„Haltet und pflegt eure Freundschaften!“ Dieser Rat ist Nils Arnold besonders wichtig. Der 54-Jährige lebt seit Anfang des Jahres in einem Hospiz in Schleswig-Holstein und kämpft nach einer Hirnoperation mit schweren Einschränkungen. Trotz allem hat er einen Wunsch: wieder laufen zu lernen.
Mit 54 im HospizNils Arnold hat Hirntumor und kann nicht mehr gehen

Nils Arnold (54) lebt seit Januar im Auxilium Hospiz in Geesthacht. Am meisten vermisst er Spaziergänge durch den Sachsenwald.
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„Oh dubidu, ich wär so gern wie duhuhu“, singt Nils Arnold und lacht. Der Disney-Klassiker „Das Dschungelbuch“ soll am nächsten Kinoabend im Auxilium Hospiz Geesthacht, südöstlich von Hamburg, laufen. Arnold erinnert der Song an eine Berlin-Reise mit seinen Freunden vor einigen Jahren. „Da lief das Lied in einem Techno-Club“, erzählt er. Eigentlich wollten sie nur ein Footballspiel ansehen – danach tanzen zu gehen, war eine spontane Entscheidung.
„Ich möchte gehen wie du, stehen wie du, duhuhu“, singt er weiter. Der Songtext passt irgendwie zu Arnolds Situation – er würde auch gern wieder gehen und stehen, kann es aber nicht mehr. Der 54-Jährige sitzt im Rollstuhl. Ein Hirntumor sorgt dafür, dass er nicht mehr laufen kann. Seit Januar lebt er im Hospiz.
Krebsdiagnose und drei Hirnoperationen
Die Krebsdiagnose bekam Arnold im August 2023, sagt er. Chemotherapie und Bestrahlung haben nicht angeschlagen, dafür hatte er aber zwei erfolgreiche Hirnoperationen. Einschränkungen hatte er danach so gut wie keine. „In der vergangenen Adventszeit bin ich noch herumgehüpft.“ Kurz vor Weihnachten 2025 war eine dritte Hirnoperation nötig. „Die ist leider in die Hose gegangen.“
Der 54-Jährige sitzt in seinem Hospiz-Zimmer. Vor ihm steht ein Tisch, darauf liegt ein fertiges Puzzle und eine Packung Taschentücher. Als er seine Geschichte erzählt, fängt er an zu weinen. „Ich bin aufgewacht und habe gemerkt, dass ich meine Beine und meine linke Hand nicht mehr richtig benutzen kann.“ Für ihn ein schwerer Schlag – Arnold liebt lange Spaziergänge und Fahrradtouren.
Mit seiner Familie hat er in Dassendorf in Schleswig-Holstein gewohnt, direkt am Sachsenwald. „Ich bin viel durch den Wald spazieren gegangen und habe Fotos gemacht. Das vermisse ich sehr“, sagt er traurig. Die Fotografie ist eines seiner liebsten Hobbys. Außerdem ist er viel gereist: nach Brasilien, Afrika, Indonesien oder mit dem Wohnmobil durch ganz Deutschland. „Beim Camping mit meinem Sohn oder meinen Freunden sind die schönsten Erinnerungen entstanden.“
„Haltet und pflegt eure Freundschaften!“
Im Hospiz hat er ein paar neue Hobbys gefunden. „Ich hätte nicht gedacht, dass ich mal im Chor singe“, erzählt er und lacht. Arnold ist gelernter Kfz-Mechatroniker, hat auch seinen Meister gemacht. Nun gehören auch Basteln, Malen und Zeichnen zu seinen Hobbys – das macht er alles mit einer Hand.
Gemeinsam mit einem Ehrenamtler sammelt der 54-Jährige auch seine Fotografien zusammen, um damit seine Geschichte erzählen zu können. Am besten aber gefallen ihm die Ausflüge: „Ich durfte schon an die Ostsee fahren, da war meine Familie auch dabei.“
Seine Familie und auch seine Freunde besuchen ihn regelmäßig. „Ich bin sehr stolz auf meine Freunde. Sie unterstützen mich, wo sie können“, sagt er und wischt sich eine Träne von der Wange. Er sei ihnen unglaublich dankbar, dass sie ihn auch in dieser kritischen Lebensphase klaglos durch „dick und dünn“ begleiten würden. Deshalb würde er auch jedem raten: „Haltet und pflegt eure Freundschaften! Sie sind das mit Abstand Wichtigste, das ihr habt!“
Trotz der Umstände fühlt sich Arnold im Hospiz sehr wohl. Die Pflegekräfte und ehrenamtlichen Betreuer seien immer nett und höflich und würden den Gästen die Wünsche von den Augen ablesen, sagt er. Auch das Essen sei gut. „Auf Wunsch bekomme ich hier auch Currywurst mit Pommes“, erzählt er und lacht. Außerdem herrsche immer heitere Stimmung, auch wenn man täglich mit dem Tod konfrontiert sei. „Ich habe mich hier gut eingelebt.“
Arnold möchte im Hospiz wieder laufen lernen
Dem 54-Jährigen ist es ganz wichtig, sein Lachen nicht zu verlieren. „Angst vor dem Tod habe ich eigentlich nicht“, sagt er. Damit habe er sich nach seiner Diagnose schon größtenteils abgefunden. Nur seine Situation im Rollstuhl hat er noch nicht ganz verkraftet. Seinen Ärzten macht er deshalb aber keine Vorwürfe. „Ich hätte mir nur direkt nach der Operation mehr psychologische Betreuung gewünscht.“
Nils Arnold gibt die Hoffnung nicht auf, dass gegen seinen Krebs ein Medikament gefunden werden kann. „Bei einer Bekannten hat das quasi in letzter Minute geklappt, sie ist mittlerweile offiziell krebsfrei“, erzählt er. Für so eine Option möchte er so lange wie möglich kämpfen. Er hat aber auch noch ein anderes Ziel: „Ich möchte unbedingt wieder lernen, zu laufen.“
Dafür bekommt er Physiotherapie. Wenn es nach ihm ginge, wäre das auch deutlich häufiger und länger möglich. „Das lässt das System leider nicht zu“, sagt er. Arnold soll aber nicht allein versuchen, zu gehen. „Ich bin schon zweimal gestürzt. Es wäre natürlich schlecht, wenn ich mir etwas breche.“
Aber daran möchte er weiterhin arbeiten. Wenn es ihm das gelänge, könnte er auch wieder Waldspaziergänge machen. Und wie in dem „Dschungelbuch“-Lied, könnte der 54-Jährige dann vielleicht auch wieder „gehen wie du“ und „stehen wie du“.
Dieser Artikel erschien zuerst in den „Lübecker Nachrichten“ – Partner im RedaktionsNetzwerk Deutschland.
