Übergewicht und Adipositas werden mit dem Body-Mass-Index (BMI) bestimmt. Doch der sagt kaum etwas über den Gesundheitszustand aus. Das Risiko für Folgekrankheiten ließe sich viel besser mit dem „Obscore“ abschätzen.
Übergewicht und Adipositas messenWird der „Obscore“ der neue BMI?

Der Body Mass Index zur Bestimmung von Übergewicht steht schon länger in der Kritik, denn er ist oft nicht aussagekräftig. Forschende des Berlin Institute of Health der Charité und des Queen Mary University of London haben nun den „Obscore“ entwickelt. Nils
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Der Body-Mass-Index (BMI) galt lange als Standardmaß für die Beurteilung, welches Gewicht noch gesund ist. Doch das Verfahren – berechnet nach der Formel „Gewicht in Kilogramm durch Körpergröße in Metern zum Quadrat“ – ist zunehmend umstritten, weil es nur wenig über die tatsächliche individuelle Gesundheit aussagt.
Adipositas, also krankhaftes Übergewicht, liegt nach der bisherigen Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) bei einem BMI ab 30 vor. Das würde bei einer Größe von 1,75 Metern einem Gewicht von rund 92 Kilogramm entsprechen. Schon ab einem BMI von 25 wird aber von Übergewicht gesprochen, obwohl das medizinisch meist unproblematisch ist. Ältere Menschen, die laut BMI leicht übergewichtig sind, hatten in Studien sogar ein geringeres Sterberisiko – allzu ungesund scheint dies also nicht zu sein.
Adipositas neu definieren
Eine internationale Expertenkommission hatte im vergangenen Jahr im Fachblatt „Lancet“ vorgeschlagen, Adipositas neu zu definieren, weil der BMI nur „inadäquate Informationen“ über die individuelle Gesundheit gebe. Nun haben Forschende des Berlin Institute of Health der Charité (BIH) und der Queen Mary University in London mit dem „Obscore“ einen neuen Ansatz entwickelt. Die KI-basierte Anwendung ist eine mögliche Alternative zum BMI, um schädliches Übergewicht zu erkennen.
Kamil Demircan ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des BIH und Erstautor der Studie. Der BMI sei zwar einfach anwendbar, sagt er. „Es ist aber immer mehr wissenschaftlicher Konsens, dass sich die vielfältigen Auswirkungen von Adipositas damit nicht abbilden lassen – vor allem, wenn es darum geht, das Risiko von Folgekrankheiten abzuschätzen.“ Genau das soll jetzt mit dem „Obscore“ möglich sein.
Der „Obscore“ ist ein Rechenmodell, das vorhersagt, wie hoch das individuelle Risiko eines übergewichtigen Menschen für 18 verschiedene Folgeerkrankungen ist – darunter Diabetes Typ 2 und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Er kann also anzeigen, ob und wie medizinisch bedenklich das Übergewicht in jedem Einzelfall ist. Um den „Obscore“ konkret zu ermitteln, müssen 20 allgemeine Gesundheitsfragen beantwortet und ein einfacher Bluttest gemacht werden.
Demircan und die anderen Forschenden haben die Daten einer großen britischen Bevölkerungsstudie mit Übergewichtigen genutzt, um das neue Modell zu entwickeln. Mithilfe von KI haben sie den Zusammenhang zwischen 2000 verschiedenen Faktoren und der späteren Erkrankungswahrscheinlichkeit ausgewertet.
Mehr Aussagekraft als der BMI
Bei einigen dieser Faktoren stellte sich heraus, dass sie einen besonders starken Einfluss auf das spätere Risiko haben. Darunter waren das Alter und Geschlecht einer Person, der Langzeitblutzucker und bestimmte Blutfettwerte – aber auch, ob es in der Familie bereits vermehrt Herz-Kreislauf-Erkrankungen gab. Dass solche Faktoren bedeutsam sind, war zwar bereits vermutet worden. „Bisher hat es aber nur eher kleine Studien dazu gegeben“, erklärt Demircan. Erst jetzt sei vieles durch die Auswertung der großen Datenmenge bestätigt. „Außerdem wollten wir wissen, ob es noch neue, bisher unbekannte Einflussfaktoren geben könnte.“
Auf den Punkt
Dass der „Obscore“ aussagekräftiger ist als der BMI, zeigt nach Darstellung Demircans ein Beispiel. „Zwar war insgesamt die Gruppe mit dem höchsten BMI auch die mit den höchsten Erkrankungsrisiken“, erklärt er. „Aber was zum Beispiel Diabetes Typ 2 betrifft, hatten 30 Prozent derjenigen mit dem höchsten Erkrankungsrisiko nur einen BMI von 27 bis 30.″
Manchmal anders als vermutet
Umgekehrt bedeutet das: Es gibt Menschen, die trotz eines höheren BMI ein geringeres Risiko für manche Folgekrankheiten haben als Menschen mit einem geringeren. Der „Obscore“ kann dabei helfen, besonders gefährdete Personen zu erkennen – und damit diejenigen, die am dringendsten etwas gegen ihr Übergewicht oder eine weitere Gewichtszunahme tun sollten. Dafür gebe es heute verschiedene Möglichkeiten, sagt Demircan – sei es die Adipositas-Chirurgie, Programme zur Umstellung des Lebensstils oder unterstützende Medikamente.
Der BMI lässt sich anders als der „Obscore“ immer noch leichter und auch allein zu Hause ermitteln. Daher gibt es auch den Ansatz, seine Aussagekraft durch eine zusätzliche Messung des Bauchumfangs oder die Bestimmung des Taille-Hüft-Verhältnisses zu ergänzen. Solche Messungen können Aufschluss über das Fett in der Bauchhöhle geben, das als besonders krankheitsfördernd gilt.
„Obscore“ soll noch genauer werden
Es könne weiterhin sinnvoll sein, solche einfachen Methoden im Alltag anzuwenden, rät Demircan. Auch in den „Obscore“ fließt ein ähnlicher Faktor mit ein: das Taille-Körpergröße-Verhältnis. Allerdings ist dieser Faktor beim „Obscore“ nur einer von vielen, was das Diagnose-Tool um einiges genauer macht.
Der „Obscore“ sei noch nicht reif, andere Methoden ab sofort zu ersetzen. Er müsse zunächst mithilfe größerer Datenmengen und Daten zu unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen verfeinert werden, sagt der Wissenschaftler. „Ich sehe den ‚Obscore‘ aber als einen ersten Schritt in die richtige Richtung.“