Abo

foodsharing in WeilerswistFairteiler soll Lebensmittel vor dem Müll bewahren

4 min

Weilerswist – Als Eva Lissek einmal gegen Abend in einer Supermarktbäckerei ein Brötchen kaufen wollte, wurden ihr zum nahezu gleichen Preis zwei angeboten. „Ich wollte aber nur eines und fragte, was mit dem Brötchen passiert, wenn ich es nicht nehme“, erzählt die 28-Jährige. Die Antwort, dass es dann wohl weggeworfen werde, gab der jungen Frau zu denken.

„Jeden Abend kam ich nun an der Mülltonne hinter dem Markt vorbei, und irgendwann habe ich hineingeschaut und war entsetzt: Brötchen, angedötschtes Gemüse und jede Menge andere Waren über dem Mindesthaltbarkeitsdatum.“ Die Sachen einfach aus dem Müll nehmen, wird rechtlich als Diebstahl gewertet. Also suchte Eva Schade, die die enorme Verschwendung von Lebensmitteln in der Überflussgesellschaft generell stört, nach einer legalen Methode, gegen die Entsorgung auf dem Müll anzugehen und fand sie in der Initiative foodsharing.

Weltweit landen jedes Jahr 1,3 Milliarden Tonnen Lebensmittel auf dem Müll, allein in Deutschland sind es bis zu 20 Millionen Tonnen, das ist fast ein Drittel des aktuellen Nahrungsmittelverbrauchs. Valentin Thurn drehte 2011 den Dokumentarfilm „Taste the Waste“ über diese Verschwendung, die im krassen Gegensatz dazu steht, dass auf der Welt viele Menschen Hunger leiden. Der Film erlangte große Aufmerksamkeit und wurde mit Preisen überhäuft. Regisseur Thurn gehörte zu den Mitbegründern der ersten Online-Plattform, die das Sammeln und Teilen von überschüssigen Lebensmitteln ermöglichte.

Mittlerweile hat die Initiative im deutschsprachigen Raum viele Anhänger (siehe „Fairteiler in Vernich“), allerdings eher in den Ballungsräumen. „Im ländlichen Raum Foodsharing zu etablieren, ist eine besondere Herausforderung“, weiß auch Eva Lissek. Schon wegen der ungleich großen Transportwege. Auch müsse man im ländlichen Raum mehr Überzeugungsarbeit leisten als in der Stadt. „Fakt ist, dass bei dieser Initiative Menschen aus allen Schichten mitmachen. Es gibt Bedürftige, die sich über die kostenlosen Lebensmittel freuen, es gibt auch solche, die allein aus politischer oder moralischer Überzeugung bei dem foodsharing mitmachen“, sagt die Weilerswister Physiotherapeutin. Mit ihrem Freund lebt sie mittlerweile fast ausschließlich von überschüssigen, gesammelten und geteilten Lebensmitteln. Oft werde sie gefragt, ob sie keine Angst habe, die Lebensmittel zu essen, die normalerweise im Abfall gelandet wären. „Ein Brot, das grüne Haare hat, oder ein Joghurt, der sich extrem wölbt, so etwas isst man natürlich nicht. Grundsätzlich schaut man sich die Sachen genau an und riecht an ihnen. Aber nur weil das Mindesthaltbarkeitsdatum überfällig ist, müssen die Sachen noch lange nicht schlecht sein.“

Manchmal sei auch die Kreativität gefragt: „Vor ein paar Tagen habe ich so viele angeschlagene Tomaten bekommen, die ich sie so schnell nicht loswerden konnte. Also habe ich kurzerhand Ketchup eingekocht.“ Die Initiative foodsharing versteht sich als Ergänzung, keineswegs als Konkurrenz zu den vielen Tafel-Vereinen in Deutschland, die ebenfalls überschüssige Lebensmittel einsammeln.

Beide arbeiten nach dem Motto „Verwenden statt verschwenden“. Im April dieses Jahres wurde eine offizielle Kooperation zwischen foodsharing und dem Bundesverband der Tafeln geschlossen. „Und auch hier in der Region gibt es eine gute Zusammenarbeit“, so Eva Lissek. Die Foodsaver retten beispielsweise Lebensmittel, die die Tafeln nicht anbieten dürfen – Kleinstmengen, angebrochene Verpackungen und Waren, deren Mindesthaltbarkeitsdatum schon einige Tage abgelaufen ist.

Der Fairteiler, der nun seit kurzem in Groß-Vernich steht, wird bereits fleißig genutzt. Von Mangold aus dem Eigenanbau über Hüttenkäse, Printen, Smoothies und Müsli bis hin zu Puddingpulver und Kuchenglasur: In dem ehemaligen Schaltschrank und dem durch Spenden angeschafften großen Kühlschrank lagern unterschiedlichste Lebensmittel, die alle noch zu verwerten sind. „Menschen sind eingeladen, sich hier Lebensmittel zu holen. Es reicht ja nicht, wenn wir die Sachen retten, sie müssen auch verwertet werden“, sagt Eva Lissek.

Und wer nach Weihnachten merkt, dass er wieder einmal viel zu viel für die Feiertage eingekauft hat, der kann seinen Überschuss an Leckereien gerne in den Vernicher Fairteiler stellen.