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Wenn Winterdepression auch im Frühling anhältPsychologin verrät, was man tun kann

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Der Winter geht, die Traurigkeit bleibt: Wer in diesen Wochen keine Freude an den helleren Tagen entwickeln kann, antriebs- und lustlos ist, sollte sich Hilfe suchen. RND

Der Winter geht, die Traurigkeit bleibt: Wer in diesen Wochen keine Freude an den helleren Tagen entwickeln kann, antriebs- und lustlos ist, sollte sich Hilfe suchen. RND

Was tun, wenn der Winter zwar geht, die Depression aber bleibt? Und wann brauche ich Hilfe? Eine Expertin gibt Tipps.

Die Sonnenstrahlen des Frühlings haben die Menschen auf die Straßen gelockt. Ihre Laune hat sich gebessert, die Lust, etwas zu unternehmen und das Haus zu verlassen, steigt täglich. Nach den langen Wintermonaten und streckenweise dunklen Tagen erholen sich viele Menschen jetzt von ihrer sogenannten Winterdepression.

Doch was ist, wenn die düstere Stimmung, die Lustlosigkeit bleibt und man einfach keine Freude für das Erwachen der Natur spüren kann? Hält eine depressive Verstimmung längerfristig an, kann es sich um eine ernstzunehmende psychische Erkrankung handeln. Welche Warnzeichen sind ernst zu nehmen? Und was kann Betroffenen helfen?

Die oft unterschätzte Krankheit

Depressionen gehören zu den häufigsten Erkrankungen, werden in Schwere und Ausmaß aber häufig unterschätzt, heißt es von der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention. Zahlen der Stiftung zufolge sind in Deutschland aktuell 11,3 Prozent der Frauen und 5,1 Prozent der Männer erkrankt.

„Im Kern äußert sich eine Depression durch eine niedergeschlagene, gedrückte Stimmung, die anhält“, erklärt Dr. Ines Keita. Als Psychologin übernimmt sie die fachliche Leitung und agiert als stellvertretende Geschäftsführerin der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention. Von „anhaltenden Symptomen“ spreche man nach etwa zwei Wochen, sagt sie, je nach äußeren Umständen und Situation.

Der Alltag wird schwierig bis unmöglich

Viele Menschen verlieren in der Depression das Interesse an Dingen, die ihnen früher gefallen oder etwas bedeutet haben. So bereiten Hobbys, der Beruf oder Zeit mit Freunden und Familie keine Freude mehr. Die Depression sei außerdem oft durch ein ausgeprägtes Morgentief gekennzeichnet, so Keita. „Häufig ist der Schlaf gestört, der Antrieb ist vermindert. Das heißt, aufzustehen, alltägliche Dinge zu erledigen und den Alltag zu bewältigen, wird schwierig bis unmöglich”, erklärt Keita.

Oft, so die Erfahrung der Expertin, verbringen die Menschen bei einer Depression viel Zeit im Bett oder auf der Couch. Auch in der Schule oder bei der Arbeit könne sich eine solche Erkrankung durch Konzentrationsstörungen bemerkbar machen. Ein verminderter Appetit und Gewichtsverlust könnten ebenso Anzeichen für eine Depression sein.

Teil des Krankheitsbilds seien auch Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit. „Menschen mit Depressionen glauben nicht daran, dass es ihnen je besser gehen wird”, ordnet Keita ein. Bei schweren Depression könnten oft gar keine Gefühle mehr empfunden werden. Auch Suizidgedanken beschäftigen Betroffene dann nicht selten.

Hausarzt als erste Anlaufstelle

Wer Anzeichen einer Depression bei sich selbst erkennt, sollte sich in einem ersten Schritt jemandem anvertrauen. Die erste Anlaufstelle, so Keita, ist dabei die Hausärztin oder der Hausarzt. „Viele denken, ich kann zum Hausarzt nur gehen, wenn ich eine Erkältung oder etwas Körperliches habe, aber das ist so nicht richtig.“

Für die Diagnose stehen verschiedene Kriterien bereit, die Medizinerinnen und Mediziner einbeziehen. Zunächst führt der Hausarzt oder die Hausärztin ein diagnostisches Gespräch durch. Abgeklärt werden auch körperliche Ursachen wie Schilddrüsenerkrankungen, die depressionsähnliche Symptome verursachen können. Dabei können die Behandelnden Depressionen auch etwa von einer Trauerreaktion abgrenzen.

Je früher die Behandlung einsetzt, desto besser ist die Prognose. Doch für erkrankte Menschen sei dieser Schritt meist mit großen Hürden verbunden, betont Keita: Einerseits brauche es die Erkenntnis, dass etwas nicht stimmt – andererseits die Kraft und den Antrieb, sich Hilfe zu suchen. „Wenn ich selber die Kraft nicht habe, dann raten wir von der Stiftung immer, sich an Freunde oder Familienmitglieder zu wenden“, so die fachliche Leiterin.

Doch in Deutschland sind Therapieplätze rar, viele Betroffene warten lange auf eine passende Behandlung. „Nicht jeder, der eine Depression hat, muss sofort zur Psychotherapie“, unterstreicht Keita. Nach dem Besuch bei Hausärztin oder Hausarzt kann, je nach Schwere der Erkrankung, ein Erstgespräch bei einer Therapeutin oder einem Therapeuten folgen. Hier entscheidet sich, wie eine weitere Betreuung aussehen könnte.

Verschiedene Möglichkeiten ausloten

Abseits von Psychotherapie und einer Behandlung mit Medikamenten könnten in weniger schweren Fällen auch Online-Programme, in enger Absprache mit Hausarzt oder Hausärztin, genutzt werden. Bei schweren Depressionen werde häufig eine Kombination aus Medikamenten und Psychotherapie angewandt, erklärt die Expertin.

Keitas Tipp: „An Ausbildungsinstituten, an denen Psychotherapeutinnen und -therapeuten ausgebildet werden, bekommt man manchmal schneller einen Termin.“ Angehende Therapeutinnen und Therapeuten führen dort Therapien durch, immer unter Supervision.

Achtsamkeit im Alltag zur Unterstützung

Eine Depression ist eine psychische Erkrankung, die Menschen in den verschiedensten Lebenssituationen treffen kann. Wichtig, um eine Depression erfolgreich zu überwinden, ist eine professionelle Behandlung. Unterstützend dazu können Betroffene auch selbst etwas tun. Keita rät Patientinnen und Patienten, im Alltag auf einige Punkte zu achten:

  1. Eine passende Schlafhygiene mit maximal acht Stunden Bettzeit, tagsüber das Hinlegen im Bett vermeiden: „Je länger ich im Bett liege, desto schlechter kann die Stimmung am nächsten Morgen sein.“
  2. Sofern möglich rausgehen, Tageslicht nutzen, sich an der frischen Luft bewegen: „Bei schweren Depressionen kann aber auch das Rausgehen manchmal schlichtweg nicht möglich sein.“
  3. Versuchen, den Tag zu strukturieren, nicht nur mit notwendigen Aufgaben, auch mit Schönem: „Bewusst positive Sachen planen.“

„Am Ende entscheidet die Depression, ob das gelingt oder nicht“, so Keita. Wenn es nicht klappt, sei es wichtig, zu verstehen, dass es an der Erkrankung liege. „Da hat auch niemand Schuld oder versagt, es ist schlichtweg nicht möglich“, betont die Psychologin. „Aber nicht, weil derjenige sich nicht ausreichend anstrengt, sondern weil die Erkrankung zu schwer ist.“

Depressionen sind keine Launen

Klar zeichne sich vor allem im Frühjahr ab, dass Depressionen keine Stimmungsschwankungen seien, bei denen sich die Laune mit den ersten Sonnenstrahlen wieder aufhellt. Betroffenen vermeintlich gut gemeinte Ratschläge zu geben wie „Geh doch mal raus an die frische Luft”, sei kontraproduktiv und schüre oftmals Versagens- oder Schuldgefühle.

Angehörige können laut Keita unterstützen, indem sie professionelle Hilfe organisieren und auf Wunsch den Patienten auch dahin begleiten. Zudem sei es hilfreich, hin und wieder einen gemeinsamen Spaziergang anzubieten. Solche positive Aktivitäten könnten helfen, Grübelschleifen und mögliche depressive Spiralen zu durchbrechen. „Je mehr man sich zurückzieht, desto geringer ist die Chance, überhaupt positive Erlebnisse zu haben“, vermittelt die Psychologin.

„Soziale Kontakte sind immer ein wichtiges Netz, das auch bei psychischen Krisen hilft“, so Keita. Regelmäßige Bewegung und gesunde Ernährung seien der Psyche ebenso zuträglich wie der körperlichen Fitness. Sie könnten das Risiko von Rückfällen in eine Depression vermindern. Wichtig sei dennoch, eine entsprechende Behandlung fortzuführen.