Challenge-StudieJunge Menschen werden für Forschungszwecke mit Sars-CoV-2 infiziert

Jung, gesund, ohne Vorerkrankung – aus dieser Gruppe werden Freiwillige für eine Studie in Großbritannien gesucht (Symbolbild).
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Junge Frauen und Männer liegen ausgeruht in Krankenhausbetten, lesen ein Buch oder spielen Videospiele – diese Bilder werden auf der Registrierungswebseite gezeigt, bei der sich Menschen in Großbritannien für eine sogenannte Challenge-Studie melden können. Was anmutet wie eine Kur, ist eine ethisch umstrittene Studie. Für diese werden etwa 90 junge, gesunde Menschen zwischen 18 und 30 Jahren wissentlich mit Covid-19 infiziert. Ziel ist es, mehr über das Virus zu erfahren und die wissenschaftlichen Erkenntnisse für die Behandlung und Entwicklung neuer Medikamente gegen Sars-CoV-2 zu nutzen. Seit Mitte Februar sucht das Pharmaforschungsinstitut hVivo dafür Freiwillige, die keine Vorerkrankungen haben und noch nicht gegen Covid-19 geimpft sind. Sie sollen in einem „kontrollierten Umfeld” mit dem Coronavirus infiziert werden. Ist es ethisch vertretbar, junge Menschen mit einem potentiell tödlichen Virus zu infizieren, über das wir noch nicht viel wissen? Darüber spricht Professor Joerg Hasford, Mediziner und Vorsitzender im Arbeitskreis Medizinischer Ethik-Kommissionen in der Bundesrepublik Deutschland, im Interview.
Ist es denkbar, dass auch in Deutschland „Human Challenge Trials“ durchgeführt werden, um Sars-CoV-2 besser erforschen zu können?
Joerg Hasford: Ich glaube, dass das in Deutschland in dieser Form nicht durchführbar wäre. Da wird verlangt, dass man Menschen vorsätzlich infiziert – mit einer Erkrankung, für die es keine zuverlässige Therapie gibt. Es ist ein ethisches Problem, weil man Menschen vorsätzlich einem potentiell tödlichen Virus aussetzt. Eine Frage ist für mich ganz wichtig: Brauchen wir das Wissen aus der Studie wirklich essentiell? Auch wenn ich kein Virologe bin, habe ich daran meine Zweifel. Denn es stehen ja jetzt schon drei Impfstoffe zur Verfügung, ohne dass solche Studien durchgeführt worden wären.
Sind wir in Deutschland mit „Human Challenge Trials“ zurückhaltender, weil im Nationalsozialismus an Menschen, gegen ihren Willen, medizinische Experimente durchgeführt wurden?
Die Challenge-Studie in Großbritannien lässt sich natürlich nicht mit den medizinischen Experimenten im Nationalsozialismus vergleichen. Bei den Challenge-Studien werden die Studienteilnehmerinnen und Teilnehmer über die Risiken aufgeklärt und sind quasi freiwillig bereit, sich diesen Risiken auszusetzen.

Joerg Hasford, Medizinethiker
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In Deutschland gibt es aufgrund der Historie eine besondere Sensitivität. In Großbritannien sind die ethischen Vorstellungen stärker am Gemeinwohl orientiert als in Deutschland. In Deutschland ist das Grundgesetz sehr individualethisch aufgestellt. Heißt: Das Leben des Einzelnen wird sehr stark geschützt. In Artikel 1 und 2 ist definiert, dass die Würde des Menschen unantastbar ist und jeder Mensch das Recht auf ein unversehrtes Leben hat. Die rechtlichen und ethischen Voraussetzungen sind in Deutschland also anders. In Großbritannien kann man die Abwägung zwischen Eigennutz und Gruppennutz unbefangener angehen als in Deutschland. Eine der Parolen des Nationalsozialismus war, dass Gemeinnutz vor Eigennutz geht. Es gab einen unglaublichen Missbrauch von diesem Vorsatz und das hat ein Erbe hinterlassen.
Rechtfertigt die gegenwärtige Pandemielage den Einsatz der Challenge-Studie in Großbritannien? Befürworter argumentieren, dass die Erkenntnisse im Kampf gegen das Virus helfen könnten, Risikogruppen schneller geschützt, Medikamente schneller entwickelt werden könnten – quasi der Nutzen dieser Studien höher liege als das Risiko der Studienteilnehmerinnen und Teilnehmer.
Man müsste irgendwie glaubwürdig zeigen, warum diese „Human Challenge Trials“ essentiell sind, um Mittel gegen Covid-19 entwickeln zu können. Dagegen spricht, dass es uns gelungen ist, Impfstoffe innerhalb von zehn Monaten ohne solche Challenge-Studien zu entwickeln. Die Studie müsste der Entwicklung von Medikamenten einen extremen Schub geben, um es möglicherweise rechtfertigen zu können, dass Menschen mit einem potentiell tödlichen Virus infiziert werden. Außerdem sollte man sich auch in die Mediziner versetzen: Eine Ärztin oder ein Arzt ist darauf trainiert, immer das Wohlbefinden seiner Patienten als oberste Richtschnur zu haben und jetzt sollen Ärzte Menschen wissentlich infizieren. Wenn eine Person in der Studie sterben würde – ist es professionell das Schlimmste, was ihnen passieren kann, dass sie jemanden, wenn auch aus guten Gründen, ins Jenseits befördert haben. In der Haut dieser Ärztin oder dieses Arztes möchte ich nicht stecken.
Ist das Risiko überhaupt gut abschätzbar? Schließlich können auch junge Menschen schwer erkranken oder an einer Covid-19-Infektion sterben. Langzeitfolgen beispielsweise sind ja auch noch nicht in Gänze erforscht.
Es sterben auch junge Menschen an Covid-19 – auch junge Frauen, die statistisch gesehen das niedrigste Risiko haben, an einer Sars-CoV-2-Infektion zu sterben. Es ist gar nicht möglich, eine Person so zu untersuchen, dass man garantieren könnte, dass eine Covid-19-Infektion nicht tödlich verläuft. Die Langzeitfolgen von Covid-19 sind bei Weitem noch nicht erforscht. Es gibt auch Krankheiten, bei denen erst nach Jahren Spätfolgen auftreten – ob sowas auch bei Covid-19 der Fall ist, wissen wir noch nicht, weil wir die Krankheit erst etwa ein Jahr beobachten können.
Für wie sinnvoll halten Sie den Ansatz der Studie an sich? Weil eine Covid-19-Infektion bei jungen, gesunden Menschen ohne Vorerkrankungen meist mild abläuft und sie ein geringes Sterberisiko haben, werden sie als Studienteilnehmer gesucht. Was aber weltweit verhindert werden soll, sind schwere Verläufe und Todesfälle und diese treten eher bei älteren und/oder vorerkrankten Menschen auf.
Es stellt sich die Frage, ob die Ergebnisse übertragbar sind. Es ist gar nicht klar, ob etwas, was wir bei jungen Menschen erforscht haben, auch für ältere Menschen gilt – also auf sie übertragbar ist. Ob ein Nutzen für die Gesellschaft entsteht, wenn man zum Beispiel an jungen, gesunden weiblichen Probandinnen forscht und Rückschlüsse darauf ziehen möchte, wie es bei alten Männern funktioniert, wage ich zu bezweifeln. Der andere Punkt ist das sogenannte Gerechtigkeitsprinzip. Heißt: Es sollen die in die Forschung einbezogen werden, die später auch einen Nutzen daran haben. An einem Beispiel wird es deutlich: Dienen Menschen in armen afrikanischen Ländern als Versuchspersonen bei Studien zu Medikamenten gegen Prostatahypertrophie, bringen ihnen die Ergebnisse nichts. Sie haben andere, viel gravierendere gesundheitliche Probleme als eine Prostatahyperthrophie. Und das wird bei den „Human-Challenge-Studies“ sicherlich auch missachtet – man muss sich fragen, wer an solchen Studien teilnimmt. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind drei Wochen in einem Krankenhaus untergebracht, müssen sich danach noch Kontrollen unterziehen und erhalten rund 4.500 Pfund als Aufwandsentschädigung. Für einkommensschwache Schichten ist diese Summe ein großer Zugewinn. Ein Notar, einen Arzt oder CEO wird man nicht in solchen Studien finden.
Einkommensschwache nehmen also hohe Risiken für die Gesundheit aller auf sich?
Ja, das ist so. Es ist ein schwer zu lösendes Problem, um es etwas überspitzt darzustellen: Topverdienern, die im Jahr zum Beispiel eine Million Euro verdienen, müsste man für die drei Wochen im Krankenhaus fast 50.000 Pfund statt der 4.500 Pfund zahlen, um ihren Verdienstausfall zu decken. Diese Art von Forschung, bei der Teilnehmer eine eher geringe Summe bekommen, kann nicht dem Gerechtigkeitsprinzip entsprechen. Die Motive, warum Menschen an solchen Studien teilnehmen, sind sicher vielfältig. Es ist aber davon auszugehen, dass der finanzielle Aspekt eine gewichtige Rolle spielt.
Die Forscher wollen den Studienteilnehmern das Virus in verschiedenen Dosen verabreichen, um zu wissen, ab welcher Virusbelastung ein Mensch überhaupt krank wird. Wie groß sind die Aussichten auf Erfolg?
Um das zu erforschen, wird zum Beispiel bei Medikamentenstudien, die Dosierung immer in Gruppen untersucht, um Durchschnittswerte ableiten zu können. Heißt bei den Coronaviren, würde man fünf Personen mit der niedrigsten Dosis infizieren, die nächste Gruppe mit mehr Viren und so weiter, um festzustellen, ab welcher Virenlast eine Infektion folgt. Es kann sein, dass man in der Studie klare Virus-Dosis-Erkrankungs-Beziehungen ableiten kann.
Influenza, Malaria oder Cholera – Covid-19 ist nicht die erste Krankheit, die mit „Human Challenge Trials“ untersucht wird. Wie schätzen sie vergangene Challenge-Studien aus ethischer Sicht ein?
Früher gab es noch nicht so verbindliche Standards der Ethik in der medizinischen Forschung. In den USA beispielswiese war es bis in die 1980er Jahre möglich, dass klinische Studien an Gefängnisinsassen durchgeführt wurden. Die ethischen Anforderungen sind im Laufe der Zeit aber gestiegen. Das klassische Beispiel für eine Challenge-Studie ist der Hakenwurm. Der juckt schrecklich, aber daran stirbt keiner. Die Cholera-Challenge-Studien wurden meines Wissens erst durchgeführt als die Krankheit therapierbar war. Doch auch bei der Cholera kann es zu enormen Belastungen kommen. Einem Studienteilnehmer mussten 35 Liter Flüssigkeit zugeführt werden, um den Wasserverlust durch die Cholera auszugleichen. Seit 1964 gibt es mit der Deklaration von Helsinki eine Ethikleitlinie für die Ärzteschaft. Und das ist gut: Es können und dürfen zu Gunsten der Medizin und der Gesellschaft nicht alle ethischen Standards über den Haufen geworfen werden.
Herr Hasford, vielen Dank für das Gespräch.
