch dieser Effekt lässt sich nicht nur biochemisch erklären. Eines der größten Risiken für die Gesundheit im Alter ist die Einsamkeit. Wenn Menschen einsam bleiben oder in Partnerschaften leben, in denen sie sich einsam fühlen, ist das schlecht für die Gesundheit. Eine erfüllende Partnerschaft, kombiniert mit einer erfüllenden Sexualität, ist das Beste, was man für sich tun kann.

Wie beeinflusst unsere körperliche Gesundheit sexuelles Verlangen?

Die Libido hängt biochemisch entscheidend vom Testosteron ab. Wir wissen, dass alle Menschen mit Beginn der Pubertät einen Testosteroneinschuss bekommen. Das gilt sowohl für Männer als auch für Frauen. Nicht nur im Hoden des Mannes wird das Sexualhormon produziert, sondern auch und in den Eierstöcken der Frau. In der Lebensmitte quittiert das weibliche Organ langsam seinen Dienst und es kommt zu einem schwankenden oder gar verschwindenden Hormonspiegel.

Wie zeigt sich das hormonell?

Frauen schlafen oft schlechter, weil Progesteron fehlt. Östrogen kann schwanken und zu Schmerzen oder Stimmungsschwankungen führen. Diese Hormone sind psychotrope Substanzen, die unsere Psyche beeinflussen. Man wird weniger bereit, sich für andere zu verausgaben.

Ein häufiges Szenario in Beziehungen ist, dass ein Partner im Schlafzimmer weniger Lust verspürt als der andere. Wie können Paare mit einem unterschiedlich ausgeprägten sexuellen Verlangen umgehen?

Man darf es nicht als Angriff auf den Charakter auslegen. Sondern schauen, woran es liegt. Gerade bei Frauen liegt es oft daran, dass sie keine Lust auf den Sex haben, der zur Verfügung steht, weil sie sich dabei nicht gesehen oder gewürdigt fühlen. Männer haben oft keine Lust, wenn sie depressive Verstimmungen haben oder sich in der Beziehung nicht wertgeschätzt fühlen. Wenn nur gemeckert wird, wird keine Intimität ins Schlafzimmer eingeladen. Beide Seiten müssen bereit sein, an der Beziehung zu arbeiten und in den „Sumpf“ zu steigen, um zu schauen, was schiefgelaufen ist.

Wie verändert sich die Lust auf Sex in der Lebensmitte bei Männern und Frauen?

Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern sind oft gar nicht so groß, wie man oft meint. Das Märchen vom Mann, dem es egal ist, mit wem er Sex hat, und der Frau, die schwer verliebt sein muss, löst sich in der Realität auf. Es gibt Frauen, die Wert auf lose Bekanntschaften legen, und viele Männer, denen Qualität deutlich mehr bedeutet als Quantität.

1940 entdeckt, wurde das Wissen um den G-Punkt in den Achtzigerjahren auch bei Männern populärer. Nützt es Frauen sexuell, wenn Männer sich über den weiblichen Körper informieren?

Es gehört zum Allgemeinwissen, sich klar darüber zu sein, wie das Genital der Frau aufgebaut ist. Wenn man weiß, dass die Vagina innen nicht hochempfindlich wie eine Eichel ist, sondern auf Druck und Dehnung angewiesen, dann weiß man auch, dass es völlig normal ist, dass ein Mann eine Frau mit dem Penis allein oft nicht zum Orgasmus bringen kann. Die weibliche Sexualität ist nicht so mysteriös, wie oft getan wird.

Wie können Paare, die seit vielen Jahren miteinander leben und das Bett teilen, wieder Leidenschaft und Lebendigkeit in ihr Sexleben bringen?

Um in Langzeitbeziehungen wieder Auftrieb zu bekommen, hilft oft schon körperliche Nähe ohne sexuelle Absicht. Ein Kuss, der sechs Sekunden dauert, oder eine Umarmung von 20 Sekunden regen die Bindungshormone wie Oxytocin an. Man kann auch gemeinsam duschen, um sich ohne Ablenkung dem Partner zu widmen. Wichtig ist dabei, dass Frauen sich nicht unter Druck setzen lassen, wenn der Mann dabei eine Erektion bekommt. Eine Erektion ist für den Mann nicht schmerzhaft, und es entsteht daraus keine Pflicht für die Frau, sexuell aktiv zu werden.

Wie oft ist ein sexloses Beziehungsleben in der Lebensmitte ein Grund dafür, dass Paare sich trennen?

Wenn man merkt, dass sich in einer Beziehung trotz allem nichts mehr bewegt, muss man irgendwann eine Linie ziehen. Ich erlebe viele Menschen, die sich über 50 von alten Modellen befreien und eine neue Liebe auf Augenhöhe finden, mit der sie ein erfülltes Sexleben haben.