Euskirchener Schwester„Oft fahre ich freihändig und habe den Rosenkranz in der Hand“

Auf dem Fahrrad ist Sr. Josefia Ingenbleck häufig anzutreffen.
Copyright: Frank Neuenhausen
Euskirchen-Kuchenheim – „In einen Orden einzutreten, war bei uns Familiensache“, erzählt Schwester M. Josefia Ingenbleck. Die 1935 Geborene spricht mit starker, forscher Stimme, die von der Begeisterung spricht, die sie für ihren Einsatz hat. Der Vater, ein Bäcker aus Kempen bei Krefeld, war ein ernster Katholik. Seine beiden Schwestern waren schon Ordensschwestern geworden, seine beiden Töchter taten es ihnen gleich, ebenso drei Cousinen von Sr. Josefia. Nur ihre zwei Brüder heirateten und wurden Bäcker – wie der Vater.
Mit 16 Jahren war für sie klar, dass sie ihren Weg in einem Leben für Jesus finden würde. „Der Vater hat mir aber verboten, in den Orden in Aachen einzutreten. Der sei für mich zu streng, hat Vater gemeint.“ Sr. Josefia fand ihren Platz bei den Franziskanern in Waldbreitbach im Kreis Neuwied. „Der heilige Franziskus war so weltverbunden. Er steht für Welt, Erde, Freude. Er sprach mit Blumen und war sehr gläubig“, begründet sie ihre Entscheidung, Franziskanerin zu werden. Nach einer Ausbildung zur Krankenschwester und einigen Jahren der Verwaltungstätigkeit ging sie 1977 mit zwei weiteren Ordensschwestern nach Kuchenheim.
Schwester Josefia engagierte sich vielfältig
Zunächst wurde sie von der Pfarrei bezahlt. Als dann eine der ersten Pflegestationen in Nordrhein-Westfalen gegründet wurde, war sie am Aufbau beteiligt und leitete schließlich das Projekt, das ab 1979 die Caritas finanzierte. Der Orden selbst hat in Kuchenheim Tradition. 1900 ging es dort los, 1965 wurden die neuen Häuser gebaut. Von den drei Schwestern, die mit ihr begannen, lebt heute nur noch sie.
Auszeichnung
Die goldene Ehrennadel des Caritasverbandes erhielt Schwester Josefia Ingenbleck im Dezember als Auszeichnung für ihre „langjährige Mitsorge und Mitarbeit“. 42 Jahre hat sie nicht nur die Caritas-Pflegestation in Kuchenheim aufgebaut und geleitet, sondern ihr ganzes Leben in Gottes Dienst am Nächsten gestellt.
Von April 1977 bis zum Jahr 2000 war sie bei der Caritas angestellt, danach machte sie bis 2019 ehrenamtlich weiter. Auch heute pflegt sie ihre Kontakte weiter und kümmert sich um ältere Menschen.
Die Ehrung, die sie zu ihrem 85. Geburtstag erhielt, hat sie glücklich gemacht. Auch eine Schwester ist dankbar, wenn ihre Arbeit Anerkennung findet. (fkn)
Sr. Josefia engagierte sich vielfältig. Sie war Mitglied im Pfarrgemeinderat, hielt Wache bei Sterbenden, organisierte Ausflüge für Senioren und gründete eine Seniorengymnastikgruppe, die seit 20 Jahren besteht.
Bewegung ist für sie wichtig. Noch im Schlafanzug geht sie jeden morgen in den Garten und macht Gymnastik. Mit dem Fahrrad – kein E-Bike – fährt sie im Jahr rund 1200 Kilometer. „Oft fahre ich nach Essig freihändig hin und zurück und habe den Rosenkranz in der Hand.“ Das Bild einer 85-Jährigen, freihändig fahrradfahrend, mit wehendem Schleier den Rosenkranz betend, lässt den Adrenalinpegel schon ein wenig steigen. Bei längeren Touren fährt die Schwester aber in ziviler Kleidung und mit Fahrradhelm. Fahrradfahren ist ihr Hobby und ihre Leidenschaft – Autofahren kann sie aber auch.
Auf die Frage, woher Sie ihre Kraft beziehe, antwortet die rüstige Schwester mit einem Bibelzitat und einem Reim: „Die Freude an Gott ist meine Kraft.“ Und: „Immer heiter, Gott hilft weiter.“ Der Reim ist für Sr. Josefia auch ein Spruch, um anderen Menschen in Corona-Zeiten Mut zu machen, die aus dem Jammern nicht so leicht herausfinden.
Das könnte Sie auch interessieren:
Sr. Josefia hat neben der Heiterkeit, die sie versprüht, aber auch ernste Seiten. So blickt sie mit Bedenken und Hoffnung zugleich auf die Lage ihrer Kirche: „Ich bete immer wieder: Lieber Gott, lass den Glauben wachsen. Der Glaube ist verschwunden, selbst bei manchen Priestern. Die Kirche ist noch viel zu reich, und wir sind noch viel zu viele. Wir müssen noch kleiner werden, dann blüht die Kirche wieder auf.“ Ihren eigenen Glauben pflegt sie täglich unter anderem mit einer exakt 31-minütigen Meditation. 31 Minuten? Schwester Josefia berichtet, dass sie eine Minute benötigt, um in Sitzhaltung und Atmung anzukommen. Danach meditiert sie 30 Minuten. „Ich spreche und atme im Rhythmus folgende Sätze zu Jesus: Du bist da, ich bin da. Du in mir, ich in dir.“ Abends reflektiert sie betend ihren Tag: „Wo warst du? Wen hast du getroffen? Wofür hast du zu danken?“
Die Nähe zu Gott und der dankbare Blick auf den Tag sind der Grund dafür, dass die Schwester sich nicht einsam fühlt. Und genießen kann sie. Am Ziel einer Fahrradtour steht oft die Eisdiele – sei es am See in Zülpich oder vor der Flut in Bad Münstereifel. Alles gehört zusammen für Schwester Josefia – der Körper, der Geist, der Glaube.


