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Warum das Migräne-Gehirn mehr kann, als Sie denkenEinblicke von Dagny Holle-Lee

5 min
Migräne wurde über Jahrzehnte als psychosomatisch bagatellisiert, dabei steckt dahinter eine ernsthafte neurologische Erkrankung. . RND

Migräne wurde über Jahrzehnte als psychosomatisch bagatellisiert, dabei steckt dahinter eine ernsthafte neurologische Erkrankung. . RND

Migräne ist eine der häufigsten neurologischen Krankheiten. Trotzdem wurde sie lange unterschätzt oder nicht ernst genommen – auch von der Pharmaindustrie. Kopfschmerzexpertin Dagny Holle-Lee kennt neue Therapien, klärt über falsche Mythen auf und weiß, warum das Migräne-Gehirn sogar Vorteile haben kann.

Die Neurologin Dagny Holle-Lee leitet das Westdeutsche Kopfschmerz- und Schwindelzentrum der Universitätsmedizin Essen. Als @migraene_doc klärt die 46-Jährige bei Instagram über die Erkrankung auf. In ihrem neuen Buch „Migräne Doc“ gibt sie Ratschläge für Betroffene.

Frau Holle-Lee, Dieter Bohlen hat sich kürzlich in einem Video über die Migräne seiner Partnerin lustig gemacht. Er sagt etwa: „Du bist doch gar nicht krank“. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie so etwas sehen?

Ich war schockiert. Migräne wird hier wieder einmal als bloße Ausrede für ‚keine Lust‘ dargestellt – ein uraltes Klischee, von dem ich wirklich dachte, dass wir es inzwischen hinter uns gelassen haben. Ob Herr Bohlen das so sieht, ist für mich zweitrangig. Was mich mehr beunruhigt, sind die zahlreichen zustimmenden Kommentare. Sie zeigen, wie tief dieses Missverständnis noch immer verankert ist. Migräne ist keine Befindlichkeit und kein Vorwand, sondern eine ernsthafte neurologische Erkrankung, die für Betroffene mit massiven Einschränkungen verbunden ist.

Wieso hält sich dieses Klischee so hartnäckig?

Migräne ist für Außenstehende unsichtbar. Wenn es einen einfachen Bluttest gäbe oder ein MRT eindeutige Veränderungen zeigen würde, wäre die Akzeptanz wohl deutlich größer. Doch bislang gibt es keine verlässlichen Biomarker, die Migräne objektiv ‚beweisen‘. Das macht es Betroffenen schwer, ihre Erkrankung zu legitimieren. Hinzu kommt, dass überwiegend Frauen betroffen sind, deren Erkrankungen historisch oft bagatellisiert oder psychologisiert wurden. Lange gab es zudem keine gezielt entwickelten Therapien, entsprechend gering war das Forschungsinteresse. Auch von der Pharmaindustrie wurde Migräne lange nicht als innovatives Entwicklungsfeld betrachtet.

Migräne ist eine lebenslange Erkrankung, bei der oft regelmäßig Medikamente genommen werden. Das ist doch lukrativ für die Pharmaindustrie?

Lange war eher das Gegenteil der Fall. Migräne wurde über Jahrzehnte als psychosomatisch bagatellisiert, und weil es keine Biomarker gibt, sind klinische Studien methodisch aufwendiger. Der Therapieerfolg lässt sich im Wesentlichen anhand der Angaben der Betroffenen messen – das macht Entwicklung und Zulassung komplexer. Das hat sich erst mit der Einführung der CGRP-Antikörper grundlegend verändert. Seitdem ist deutlich mehr Bewegung im Markt und Migräne auch wirtschaftlich ein relevantes Feld. Aber nicht jede Person mit Migräne benötigt eine dauerhafte medikamentöse Therapie.

Wie wird Migräne behandelt?

Die Basis ist eine wirksame Akuttherapie, mit der sich eine Attacke möglichst frühzeitig durchbrechen lässt. Bei leichteren Verläufen können klassische Schmerzmittel wie Ibuprofen ausreichen. Bei stärkeren Attacken kommen spezifische Migräne-Medikamente wie Triptane zum Einsatz.

Welche Rolle spielt der Lebensstil?

Sport, Entspannung und regelmäßige Mahlzeiten und Schlafzeiten sind zentral, aber die Lebensstiländerungen müssen auch umsetzbar sein: Ein Schichtarbeiter kann nicht immer zur gleichen Zeit ins Bett. Wenn die Lebensstiländerungen nicht reichen, gibt es vorbeugende Medikamente wie Antidepressiva, Betablocker, Botox oder die Antikörper-Spritze. Wichtig ist auch, dass Betroffene sich informieren.

Auf sozialen Medien kursieren viele Tipps: Füße in heißes Wasser, viel Trinken oder Haarklammern an der Augenbraue. Hilfreich oder Quatsch?

Das ist Quatsch. Solche Tipps ärgern mich, weil sie falsche Hoffnungen wecken und Migräne verharmlosen. Als würde es reichen, die Füße in heißes Wasser zu stellen oder mehr zu trinken. Migräne ist eine neurologische Erkrankung – kein Flüssigkeitsmangel und kein Wellness-Problem. Problematisch ist auch die unterschwellige Botschaft dahinter: Man hätte die Attacke verhindern können, wenn man sich nur ‚richtig‘ verhalten hätte. Das schiebt die Verantwortung den Betroffenen zu und erzeugt zusätzlichen Druck. Viele lassen sich davon verunsichern und fühlen sich schuldig, obwohl sie nichts falsch gemacht haben.

Wie unterscheidet sich Migräne von normalen Kopfschmerzen?

Streng genommen gibt es keine ‚normalen‘ Kopfschmerzen – normal ist, keine Kopfschmerzen zu haben. Häufig wird der sogenannte Spannungskopfschmerz als ‚normal‘ bezeichnet. Das sind eher dumpfe, beidseitige Schmerzen, die im Alltag nicht einschränken. Migräne hingegen ist eine eigenständige neurologische Erkrankung. Sie geht meist mit mittelstarken bis starken Schmerzen einher und wird von Symptomen wie Übelkeit, Licht- oder Geräuschempfindlichkeit begleitet. Wichtig ist: Migräne ist keine Frage der Schmerzstärke allein, sondern Ausdruck einer biologischen Veranlagung. Man kommt mit einem sogenannten ‚Migräne-Gehirn‘ zur Welt – einer besonderen Reizverarbeitung im Nervensystem.

Was bedeutet das Migräne-Gehirn für Betroffene?

Vor allem bedeutet es eine grundsätzlich erhöhte Reizempfindlichkeit. Das Nervensystem verarbeitet Sinneseindrücke intensiver. Betroffene reagieren etwa empfindlicher auf helles Licht, starke Gerüche oder Lärm. Auch viele gleichzeitige Reize – etwa im Supermarkt – können schneller überfordern. Wichtig ist: Diese erhöhte Sensibilität besteht oft auch außerhalb einer akuten Schmerzattacke. Während einer Migräneattacke verstärkt sich diese Reizempfindlichkeit dann noch einmal deutlich.

Wie äußert sich Migräne bei Kindern?

Ganz anders als bei Erwachsenen. Typische Hinweise können ausgeprägte Reiseübelkeit, eine starke Reizempfindlichkeit oder wiederkehrende Bauchschmerzen sein. Gerade die sogenannte ‚Bauchmigräne‘ wird häufig nicht sofort erkannt. Weil Kopfschmerzen bei Kindern nicht immer im Vordergrund stehen oder gar fehlen können, wird die Diagnose oft spät gestellt.

Welche Mythen hören Sie in Ihrer Praxis immer wieder?

Viele wissen nicht, dass Nackenschmerzen auch ein Migränesymptom sind. Da wird dann viel investiert in orthopädische Kissen und Chiropraktik.

Hat Migräne auch positive Eigenschaften?

Durch die erhöhte Reizoffenheit nehmen Betroffene sehr fein wahr – sie registrieren Stimmungen, Veränderungen oder Details oft schneller und intensiver. In bestimmten beruflichen oder kreativen Kontexten kann das eine Stärke sein. Man geht sogar davon aus, dass diese besondere Sensibilität evolutionsbiologisch einen Vorteil hatte, weil potenzielle Gefahren früher erkannt wurden.

Da sich Migräne positiv durch regelmäßigen Schlaf, ausgewogene Ernährung, Stressmanagement und Bewegung beeinflussen lässt, entwickeln viele einen besonders gesunden Lebensstil – oft sogar gesünder als Menschen ohne Migräne. Das heißt natürlich nicht, dass Migräne ‚etwas Gutes‘ ist. Aber die dahinterliegende Veranlagung sollte nicht ausschließlich negativ bewertet werden.

Welche vielversprechenden Behandlungsansätze gibt es?

In den kommenden Jahren wird sich in der Migränetherapie sehr viel bewegen. Besonders vielversprechend sind neue Antikörper-Therapien gegen andere Botenstoffe wie PACAP. Ich erwarte auch maßgebliche Fortschritte durch digitale Therapien. Mit modernen KI-gestützten Anwendungen lassen sich individuelle Trigger, Attackenmuster und Therapieansprechen deutlich präziser analysieren und individueller behandeln.