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USA gegen ChinaWer gewinnt den neuen Wettlauf zum Mond?

7 min
Die USA werden nicht müde, zu betonen, dass sie sich bei der Rückkehr zum Mond in einem engen Wettlauf mit China befinden.

Die USA werden nicht müde, zu betonen, dass sie sich bei der Rückkehr zum Mond in einem engen Wettlauf mit China befinden.

Wer gewinnt den aktuellen Wettlauf zum Mond? Während die USA mit Verzögerungen kämpfen, macht China planmäßig Fortschritte. Gelingt es den Chinesen, die Amerikaner noch zu überholen?

Nasa-Chef Jared Isaacman liebt es, über das Artemis-Programm zu sprechen. Den Reiseplan zurück zum Mond. Sein Prestigeprojekt. Wenn er so über eine dauerhafte menschliche Präsenz auf dem Mond sinniert, über Astronautinnen und Astronauten, die auf dem Erdtrabanten eine Station aufbauen werden, kommt er auch immer wieder auf das Damoklesschwert zu sprechen, das über dem Raumfahrtprogramm schwebt: der Wettlauf mit China.

„Wir befinden uns derzeit in einem Wettlauf mit unseren Rivalen, den Chinesen“, sagte Isaacman erst vor ein paar Wochen wieder im Podcast „Interesting Times“ der „New York Times”. „Wir haben im Vergleich zu den 1960er-Jahren – rückblickend betrachtet – nicht mehr so ​​viel Zeit, um zum Mond zu gelangen. Damals hatten wir im Vergleich zu den Sowjets nahezu unbegrenzt Zeit. In diesem Fall könnte es auf ein oder zwei Jahre hinauslaufen.“

Nichts, so scheint es, könnte für die USA schlimmer sein, als mit anschauen zu müssen, wie chinesische Taikonauten als erste zum Mond zurückkehren. Die Angst vor dem „Roten Mond“ wächst. Noch vor mehr als 50 Jahren, als die Apollo-Astronauten ihre Spuren im Mondstaub hinterließen, war der Erdtrabant ausschließlich amerikanisches Terrain. Kein anderes Land hatte es geschafft, dorthin zu fliegen. Nun gibt es mit China einen ernst zu nehmenden Konkurrenten.

Expertin: Chinas Mondprogramm „auf Kurs“

Vor 2030 will China auf dem Mond landen. „Chinas Weg zum Mond ist realistisch, machbar und vor allem auf Kurs“, schrieb Marissa Martin von der Forschungsorganisation RAND Europe vergangenes Jahr in einem Beitrag für „The Conversation“. Anders als das US-amerikanische Mondprogramm, das jüngst von der Nasa noch einmal über den Haufen geworfen wurde. Die Mondlandung soll jetzt doch erst bei der vierten Mission stattfinden, die Pläne für das Lunar Gateway – die Raumstation im Mondorbit – wurden auf Eis gelegt. Alles, um schneller voranzukommen und China zu überholen.

Die Volksrepublik arbeitet derweil Schritt für Schritt und unauffällig ihren Plan für die Mondreise ab. Im vergangenen Monat glückte etwa ein kombinierter Testflug der wiederverwendbaren Trägerrakete Langer Marsch 10 und des Mondraumschiffs Mengzhou. Die Kapsel trennte sich erfolgreich von der Rakete und landete später mithilfe von Fallschirmen im Südchinesischen Meer. Auch der Trägerrakete gelang eine kontrollierte Wasserlandung, wie in einem Video des chinesischen Fernsehsenders CGNT zu sehen war.

Mengzhou soll später bis zu sechs Taikonauten befördern können. Das Raumschiff ist ähnlich aufgebaut wie die Orion-Mondkapsel des Artemis-Programms: Es besteht aus einem Besatzungs- und einem Servicemodul. Das Besatzungsmodul transportiert die Crew, das Servicemodul sorgt für die Energie, den Antrieb und die Lebenserhaltungssysteme. Noch in diesem Jahr soll Mengzhou einen unbemannten Demonstrationsflug zur chinesischen Raumstation Tiangong absolvieren.

Auf dem Mond landen – aber wie?

Auch bei der Mondlandung selbst verfolgen China und die USA den gleichen Ansatz. Geplant ist, dass das Mengzhou-Raumschiff und die Mondlandefähre Lanyue (was so viel wie „den Mond umarmen“ bedeutet) separat ins All starten. Im Erdorbit soll dann das Raumschiff an die Landefähre andocken. So will es auch die Nasa machen.

Die Tests der chinesischen Mondlandefähre laufen seit 2024. Ein robotischer Prototyp soll 2027 und 2028 erprobt werden, und eine unbemannte Mengzhou-Lanyue-Mission ist für 2028 oder 2029 geplant, bevor 2030 die vollständig bemannte Mission zur Mondoberfläche stattfinden soll.

Die Nasa wartet dagegen noch vergeblich auf eine Mondlandefähre. Diese hat sie bei den privaten Raumfahrtunternehmen SpaceX und Blue Origin in Auftrag gegeben. Wann erste Tests stattfinden können, ist noch nicht bekannt.

Mondwettlauf „made in USA“

„Ich würde sagen, dass die USA im Moment noch immer die Oberhand haben“, sagt Marco Aliberti, stellvertretender Direktor für internationale Zusammenarbeit, Partnerschaften und Bildung am European Space Policy Institute (ESPI), mit Blick auf den neuen Wettlauf zum Mond. Voraussetzung für den Sieg sei jedoch, dass sich der Plan des Artemis-Programms nicht noch einmal verändert oder es zu größeren Verzögerungen kommt. Zuletzt musste etwa die Artemis-2-Mission – die Mondumrundung mit vier Astronauten – wegen technischer Probleme mehrfach verschoben werden. Nun ist ein Start für den 1. April vorgesehen.

Der Wettlauf zum Mond gehe primär von den USA aus, sagt Aliberti. „Die Vereinigten Staaten sind eine Kultur, die durch anhaltenden Wettbewerb gedeiht.“ China hingegen habe nie öffentlich von einem Wettlauf gesprochen. Dennoch: „Als ein Land, das sich als Reich der Mitte und das international fortschrittlichste Imperium versteht, ist es klar, dass China die Führungsrolle übernehmen will.“ Der Ansatz der Volksrepublik sei dabei insgesamt vorsichtiger und risikoscheuer.

Raumfahrt ist Chinas Wirtschaftsmotor

Dass China auf dem Mond landen kann, hat das Land bereits 2013 bewiesen, als eine unbemannte Sonde des Chang’e-Programms auf der Mondvorderseite aufsetzte. Sechs Jahre später landete eine Zweite auf der Rückseite. Auch Gesteinsproben vom Mond – sowohl von der Vorder- als auch von der Rückseite – hat China bereits sammeln und zur Erde transportieren können. „Das war ein Element von großem Prestige“, sagt Aliberti, „denn es hat der Welt gezeigt, dass China zum Mond gelangen kann, wie es nur wenige Länder können.“

Doch warum will China jetzt auch mit Menschen zum Mond fliegen? Der Grund ist simpel: FOMO, die „Fear of Missing Out“, also die Angst, etwas zu verpassen. „Es geht im Grunde weniger darum, was man auf dem Mond finden könnte, sondern darum, was man verpasst, wenn man nicht dorthin fliegt“, sagt ESPI-Experte Aliberti. Egal, ob es ein wirtschaftlicher, militärischer, gesellschaftlicher oder kommerzieller Vorteil ist, China wolle sicherstellen, diesen Vorteil zu nutzen. Deshalb nehme die Raumfahrt einen noch größeren Stellenwert ein als früher.

In seinem 15. Fünfjahresplan, der im März dieses Jahres verabschiedet wurde, hat China die Entwicklung in der Luft- und Raumfahrt als strategische Priorität aufgeführt. Damit hat das Land erneut signalisiert, dass der Weltraum nicht länger nur ein wissenschaftliches Forschungsgebiet ist, sondern eine Säule seiner zukünftigen Wirtschaft. Ziele Chinas sind unter anderem, ein Weltraumtourismussystem aufzubauen, Rechenzentren im Weltraum zu betreiben und die Satellitenüberwachung zu verbessern.

China investiert stark in die Raumfahrt

„China setzt auf die Raumfahrt, weil sie es ermöglicht, dass sich das Land weiterentwickelt“, so Aliberti. Das Land investiert massiv in diesen Sektor, der Tausende Arbeitsplätze umfasst. Zurzeit ist es primär der Staat, der Raumfahrtprogramme organisiert, lenkt und finanziert. Im Jahr 2024 war China mit 19 Milliarden US-Dollar der zweitgrößte Geldgeber für staatliche Raumfahrtprogramme. Doch auch die kommerzielle Raumfahrt in China wächst, wie der aktuelle „Space Venture“-Bericht des ESPI aus dem Jahr 2024 verdeutlicht. Die privaten Investitionen beliefen sich zuletzt auf 2,1 Milliarden US-Dollar.

„Dank ihrer jahrzehntelangen Erfahrung in der Raumfahrt verfügt das Land nicht nur über das notwendige Know-how, sondern auch über etwas, das vielen anderen Nationen fehlt: eine klare Vision und die nötigen finanziellen Mittel“, schrieb Analystin Marissa Martin in ihrem Beitrag. Bei der Nasa kam es dagegen zuletzt zu großen Budgetkürzungen und einem massiven Stellenabbau, der nach Ansicht von Branchenexpertinnen und -experten viel Know-how gekostet haben dürfte.

Chinas Botschaft an die Welt

Die Raumfahrt soll China nicht nur internationales Ansehen verleihen, sondern auch nationales. So sei das Mondprogramm etwa als eine Art Propaganda konzipiert, merkt Aliberti an. „Es soll den sozialen Zusammenhalt unter den Chinesen stärken und die Legitimität der regierenden Kommunistischen Partei Chinas gegenüber der Bevölkerung festigen.“ Ganz bewusst würde Moderne mit kultureller Identität und historischer Symbolik verbunden – zum Beispiel bei der Namensgebung der Raumfahrtsysteme (Chang’e ist etwa die bedeutendste Mondgöttin in der chinesischen Mythologie).

Am Ende sei der Mond aber auch ein strategisches Ziel, insbesondere mit Blick auf die Verteidigung und Sicherheit. Denn dort können Technologien ausgetestet werden, die auch auf der Erde entweder zivil oder militärisch genutzt werden könnten. Fachleute sprechen vom „Dual Use“-Prinzip. Ein Beispiel: Autonome Raumfahrtsysteme, die eine Landefähre auf dem Mond unter extremen Bedingungen ohne menschliches Eingreifen absetzen können, könnten beispielsweise auch für autonome Drohnen oder hochgenaue Zielanflüge auf der Erde verwendet werden.

„Der Weltraum war und ist bis heute ein Statussymbol“, macht Alberti außerdem deutlich. „Wenn man Weltraumaktivitäten durchführt, besonders solche, die die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich ziehen, wie die bemannte Raumfahrt, zeigt man, dass man zu den führenden Weltraummächten gehört.“ Etwas, das auch China der Welt demonstrieren will. „Es gibt eine klare Botschaft, die China vermitteln will: Wir sind nicht nur ein Land, das billige Kleidung und Schuhe produziert. Wir sind in der Lage, das zu tun, was eine technologisch fortgeschrittene Nation tut. Und dazu gehört auch, zum Mond zu fliegen.“