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Bestehende Trasse ein Schwarzbau? Ungenehmigte Gleise gefährden den RRX

Ein ICE rauscht am Gartenzaun vorbei. Bisher gibt es keinerlei Lärmschutz an der vielbefahrenen Strecke.

Ein ICE rauscht am Gartenzaun vorbei. Bisher gibt es keinerlei Lärmschutz an der vielbefahrenen Strecke.

  • Ein Bürgerinitiative klagt, weil sie die bestehende Trasse für einen Schwarzbau hält.
  • Es gibt keine behördliche Genehmigung für die Strecke.

Angermund – Der Krach um den Lärm tobt seit Jahren. Wieder mal steht Elke Wagner auf dem Bahnsteig der heruntergekommenen S-Bahnstation in Angermund, als könne sie durch ihre bloße Anwesenheit beweisen, dass das hier die Hölle ist. Das bestreitet nicht einmal die Bahn. 470 Züge rasen täglich auf vier Gleisen zwischen Duisburg und Düsseldorf durch Angermund, der meistbefahrenen Bahnstrecke in Deutschland.

Jetzt könnte der Lärmschutz endlich kommen. Mit dem Rhein-Ruhr-Express (RRX), dem neuen Superzug für NRW. Dafür muss die Bahn die Trasse auf sechs Gleise erweitern, um ab 2030 einen 15-Minuten-Takt zwischen Köln, Düsseldorf und Dortmund möglich zu machen. Doch anstatt zu jubeln, laufen Elke Wagner und die Bürgerinitiative Angermund Sturm gegen die fünf Meter hohen Wände, die man ihnen vor die Nase setzen will. Sie würden den Ort endgültig zerstören. Die Angermunder wollen einen Tunnel, den sie „Einhausung“ nennen.

Im Stadtrat gescheitert

Längst füllt der Streit meterweise Aktenordner. Die Bürgerinitiative hat Düsseldorfs Oberbürgermeister Thomas Geisel (SPD) gegen sich aufgebracht, ist im Stadtrat mit der Forderung gescheitert, die „Einhausung“ doch wenigstens mal zu prüfen.

Auch für die RRX-Manager der Bahn ist Elke Wagner ein rotes Tuch. „Wir kämpfen für Millionen Pendler, die diese Strecke täglich nutzen. Die Bürgerinitiative kämpft offen gegen die Bahn“, sagt Projektleiter Michael Kolle. „Wir befassen uns nicht mit Verschwörungstheorien und Unterlagen, die sie angeblich gefunden hat.“

Klage eingereicht

Das wird die Bahn aber müssen. Denn Elke Wagner hat im Mai 2018 Klage vor dem Verwaltungsgericht Düsseldorf gegen das Eisenbahnbundesamt als Aufsichtsbehörde eingereicht, der stattgegeben wurde. Das Argument der Bürgerinitiative: Die gesamte Strecke sei ein Schwarzbau, weil die Bahn nach jeweils geltendem Recht niemals ein Planfeststellungsverfahren durchgeführt habe.

Das sei beim Bau der ersten Gleise 1843 und 1874 so gewesen, bei der Erweiterung auf vier Gleise vor dem Zweiten Weltkrieg und beim Bau der Oberleitungen in den 1970er Jahren. Ohne Planfeststellung gebe es keinen Bestandsschutz, ohne Bestandsschutz keinen Ausbau auf sechs Gleise.

Elke Wagner klagt gegen das Eisenbahnbundesamt, weil sie die Bahntrasse Düsseldorf-Duisburg in Angermund für einen Schwarzbau hält.

Elke Wagner klagt gegen das Eisenbahnbundesamt, weil sie die Bahntrasse Düsseldorf-Duisburg in Angermund für einen Schwarzbau hält.

„Ein Schwarzbau wird durch einen legalen Anbau nicht geheilt“, sagt Clemens Antweiler, Rechtsanwalt der Bürgerinitiative. Die Dokumente, die Antweiler nach Akteneinsicht beim Eisenbahnbundesamt vorlegt, lassen zumindest den Schluss zu, dass es in den 1970er Jahren vor der Elektrifizierung einen bahninternen Streit über die Planfeststellung gab.

Die damalige Bundesbahndirektion Wuppertal hielt sie für überflüssig, „weil keine Interessen Dritter berührt werden“. Die Direktion Essen, die für einen angrenzenden Streckenabschnitt zuständig war, hingegen für zwingend erforderlich. Deren Auffassung schloss sich der Arbeitskreis „Eisenbahnrecht“ im gleichen Jahr an. Dennoch wurde ohne Planfeststellung gebaut. Das Eisenbahnbundesamt erhob keine Einwände.

Was wie Erbsenzählerei klingt, könnte den Zeitplan des Milliardenprojekts RRX über Jahre verzögern. Ohne den Ausbau auf sechs Gleise ist der geplante 15-Minuten-Takt zwischen Köln und Dortmund nicht möglich. Schon jetzt muss die Strecke 40 Prozent mehr Züge verkraften, als technisch eigentlich machbar ist.

Nachtfahrverbot gefordert

„Durch die Elektrifizierung in den 1970er Jahren wurde für die Menschen in Angermund die Büchse der Pandora geöffnet“, sagt Elke Wagner. „Seither fahren immer mehr und immer schnellere Züge mitten durch den Ort. Und das ohne jeden Lärmschutz.“ Man sei bereit, durch alle Instanzen zu gehen.

Mit der Klage wollen die Angermunder das Eisenbahnbundesamt zwingen, dass die Bahn ab sofort die geltenden Lärmgrenzwerte einhält. Das ginge nur durch Tempolimits und Nachtfahrverbote. Und sie wollen, dass die neue Trasse mit ihren sechs Gleisen tiefer gelegt und eingehaust wird. „Das ist der einzige effektive Lärmschutz für unseren Ort.“

470 Züge am Tag

Die Bahntrasse zwischen Düsseldorf und Duisburg zählt zu den am dichtest befahrenen Zugstrecken in Deutschland. Rund 470 Züge fahren an Werktagen in 24 Stunden über vier Gleise. Um alle sieben geplanten Linien des Rhein-Ruhr-Express (RRX) aufnehmen zu können, muss sie um zwei Gleise erweitert werden. Geplant sind sogenannte Systemtrassen jeweils für den Fernverkehr und den RRX.

Bei der Bahn liegen die Nerven blank. „Wir waren bei den Leuten am Küchentisch und im Garten. Wir haben versucht zu erklären, was das für positive Folgen hat, wenn Dämme und Schallschutzwände gebaut werden“, sagt RRX-Projektleiter Kolle. „Die Bürger werden zum ersten Mal überhaupt einen Schallschutz bekommen. Für Gleise, die da teilweise schon seit 1843 liegen. 99,9 Prozent der Menschen unterstützen den RRX. Der Zug soll pro Tag 24.000 Autos ersetzen.“

Von einer Klage wisse man nichts, sie sei für das laufende Verfahren auch nicht von Interesse. „Am Ende geht es doch darum, dass wir bei der Erweiterung die gesetzlich vorgeschriebenen Grenzwerte für den Lärmschutz einhalten werden“, sagt Kolle. „Wir haben alle Varianten geprüft. Auch die Einhausung. Sie ist ohne große Eingriffe in Fremdgrundstücke einfach nicht machbar.“ Die Bahn habe alle zusätzlichen Forderungen der Stadt Düsseldorf aus der Bürgerschaft aufgenommen, prüfe unter anderem, in welchen Bereichen transparente Wände möglich seien.

Verhandlung wohl im Herbst

Dass die Bahn laut Kolle von der Klage der Bürgerinitiative gegen das Eisenbahnbundesamt so nichts weiß, überrascht. Laut Bürgerinitiative ist sie zum Verfahren beigeladen. Es habe, sagt Elke Wagner, schon einen Terminvorschlag des Verwaltungsgerichts Düsseldorf gegeben. Im August sollte verhandelt werden. „Das mussten wir wegen der Sommerferien leider ablehnen.“ So wird über die Frage, ob die Bahnstrecke bei Angermund ein Schwarzbau ist, wohl erst im Herbst gesprochen.