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Fast wie Urwald im Nationalpark Eifel23 Hektar gegen Klimawandel und Artenverlust

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Auch die Insekten profitieren davon, dass es praktisch keine menschlichen Eingriffe in den Naturwaldzellen mehr gibt.

Schleiden-Gemünd – Kleine Regentropfen hüllen den Wald in weißen Nebel. Klaus Striepen hat sich mit Regenjacke und Schirm auf den Spaziergang vorbereitet. Beim Besuch noch früh in diesem Sommer ist es kühl. Hitzetage und Trockenstress wie derzeit stehen noch bevor. Kaum ein Lichtstrahl dringt an diesem Tag durch die dichten Kronen der Buchen, die hier seit 50 Jahren ungestört wachsen. Die meisten von ihnen sind mehr als 170 Jahre alt.

Striepen steht in der Naturwaldzelle Schäferheld, einem 23 Hektar großen Wald im Nationalpark Eifel. Einem Wald, in dem es seit einem halben Jahrhundert keine menschlichen Eingriffe mehr gegeben hat. „In den Naturwaldzellen wollen wir natürliche Abläufe in Wäldern verstehen“, sagt Striepen, der im Auftrag des Landesbetriebs Wald und Holz NRW die Naturwaldzellen betreut. 75 dieser Zellen gibt es in Nordrhein-Westfalen.  Sie sind wie kleine, natürliche Labore, in denen sich zum Beispiel zeigt, wie Wälder auf Trockenheit und ein sich veränderndes Klima reagieren. Striepen ist der Richtige, um das zu erkennen. Seine Kollegen sind Förster. Striepen ist Biologe. Sein Fachgebiet: Botanik.

Die Fichten im Nationalpark leiden unter Trockenstress

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Klaus Striepen kümmert sich im Auftrag des Landesbetriebs Wald und Holz um die Naturwaldzellen in Nordrhein-Westfalen.

Das Wasserangebot für Pflanzen sinkt tendenziell – und die Vegetationsperioden dauern länger, weiß Striepen. Wie sich das auf Wälder auswirkt, beobachtet er an vielen Stellen im Nationalpark Eifel. Wo keine Eichen und Buchen stehen, prägen kahle Fichten den Wald. Ihr größter Feind ist die Trockenheit. Sind die Bäume durch sie geschwächt, haben Schädlinge wie der Borkenkäfer leichtes Spiel. „Seit 2018 ist so die Hälfte der Fichten im Land abgestorben“, schätzt Striepen. Ursprünglich war die Fichte in NRW auch gar nicht heimisch, der Baum kommt in Skandinavien vor. Heute bestehen 40 Prozent der Wälder im Land aus Fichten.

Buchen könnten sich an den Klimawandel anpassen

Spurlos gehen Dürrejahre aber auch an der Buche nicht vorbei. Sie ist in der Naturwaldzelle Schäferheld die vorherrschende Baumart. „Einzelne Buchen haben da Probleme, wo die Wasserversorgung eingeschränkt ist“, erläutert der Vegetationskundler. Er und seine Kollegen haben aber auch interessante Beobachtungen gemacht: „Wachsen Bäume aus Samen, die in trockenen Zeiten entstanden sind, können sie besser mit Trockenstress umgehen.“

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Die dichten Baumkronen sorgen dafür, dass es in der Naturwaldzelle kühl bleibt.

Unter dem Schritten des Biologen knistert Laub, kleine Äste zerbrechen mit einem Knacken. Einen Weg gibt es in Schäferheld nicht. Deshalb ist diese Naturwaldzelle für Besucher tabu. Das gilt aber nicht für alle Zellen – ganz im Gegenteil sogar. Die Öffentlichkeit über das Projekt zu informieren, das ist erklärtes Ziel des Landesbetriebs. Damit sich die kleinen Wälder allerdings weiter ungestört entwickeln können, gelten strenge Vorsichtsmaßnahmen. Wege zum Beispiel dürfen nicht verlassen werden. Auch, um Besucher vor dem zu schützen, was die Naturwälder besonders macht: das Totholz.

Lebendiges Totholz

Auf den ersten Blick ist Schäferheld kaum von anderen Wäldern zu unterscheiden. Wer sehen will, was ihn besonders macht, muss genau hingucken. Dann fallen umgestürzte Bäume auf und morsche Stämme, die zwischen gesunden Exemplaren meterhoch in die Luft ragen. „In Wirtschaftswäldern wird Totholz schnell entfernt. Hier bleibt es liegen, um die Artenvielfalt zu erhalten“, erläutert Striepen. In den morschen Stämmen finden Fledermäuse, Vögel und Insekten ein Zuhause. Auf ihnen wachsen Baumpilze in Braun, Weiß und Grau. Zu den seltensten Bewohnern der toten Buchen zählt der Eremit oder Juchtenkäfer. Das etwa drei Zentimeter große Insekt ist vom Aussterben bedroht und in NRW kaum noch zu finden. „Der Eremit verbringt das ganze Leben auf einem einzelnen Baum. Den wechselt er nur, wenn der Baum umkippt“, sagt Striepen. Urwaldreliktarten wie der Eremit kommen ausschließlich in naturnahen Wäldern vor. Das macht sie für die Naturwaldforschung besonders interessant. „Waren naturnahe Wälder vorher Wiesen oder Heide, finden sich keine Urwaldrelikte.“

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Totholz bietet optimale Lebensbedingungen für Pilze.

Mit insgesamt 1680 Hektar nehmen die 75 Naturwaldzellen nur einen Bruchteil des Waldes im Land ein – nämlich weniger als ein Prozent. Doch in ihnen lebt fast die Hälfte aller Käferarten, die es in NRW gibt. Bei Pflanzen hingegen machten die Waldforscher eine zunächst widersprüchlich wirkende Entdeckung. „Die artenreichsten Wälder sind nicht unbedingt die mit dem geringsten Nutzungseinfluss“, sagt Striepen. „Der Artenreichtum ist von Wald zu Wald verschieden. Das Alter zum Beispiel kann einen Einfluss haben.“ In alten Wäldern nehmen die dichten Kronen jungen Pflanzen am Boden das Licht – und sorgen so dafür, dass kaum etwas wachsen kann. In Schäferheld nahm die Artenvielfalt in den vergangenen fünf Jahrzehnten stetig ab.

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Rehe fressen die kleinen Knospen junger Pflanzen ab.

Kein Zutritt für Rehe

Lebt Wild in und um eine Naturwaldzelle, trägt das ebenfalls dazu bei, dass sich der Wald nicht verjüngen und artenreicher werden kann. Rehe fressen die Knospen kleiner Pflanzen ab. Um herauszufinden, wie sich der Wald ohne Rehe entwickelt, gibt es einen abgetrennten Bereich in Schäferheld – sozusagen eine Naturwaldzelle in der Naturwaldzelle. Beim Gang durch den Wald fällt schnell ein Zaun ins Auge. Dahinter wirkt die Vegetation dichter, grüner. Auf dem Boden wachsen unzählige kleine Buchen, Brombeersträucher. Hier haben Rehe keinen Zutritt.

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Ein Zaun schützt junge Pflanzen vor Wild. Deutliche Unterschiede in der Vegetation sind auf den ersten Blick zu erkennen.

Aus Marketing-Gründen werden die Naturwaldzellen oft als „Urwälder von Morgen“ bezeichnet. „Das ist aber eigentlich Unsinn“, sagt Striepen. Er bevorzuge den englischen Begriff „old growth forest“. „Früher war das hier Wirtschaftswald. Von Urwald kann man vielleicht nach 10.000 Jahren ohne menschliche Eingriffe sprechen, aber nicht nach 50.“ Echter Urwald ist in Europa rar. Wälder ohne Spuren des Menschen gibt es nur noch an wenigen Orten, etwa an der polnischen Ostgrenze, in den Alpen oder den Karpaten.

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Nicht immer erfüllen sich die großen Erwartungen, die Forscher an die Naturwaldzellen stellen. Oft ist die Antwort auf die Frage, was die Forscher über den Wald wissen, schlicht „Nichts“.  Fest steht für den Biologen trotzdem: Die Naturwaldzellen bleiben spannend. Weil sie sich immer anders entwickeln als gedacht.