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Pilotprojekt aus EuskirchenEin kleines Buch soll traurigen Kindern in NRW helfen

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Die vier Frauen stehen an einem Streifenwagen.

Die Kinderfibel „Tom und Ada“ stellten Janina Keßeler (v.l.), Christiane Fährmann, Annika Meister und Gabriele Mälchers vor.

Mit ihrer Kinderfibel startet die Polizei im  Kreis Euskirchen ein Pilotprojekt. Es soll trauernden Kindern helfen. 

Tom ist ratlos. Seine Freundin Ada ist traurig, weil ihr Vater tödlich verunglückt ist. Tom möchte helfen, trösten, aber er weiß nicht wie. So hilflos wie Tom sind die meisten Menschen angesichts von Trauer, vor allem, wenn ein Kind einen so unvorstellbaren Verlust erlitten hat. Deshalb ist die Geschichte „Tom und Ada und das Glückskästchen“ nicht nur für betroffene Kinder gedacht, sondern für alle – auch und gerade die Erwachsenen – , die mit der Trauer umgehen müssen.

„Tom und Ada und das Glückskästchen“ ist der Titel einer Kinderfibel, die die Kreispolizei Euskirchen herausgebracht hat. Sie hat damit ein landesweites Pilotprojekt angestoßen. Christiane Fährmann hat die Geschichte geschrieben, Janina Keßeler hat sie illustriert. Fährmann war bis September 2024 Leiterin des Verkehrskommissariats im Kreis Euskirchen, mittlerweile unterrichtet sie Verkehrslehre und -recht an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung Nordrhein-Westfalen.

Von jedem Todesfall auf der Straße sind rund 100 Menschen betroffen

Sie sei bei vielen Einsätzen dabei gewesen, erzählt sie. Ein Unfall, der sich vor drei Jahren auf der Bundesstraße 266 ereignet hat, ist ihr besonders im Gedächtnis geblieben: die Mutter tot, der Vater schwer verletzt. Im Landeslagebild der Polizei NRW sind für 2025 30 Unfälle verzeichnet, bei denen Kinder ums Leben gekommen sind, mit im Auto gesessen oder zugeschaut haben.

Das Buch „Tom und Ada und das Glückskästchen“ liegt auf einem Tisch, ebenso ein Kästchen aus buntem Geschenkpapier.

Das Glückskästchen kann man einfach aus Papier basteln. Die Anleitung dazu steht in dem Büchlein.

Und nicht nur Familienangehörige seien Leidtragende bei einem tödlichen Unfall, sagt Christiane Fährmann. Man gehe davon aus, dass von jedem Todesfall im Straßenverkehr rund 100 Menschen betroffen seien. Das Thema Opferschutz nach Verkehrsunfällen hat sie nicht losgelassen. Im Kreis Euskirchen ist ein fünfköpfiges Team dafür zuständig, Hinterbliebene nach Unfällen zu betreuen, berichtet Polizeidirektorin Gabriele Mälchers bei der Vorstellung der Kinderfibel in der Direktion Verkehr in Mechernich.

Die Idee, betroffenen Familien, aber auch Erzieherinnen und Lehrerinnen ein Büchlein an die Hand zu geben, um den Umgang mit der Trauer etwas leichter zu machen, habe sie lange mit sich herumgetragen, erzählt Fährmann. „In einem Café habe ich die Geschichte von Tom und Ada dann aufgeschrieben.“ Wer die Bilder dazu malen sollte, habe sie sofort gewusst: Janina Keßeler, Kollegin aus der Zeit bei der Euskirchener Polizei mit einer kreativen Ader. „Ich fand die Idee von Anfang an toll“, sagt Janina Keßeler.

In einem Café habe ich die Geschichte von Tom und Ada dann aufgeschrieben.
Christiane Fährmann

Sie habe begonnen, auf Papier zu zeichnen, dann aber gemerkt, dass das zu aufwendig würde. Also habe sie ein digitales Zeichenpad gekauft: „Das fehlte ohnehin noch in meiner Sammlung.“ Die Autorin hatte sich Rat bei Experten geholt und einen Kinderpsychologen gefragt, ob das Büchlein vielleicht Kinder zusätzlich traumatisieren könne. Im Gegenteil, habe der Fachmann gesagt. Es gebe eine Angst vor der Trauer der Kinder. Die Geschichte könne helfen, sie aufzubrechen.

Christiane Fährmann staunt immer noch, wie reibungslos dann alles weiterging. Unterstützung erhielt sie nicht nur von Gabriele Mälchers, auch im Innenministerium war man sofort angetan von der Idee. Dort bekam sie auch den Kontakt zur Verkehrsunfall-Opferhilfe Deutschland (VOD), die die Finanzierung übernahm.

Die ersten Exemplare der Kinderfibel sind bereits verteilt

Und dort entstand auch die Idee, das ganze zu einem Pilotprojekt zu machen. Seit Januar sind die ersten 400 gedruckten Exemplare da. Und 200 sind bereits an Schulen und Kindertagesstätten verteilt. Gedacht ist die Fibel zum Lesen und Vorlesen für Kinder im Kindergarten- und Grundschulalter, aber auch für Förderschulen.

Das Innenministerium hat die Zentralstelle für Evaluation beim Landeskriminalamt beauftragt, das Pilotprojekt zu verfolgen. Den Erzieherinnen und Lehrerinnen wird eine Fragenliste an die Hand gegeben, um herauszufinden, ob das Büchlein ein gutes Mittel ist, um auch den Freundinnen und Freunden betroffener Kinder zu helfen, mit ihrer Befangenheit umzugehen und Trost zu spenden.

Die Fibel enthält neben der Geschichte ein Lied über Tom und Ada, ein Bild zum Ausmalen und ein Puzzle. Und natürlich die Anleitung, wie man ein Glückskästchen bastelt. In so ein Glückskästchen kommen dann Zettel mit traurigen oder schönen Geschichten, Bilder oder auch mal ein hübscher Stein. Ada hat es jedenfalls geholfen. Vor allem aber hat ihr geholfen, dass Tom da war und ihr zugehört hat. Die Trauer ist geblieben, aber die kleinen Glücksmomente sind zurückgekommen.