Mediziner erklärt'sFrieren Frauen wirklich schneller als Männer?

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Frau friert auf dem Sofa mit Tasse Tee in der Hand

Frierende Frau auf dem Sofa – kein ungewöhnlicher Anblick. Aber warum?

Was an dem Klischee dran ist, dass Frauen ständig kalte Finger haben und warum Kälte einsam macht, erklärt Mediziner Dr. Magnus Heier.

Die ersten Weihnachtsmärkte öffnen, man steht stundenlang mit Freunden im nasskalten Freien – Finger und Zehen werden kalt. Und das natürlich vor allem bei Frauen – deren kalten Füße sind ein beliebtes Klischee. Aber ist es auch wahr? Und wenn ja, warum?

Magnus Heier

Magnus Heier

ist Autor und Neurologe und schreibt die wöchentliche Medizinkolumne „Aus der Praxis“.

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Dass Finger und Zehen bei kaltem Wetter kalt werden, ist eine lebensrettende Erfindung der Evolution. Kleine Blutgefäße ziehen sich zusammen, um mit der Durchblutung auch die Wärmezufuhr in Hände und Füße zu reduzieren. Und damit Wärme zu sparen. Denn in der freien Natur, ohne Handschuhe und Thermosocken, geht bei Kälte bedrohlich viel Wärme über Arme und Beine verloren. Um Herz und Hirn (und die anderen lebenswichtigen Organe) zu schützen, werden Hände und Füße gleichsam „geopfert“.

Der männliche Körper heizt mehr als der weibliche.

Bei Extrembergsteigern gehören amputierte Zehen fast zum Berufsbild – die Wärmeumleitung von den Extremitäten in Rumpf und Kopf kann aber ihr Leben gerettet haben. Unter normalen Umständen, beim Rodeln, Wandern oder auf dem Weihnachtsmarkt, werden Muskeln und Haut zwar kalt und gefühllos, sind aber zumeist nicht gefährdet. Der Körper schützt, was lebenswichtig ist. Warum aber haben vor allem Frauen kalte Füße (und Finger)?

Das hängt auch mit dem Körperbau von Frauen und Männern zusammen: Männer haben – im Durchschnitt – relativ zur Gesamtmasse mehr Muskeln als Frauen. Die haben – im Durchschnitt – relativ mehr Fett als Männer. Muskeln sind aber ein sehr stoffwechselaktives Gewebe. Nicht nur bei der Arbeit, auch im Leerlauf. Weshalb der männliche Körper mehr Energie verbraucht (entsprechend „dürfen“ Männer mehr Kalorien zu sich nehmen, als Frauen). Stoffwechselaktive Muskeln produzieren dabei aber auch viel Wärme – Abwärme. Der männliche Körper heizt mehr als der weibliche.

Frauen sind durch ihr körpereigenes Energiemanagement besser auf extreme Wettersituationen vorbereitet – aber auf dem Weihnachtsmarkt frieren sie meist mehr.

In Ruhe, nicht wenn er zittert. Zittern ist wiederum eine Art Leerlauf von Muskeln, die dadurch noch sehr viel mehr Wärme erzeugen – wie die Standheizung eines Autos. Frauen sind durch ihr körpereigenes Energiemanagement besser auf extreme Wettersituationen vorbereitet – aber auf dem Weihnachtsmarkt frieren sie meist mehr. Was kann man konkret gegen kalte Finger und Zehen tun? Nicht rauchen! Denn Nikotin verengt die kleinen Blutgefäße zusätzlich. Dadurch werden die Extremitäten noch kälter. Was zwar Wärme spart, aber sehr unangenehm sein kann.

Es kommt ein psychologischer Effekt hinzu: Kälte macht einsam. Menschen in kalten Räumen fühlen sich eher isoliert. Umgekehrt fühlen sie sich in Gruppen geborgen – und überschätzen die Temperatur des Raumes. Geborgenheit wird offenbar mit Wärme „verwechselt“. In der Gruppe ist die Kälte weniger schlimm. Alkohol übrigens hat den gegenteiligen Effekt von Nikotin: Er weitet die Blutgefäße, Finger und Zehen werden wieder wärmer. Zwar geht Wärme verloren, aber das ist unter normalen Umständen kein Problem. Natürlich ist eine Alkoholempfehlung immer problematisch: Aber ein weihnachtlicher Glühwein mit Freunden muss keine schlechte Idee sein.

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