In Hellenthal erinnert die Ausstellung „Wir waren Nachbarn“ an das Leben und Leiden jüdischer Bürger – und an ihre einstige Nähe im Alltag.
Erinnerung an den HolocaustAusstellung „Wir waren Nachbarn“ in Hellenthal eröffnet

Bernward Micken von Judit.H hielt die Eröffnungsrede der Ausstellung in Hellenthal.
Copyright: Stephan Everling
Holocaust – der Begriff steht für die Ermordung von sechs Millionen Juden in der Zeit des NS-Regimes. Doch der häufige Gebrauch lässt fast vergessen, was tatsächlich damit gemeint ist. Sechs Millionen Juden sind es, die in der Vernichtungsmaschinerie der Nazis ihr Leben verloren - eine gigantische Zahl, die mehr verschleiert als erhellt.
Doch wenn der Horror Namen trägt, wird die Fassungslosigkeit umso größer. Wie in Hellenthal, wo durch jahrzehntelange Forschungsarbeit vieler die Menschen der Vergessenheit entrissen wurden, in die ihre Mörder sie stoßen wollten.
Lebensgeschichten teils minuziös erforscht
Entrechtet, entmenschlicht, namenlos, in der großen Masse der Leidenden verschwunden. Und doch waren die Juden in Deutschland einmal Nachbarn, Mitglieder der Gemeinschaft, lebten, lachten, feierten, zogen in den Krieg, kämpften für ihr Vaterland. Nicht anders in Hellenthal, wo der Arbeitskreis Judit.H minuziös die Namen und Lebensgeschichten der Menschen erforscht hat, die in den Jahren des Nazi-Regimes ermordet oder vertrieben wurden.
Und so weist der Titel der Ausstellung „Wir waren Nachbarn“, die in Hellenthal am Holocaust-Gedenktag in der evangelischen Kirche eröffnet wurde, genau auf diesen Umstand hin. Knapp 80 Leute nahmen an der Veranstaltung teil.
Kirche als passender Ort für die Ausstellung
Die Kirche ist ein passender Ort für die Ausstellung, die bereits im November präsentiert worden war. Denn im direkten Umfeld der im Kirschseiffen stehenden Kirche lebten sie in größter Selbstverständlichkeit mit ihren christlichen Nachbarn. Doch dieses Miteinander war durch den allgegenwärtigen Antisemitismus fragil.
„1904 lebten in der Gemeinde 108 jüdische Mitbürger, etwa neun Prozent der Bevölkerung, 1935 waren es noch 67, 1940 keine mehr“, so skizzierte Bernward Micken von Judit.H bei der Eröffnung das damalige Geschehen.

Gut besucht war die Eröffnung der Ausstellung „Wir waren Nachbarn“, die am Holocaust-Gedenktag in der Evangelischen Kirche in Hellenthal stattfand.
Copyright: Stephan Everling
21 Tafeln bilden die Aktualisierung einer Vorgängerausstellung, digital aufbereitet und modern präsentiert, auf denen die Juden in Hellenthal benannt werden, ihr Leben und ihre Integration dargestellt und die Mechanismen des Mordens entschlüsselt werden. Akribisch sind die einstigen Wohnhäuser der Hellenthaler Juden dargestellt, so dass jeder, der sich im Ort auskennt, lange vor den Karten und den Fotos stehenbleibt. Viele historische Fotos zeigen das Miteinander. Bilder von Vereinstreffen oder Schulklassen vermitteln Frieden. Es ist viel Material, das in dieser Ausstellung geboten wird.
Und doch ist es nur die Essenz der umfangreichen Materialsammlung, die der Hollerather Walter Hanf in dem Buch „Juden im Oberen Oleftal“ zusammengetragen und akribisch aufgearbeitet hat. „Alles, was hier ausgestellt ist, steht auch in dem Buch“, so Micken. Letztlich ist das Gelingen der Ausstellung vor allem Karl Reger aus Giescheid zu verdanken, der über mehrere Jahre die Tafeln inhaltlich erarbeitete und erst wenige Tage vor seinem Tod die finale Version freigab. „Es war seine Herzensangelegenheit“, sagte seine Witwe Gertrud Reger, die mit der Familie der Eröffnung der Ausstellung beiwohnte.
Für die wissenschaftliche Einordnung sorgt Marc Meyer von Vogelsang IP
Für die wissenschaftliche Einordnung sorgte Marc Meyer von Vogelsang IP. Er sprach über Erinnerungskultur und moderne Wege der Informationsvermittlung, benannte aber auch die Fakten klar. „Es gab in der Eifel kaum Widerstand gegen die gegen Juden ergriffenen Verfolgungsmaßnahmen“, betonte er.
So seien die Verfolger, die Nationalsozialisten, genauso Nachbarn, Bekannte, Familienangehörige oder Kollegen gewesen. Diese müssten genauso benannt werden. „Effektive Erinnerungsarbeit beginnt dort, wo es wehtut“, sagte er.
Man könnte fragen, warum ein Opfer weniger Persönlichkeitsrechte als ein einstiges NSDAP-Mitglied hat.
Doch immer noch sei es einfacher, über Opfer zu recherchieren als über Täter. Mit Hinweis auf Persönlichkeitsrechte lasse sich nicht ohne Weiteres in Karteien von Wehrmacht oder NSDAP recherchieren. „Man könnte fragen, warum ein Opfer weniger Persönlichkeitsrechte als ein einstiges NSDAP-Mitglied hat“, so Meyer.
Trotz der Fülle von Informationen gibt es noch Fragen. Zum Beispiel bleibt das Schicksal der Haustochter von Samuel Heumann aus Hellenthal ungeklärt. Wer war sie, wie alt war sie, wo kam sie her? Von ihr ist nicht einmal der Vorname bekannt, genauso wenig ihr Geburtsdatum oder ihr Verbleib. Auch das Schicksal von anderen Mitgliedern der jüdischen Gemeinde konnte noch nicht geklärt werden. Es bleibt also noch viel zu tun für die Menschen, die sich die Aufklärung der vielen weiterhin bestehenden Fragen zur Aufgabe gemacht haben.
Die Ausstellung „Wir waren Nachbarn“ in der evangelischen Kirche in Hellenthal ist am Freitag und Samstag, 30. und 31. Januar, jeweils von 15 bis 17 Uhr sowie nach Absprache mit Bernward Micken unter Tel. 02482/2583 oder per E-Mail geöffnet. Abschlussveranstaltung ist der Gottesdienst am Sonntag, 1. Februar, 9.30 Uhr, an dem auch eine Schulklasse des Johannes-Sturmius-Gymnasiums Schleiden teilnimmt. Im Laufe des Jahres soll die Ausstellung noch an zwei weiteren Orten zu sehen sein, kündigte Micken an.

