Seit Jahren suchen Psychiater nach neuen Therapien für depressive Patienten. In einer Untersuchung hat sich nun bestätigt, dass ein Wirkstoff aus psychedelischen Pilzen in der Lage ist, die Symptome abzuschwächen.
„Magic Mushrooms“ in der TherapieWie Psilocybin gegen Depressionen wirken kann

Psilocybin, der Wirkstoff von „Magic Mushrooms“, kann bei der Behandlung von Depressionen helfen. RND
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„Magic Mushrooms“ sind eine beliebte Partydroge: Sie entfalten eine psychedelische Wirkung, können Bewusstsein und Wahrnehmung verändern. Genau das wollen sich Forschende künftig bei der Behandlung von Depressionen zunutze machen. So hat der Wirkstoff der Pilze, das Psilocybin, in einer neuen Studie depressive Symptome gelindert. Wird die Einnahme des Psychedelikums psychologisch begleitet, kann sie offenbar zu Durchbrüchen in der Therapie verhelfen.
In der Psychiatrie setze allmählich ein Umdenken ein, sagt Gerhard Gründer vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (Zi) in Mannheim, das die Psilocybin-Studie gemeinsam mit dem Berliner Universitätsklinikum Charité durchgeführt hat.
Ein Baustein, der fehlt
So wurde lange davon ausgegangen, dass Depressionen in erster Linie durch Störungen im Stoffwechsel des Hormons Serotonin verursacht würden. Bisher verfügbare Antidepressiva sollen einen Serotoninmangel beheben, man nennt sie auch „Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer“ oder kurz SSRI.
„Aber was wir mit den klassischen Psychopharmaka machen, wirkt bei vielen nicht“, sagt Gründer. Das liege wohl daran, dass Depressionen durch eine Stoffwechselstörung nicht ausreichend erklärbar seien – bei dem Modell gebe es „einen Baustein, der fehlt“. Was Gründer meint, ist die persönliche Lebensgeschichte und Erlebniswelt eines Menschen: „Mit einer rein biologischen Sichtweise kommen wir da nicht weiter.“
Die Idee, Psychedelika wie Psilocybin, das stärker wirksame LSD oder Ayahuasca zur Therapie seelischer Leiden einzusetzen, gab es bereits in den 1960er- und 1970er-Jahren. Therapeuten und Therapeutinnen hatten mit den Substanzen experimentiert, ehe diese in den meisten Ländern als Drogen verboten wurden. Nun gibt es seit einigen Jahren seriöse Forschung auf dem Gebiet – und diese erzielt immer mehr Erfolge.
Die Studie des Zi und der Charité wird den modernen wissenschaftlichen Standards gerecht, sie erhielt auch staatliche Förderung. Aber wie muss man sich die „Therapie mit Drogen“ eigentlich vorstellen? In drei Sitzungen wurden die Teilnehmenden zunächst auf die psychedelische Erfahrung vorbereitet. Was würde sie erwarten? Wie sollten sie am besten mit auftauchenden Gefühlen und Empfindungen umgehen? All das erklärten ihnen Therapeuten und Therapeutinnen.
Auf den Punkt
An zwei verschiedenen Tagen nahmen die Versuchsteilnehmenden dann entweder ein Placebo mit einer leichten, körperlichen Wirkung ein – oder Psilocybin. Dies geschah in einem gemütlich eingerichteten Raum. Es gab beruhigende Musik, und Teilnehmenden wurde empfohlen, sich eine Schlafmaske aufzusetzen, um ganz in ihr inneres Erleben einzutauchen.
Dabei überwachten sie dieselben Therapeuten und Therapeutinnen, die sie zuvor schon kennengelernt hatten. Es war jederzeit möglich, einzugreifen, falls sie sich nicht wohlfühlten. In mehreren Therapiesitzungen wurde später besprochen, was während des Rausches in den Teilnehmenden vorgegangen war. Welche Emotionen hatten sie durchlebt, welche Einsichten bekommen?
Intensive Selbsterfahrung
Beobachtet wurden in vielen Fällen emotionale Durchbrüche. Psychedelisch wirksame Substanzen wie Psilocybin bringen Menschen in Kontakt mit ihrem Innersten. Es verändert und intensiviert die Wahrnehmung von sich selbst, aber auch die der Umwelt, anderer Personen und von Beziehungen.
Unter dem Einfluss von Psilocybin würden Dinge bewusst, die man „in Therapien sonst vielleicht gar nicht mitbekomme“ – so hatten Teilnehmende ihre Erfahrung geschildert. Man erhalte „einen anderen Blick, eine andere Perspektive auf sich selbst“.
Wirkung nicht komplett erforscht
Das Rauscherlebnis kann so einschneidend sein, dass sich Blockaden lösen und Betroffene auch noch danach dauerhaft neue, positivere Sichtweisen entwickeln. Therapeutische Sitzungen sind dabei eine wichtige Unterstützung und können den Effekt verstärken.
Komplett erklärt seien die Wirkungen von Psychedelika noch nicht, sagt Gründer: „Es ist zwar relativ gut erforscht, wie die Substanzen molekular wirken und an welchen Rezeptoren. Wie aber die Wirkung auf die Depression entsteht, ist unverstanden.“ Bisher gebe es nur Theorien. Das gilt allerdings auch für SSRI-Antidepressiva, die bereits auf dem Markt sind.
Schon zwei Dosen genügen
Wie SSRI können auch Psychedelika den Spiegel des Hormons Serotonin im Gehirn erhöhen. Und sie können die Neuroplastizität erhöhen – das heißt, sie regen das Nervensystem an, neue Verbindungen zu knüpfen. „Das ist bei den SSRI ebenfalls zu beobachten, es geschieht aber langsamer“, erklärt Gründer. Dazu komme bei den Psychedelika der psychologische Effekt durch die Intensität der Rauscherfahrung. Beides trage wohl zur beobachteten Wirkung bei.
Psychedelika haben einen Vorteil gegenüber den bisherigen Antidepressiva: Sie erfordern keine Dauertherapie. Schon zwei Dosen Psilocybin konnten in der Studie einen antidepressiven Effekt erzielen. SSRI hingegen müssten dauerhaft eingenommen werden, sagt Gründer – was oft auch zu anhaltenden Nebenwirkungen wie emotionaler Abstumpfung, Gewichtszunahme oder sexuellen Funktionsstörungen führe.
Nicht für jeden geeignet
Auch Psychedelika sind nicht risikofrei. „Sie können Psychosen auslösen, wenn die Patienten nicht richtig ausgewählt werden“, erklärt Gründer. So seien Psychedelika für Personen, die ohnehin schon zur Dissoziation (Selbstabspaltung) neigen, nicht geeignet. Nebenwirkungen träten aber in der Regel direkt bei der Einnahme ein und könnten so überwacht werden.
Der Effekt des Psilocybins war in der neuen Studie nicht ganz so stark wie erhofft. Das Ziel war, die Symptome der Depression um die Hälfte zu reduzieren, was sich nicht erreichen ließ. Trotzdem konnte die Behandlung die Symptome wirksam reduzieren – wie schon in anderen Studien der vergangenen Jahre.
Am besten früher behandeln
Zudem hatten an der Studie nur Patientinnen und Patienten teilnehmen dürfen, bei denen andere Therapieformen und Medikamente nicht gewirkt hatten. Dass vielen dennoch geholfen werden konnte, ist also beachtlich. Gründer glaubt, dass eine Psilocybin-Behandlung noch besser wirken könnte, wenn sie früher im Krankheitsverlauf einsetzt. So lasse sich dann im besten Fall verhindern, dass eine Depression überhaupt erst chronisch wird.
Gründer geht davon aus, dass es in den USA zu einer Marktzulassung von Psilocybin innerhalb der kommenden zwei bis drei Jahre kommen könnte. In Australien ist die Therapie von Depressionen mit Psilocybin unter strengen Auflagen bereits erlaubt, ebenso in der Schweiz. In Deutschland werde es wohl noch länger dauern – auch weil die Therapie mit „Drogen“ immer noch ein gewisses Tabu darstellt.
Quelle:
Studie zur Wirksamkeit von Psilocybin bei Depressionen
