Wenn der Motor stottert: Was hinter einer Schilddrüsenunterfunktion steckt und wie sie richtig behandelt wird.
Wenn der Motor stottertSymptome und Behandlung der Schilddrüsenunterfunktion

Wie geht es der Schilddrüse? Darüber geben Blutwerte wie der TSH-Wert Auskunft. Ebenfalls wichtiger Teil der Diagnostik: eine Ultraschalluntersuchung des Organs.
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Dauerhafte Erschöpfung und Gewichtszunahme können Warnsignale sein. Was hinter einer Schilddrüsenunterfunktion steckt und wie sie behandelt wird.
Die Schilddrüse ist zwar ein kleines Organ, hat aber immense Bedeutung. Sie wird als „Taktgeber unseres Stoffwechsels“ bezeichnet, wie Prof. Volker Fendrich, Spezialist für Chirurgie und Viszeralchirurgie, ausführt. Dieses Organ stellt Hormone her, welche zahlreiche Körperprozesse steuern, beispielsweise den Herzschlag, die Verdauung, die Erzeugung von Körperwärme, die Muskelstärke, das Wachstum der Haare und den gesamten Energiehaushalt.
Sollte dieser Regulator aus dem Gleichgewicht geraten und eine übermäßige oder unzureichende Menge an Hormonen ausschütten, können die Auswirkungen nach einiger Zeit spürbar werden. Eine Insuffizienz, medizinisch als Hypothyreose bekannt, tritt dabei öfter auf als eine Überfunktion. Laut Angaben des Portals „gesund.bund.de“ sind circa 5 von 100 Personen von dieser Krankheit betroffen, wobei Frauen signifikant häufiger darunter leiden als Männer.
Was ist die Schilddrüse und welche Funktion hat sie?
Wegen ihrer charakteristischen Gestalt wird die Schilddrüse im Volksmund auch als Schmetterlingsorgan bezeichnet. Der Nuklearmediziner Wolfgang Braun beschreibt ihren Aufbau: „Sie besteht aus zwei Lappen, die durch eine Brücke miteinander verbunden sind“.
Ihre Position im Körper wird von Volker Fendrich, dem Chefarzt für Endokrine Chirurgie an der Schön Klinik Hamburg Eilbek, präzisiert: „Die Schilddrüse sitzt zwischen Kehlkopf und der Halsgrube“. Vereinfacht ausgedrückt entspricht bei einem gesunden Organ jeder Lappen ungefähr der Dimension einer kleinen Aprikose. Dabei ist das Organ bei Männern tendenziell etwas voluminöser als bei Frauen.
Die Hauptaufgabe der Schilddrüse ist die Hormonproduktion. Thyroxin (T4) und Trijodthyronin (T3) sind die bedeutendsten davon, da sie eine Vielzahl von Körpervorgängen steuern. Dies funktioniert jedoch nur bei einer adäquaten Produktionsmenge. Wolfgang Braun, Verfasser des Buches „Schilddrüse im Gleichgewicht“, erklärt die Konsequenzen eines Defizits: „Produziert die Schilddrüse zu wenig Hormone, dann verlangsamen sich alle Stoffwechselprozesse“.
Ursachen: Von Autoimmunerkrankungen bis Jodmangel
Wolfgang Braun erläutert den häufigsten Grund für eine Hypothyreose: „Häufigste Ursache einer Schilddrüsenunterfunktion ist eine Entzündung, die nach dem japanischen Chirurgen Hakaru Hashimoto benannt wurde“. Die als Hashimoto-Thyreoiditis bekannte Erkrankung wurde 1912 von dem japanischen Mediziner, der aus einer Ärztefamilie kam, zum ersten Mal dokumentiert. Es ist eine chronische Autoimmunerkrankung, bei der das körpereigene Abwehrsystem irrtümlich das Schilddrüsengewebe attackiert und schädigt.
Zusätzliche Auslöser für eine Insuffizienz sind chirurgische Eingriffe, bei denen das Organ ganz oder in Teilen entnommen wurde, beispielsweise wegen Knotenbildungen oder Tumoren. Laut Braun können auch Arzneien zur Behandlung einer Schilddrüsenüberfunktion bei überhöhter Dosierung eine Unterfunktion herbeiführen. Ebenso kann ein andauernder Mangel an Jod die Ursache sein, da dieses Spurenelement für die Synthese der Schilddrüsenhormone essenziell ist.
In seltenen Fällen ist eine Hypothyreose bereits angeboren. Wolfgang Braun warnt: „Dann kommt es nicht zu einer normalen Entwicklung, sondern zu schwerwiegenden geistigen und körperlichen Beeinträchtigungen“. Solche Vorkommnisse sind jedoch rar. Sie werden im Normalfall durch das Neugeborenenscreening, eine Blutabnahme zwischen dem zweiten und dritten Lebenstag, zügig diagnostiziert und therapiert.
Symptome: Wie sich eine Unterfunktion bemerkbar macht
Volker Fendrich beschreibt die Auswirkungen mit einem bildhaften Vergleich: „Der Motor stottert“. Eine Vielzahl von Anzeichen kann auf eine Insuffizienz hindeuten. Dazu zählen unter anderem:
Im Gegensatz dazu stehen die Symptome einer Hyperfunktion. „Wenn die Schilddrüse zu viel arbeitet, führt das beispielsweise zu Herzklopfen, Gewichtsabnahme, Schlaflosigkeit, Reizbarkeit und vermehrtem Schwitzen“, so Wolfgang Braun.
Diagnose: So wird eine Hypothyreose festgestellt
Bei einem Verdacht auf eine Fehlfunktion der Schilddrüse ist die Hausarztpraxis die primäre Kontaktstelle. Dort wird eine Blutprobe entnommen, die anschließend zur Analyse in ein Labor geschickt wird.
Eine zentrale Rolle spielt hierbei der TSH-Wert. TSH ist die Abkürzung für das Thyreoidea-stimulierende Hormon, welches im Gehirn entsteht. Seine Funktion ist es, die Schilddrüse zur Hormonproduktion anzuregen. Ein erhöhter TSH-Spiegel im Blut deutet auf eine Hypothyreose hin. Volker Fendrich erklärt den Mechanismus: „Das Gehirn versucht dann, durch das Herausschießen von TSH die Schilddrüse anzukurbeln - was aber bei Zerstörung oder Entnahme der Schilddrüse eben nicht mehr funktioniert“.
Um ein umfassendes Bild zu erhalten, sind zusätzliche Blutwerte nützlich. Dazu gehört der fT4-Wert, der die Menge des frei im Blut zirkulierenden T4-Hormons anzeigt, sowie die Messung der Konzentration von Schilddrüsen-Antikörpern. Eine Sonografie der Schilddrüse sollte ebenfalls zur Diagnostik gehören, da sie Hinweise auf die Krankheitsursache geben kann. „Bei Hashimoto etwa kommen weniger Echos im Ultraschall zurück“, merkt Wolfgang Braun an.
Therapie: Was bei der Einnahme von L-Thyroxin wichtig ist
Nach der Diagnosestellung erhalten Betroffene üblicherweise ein Rezept für L-Thyroxin. Diese Tabletten enthalten das synthetische Schilddrüsenhormon T4. Es ist oft ein Prozess des Ausprobierens mit unterschiedlichen Dosierungen erforderlich, bis der TSH-Wert wieder im Normbereich liegt. „Die Tabletten nimmt man dann ein Leben lang“, stellt Volker Fendrich fest.
Sollte trotz der Medikation keine Besserung der Symptome eintreten, könnten Anwendungsfehler die Ursache sein. Die grundlegende Vorschrift besagt, die Tablette mit einem Mindestabstand von 30 Minuten vor der ersten Mahlzeit auf leeren Magen einzunehmen. „Es geht vor allem um einen zeitlichen Abstand zu Kalzium, also zum Joghurt oder zum Kaffee mit Milch“, hebt Fendrich hervor. Der Grund dafür ist, dass Kalzium im Magen mit L-Thyroxin eine schwer aufzulösende Verbindung bilden kann, was zu einer reduzierten Aufnahme des Wirkstoffs durch den Körper führt.
Laut Braun können auch diverse andere Arzneien die Resorption der L-Thyroxin-Tabletten im Dünndarm beeinträchtigen, speziell Eisenpräparate, kalziumhaltige Mittel und Antibiotika. Es wird empfohlen, mit dem behandelnden Arzt oder in der Apotheke zu klären, welcher zeitliche Abstand bei der Einnahme eingehalten werden sollte.
Was Betroffene zusätzlich tun können
Wolfgang Braun hält es für ratsam, im Rahmen der Diagnose auch die Spiegel von Eisen, Vitamin D und Selen überprüfen zu lassen. Bei festgestellten Defiziten sollte entsprechend gegengesteuert werden. Braun erklärt die Zusammenhänge: „Eine Schilddrüsenunterfunktion kann den Eisenstoffwechsel verlangsamen, sodass weniger Eisen aufgenommen wird. Das kann natürlich das Symptom Müdigkeit noch verstärken“. Er fügt hinzu: „Gerade Hashimoto-Patientinnen und -Patienten haben oft einen Vitamin-D-Mangel. Wird der ausgeglichen, wirkt das Schilddrüsenhormon besser.“
Anpassungen des Lebensstils, wie der Verzicht auf Rauchen, die Sicherstellung von ausreichend Schlaf und die Etablierung eines effektiven Stressmanagements, sind grundsätzlich vorteilhaft und können auch das Leben mit einer Hypothyreose erleichtern. (dpa/red)
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