Der 42-jährige Euskirchener organisiert ungewöhnliche Events und Festivals wie Murmelturniere, deren Regeln er als einziger kennt.
„Kirche ist kein Museum“Martin Oertel alias Punk-Otte ist neuer Küster in Weilerswist

Fühlt sich beruflich angekommen: Martin Oertel geht in seinem Job als Küster auf.
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Martin Oertel, bekennender Punker, beschreibt seinen Arbeitsablauf beim Gottesdienst: „Meistens fange ich um 8 Uhr an. Ich mache die Heizung an, entzünde die Kerzen und stecke die Nummern für die Lieder an die Tafel. Das Licht schalte ich spät ein – ich mag den Kerzenschein. Ich bereite Kaffee für die Pfarrerin vor. Danach schaue ich, ob Kirche und Umgebung sauber sind. Ich teile die Gesangbücher aus, setzte mehr Kaffee für die Gemeindemitglieder auf und rauche eine. Während des Vaterunsers betätige ich die Kirchenglocken per Knopfdruck. Beim ganzen Ablauf achte ich darauf, dass alles mit der Technik stimmt. Man sieht die ganze Arbeit eines Küsters nicht, aber ohne würde viel fehlen. Mittlerweile wartet eine ältere Besucherin nach dem Gottesdienst auf mich, um zusammen mit mir eine zu rauchen. Neulich hat sie mir sogar meine Lieblingsmarke mitgebracht.“
Der neue Küster der evangelischen Kirche in Weilerswist ist einigen Menschen als Punk-Otte bekannt. Im vergangenen Jahr hat Oertel für die Satirepartei „Die Partei“ für den Euskirchener Stadtrat kandidiert. Auf Wahlplakaten trug er eine Sonnenbrille und streckte die Zunge raus. Für einen Sitz im Stadtrat reichte es nicht. Woher der Spitzname „Otte“ genau komme, wisse er nicht, sagt Oertel. Sein Bruder habe vor einiger Zeit damit angefangen. „Ich war lange in der Punk-Szene aktiv, aber irgendwann ist es Zeit, den jungen Menschen das Feld zu überlassen“, schildert der 42-Jährige.
Die Szene bedeute ihm aber weiterhin viel. „Erstmal ist man Punk für sich selber“, so Oertel: „Für mich ist das eine Herzenssache, eine Einstellung.“ Die Bewegung impliziere, radikal gegen das System zu sein, aber jeder dürfe sich als Punk bezeichnen, sagt Oertel: „Ich kann mich als Punk mit vielem arrangieren.“
Gemeinschaft als große Klammer
Auf seinen neuen Job bei der Kirche reagiere sein Umfeld größtenteils positiv. „Nur ein paar Freunde meinten, dass es Verrat sei, im System Kirche zu arbeiten“, sagt Oertel: „So schlimm kann es aber nicht sein, sie reden ja noch mit mir.“
Wie er die Institution Kirche mit der Punkszene zusammenbringt? „Bei beiden geht es um Gemeinschaft “, entgegnet der Küster: „Ich suche Gemeinschaft und Harmonie. Es gibt Momente, da brauche ich ganz viele Menschen um mich.“ Seit Dezember 2025 kümmert sich der Punker um die Martin-Luther-Kirche in Weilerswist. „Zur Weihnachtszeit war direkt viel los“, erinnert sich Oertel: „Aber das war für mich positiver Stress. Ich konnte trotzdem in meinem Tempo ankommen.“
Nach seiner Bewerbung als Küster habe man ihm gesagt, dass man sich zurückmelde. „Die Zusage von Pfarrerin Judith Weichsel kam dann noch am selben Nachmittag.“ In seinem Beruf sei es wichtig, offen zu sein und andere Meinungen mit aufzunehmen. Mit Blick auf die Martin-Luther-Kirche sagt Oertel: „Ich passe auf das Gebäude für alle auf. Kirche ist kein Museum – man kann hier Gemeinschaft erleben.“
Martin Oertel fühlt sich als Küster in Weilerswist angekommen
Der 42-Jährige möchte sich für ein lebendiges Gemeindeleben einbringen: „Die Menschen sind offen und angenehm.“ Ihm sei zudem daran gelegen, auch jüngere Menschen anzusprechen. „Änderungen können ja positiv sein“, so Oertel: „Ich setze gerne Impulse und freue mich, wenn andere sich über die Veränderungen freuen.“
In der Woche arbeitet er knapp 20 Stunden in Weilerswist. Mit seiner Ehefrau und fünf Kindern lebt Oertel in Euskirchen. Er ist als Kinderpfleger und Gerüstbauer ausgebildet worden und hat unter anderem ein Jahr in der Demenzpflege gearbeitet. „Ich hatte einige Jobs – das ist der erste, bei dem ich mich angekommen fühle. Ich fahre saugerne hierhin“, sagt der Küster und lächelt. Er könne sich gut vorstellen, in dem Beruf alt zu werden.
Murmel spielen in der Kirche und auf einem Minigolf-Platz
Die Arbeit in der Kirche gestalte sich vielfältig, wie Oertel schildert. „Die Kirche ist über 50 Jahre alt, es braucht einen Touch Modernität.“ Der Küster möchte etwa die Wände in einem neuen Weiß streichen. Erst kürzlich habe er ein großes Bücherregal aus dem Gemeinschaftssaal entfernt und die Texte anderweitig untergebracht. Oertel: „Die Gemeinde soll im Saal reichlich Platz haben.“ Obwohl er seine Vorgaben einhalten müsse, fühle sich die Arbeit zwanglos an, lobt Oertel. „Wenn ich raus möchte, kann ich jederzeit im Garten arbeiten.“ Er komme zudem gerne mit den Gemeindemitgliedern ins Gespräch. Aber: „Ich genieße auch die absolute Stille in der Kirche.“
Seitens der kirchlichen Mitarbeitenden und der Gläubigen erhalte er positive Rückmeldungen: „Ich wurde direkt als eigenständige Persönlichkeit gesehen. Die Sophiengemeinde ist herzlich, offen und menschlich.“ Vorbehalte aufgrund seiner äußeren Erscheinung stelle er keine fest.

Gemeinschaft findet Weilerswists Küster Martin Oertel in der Kirche und im Underground Punk.
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„Mir sind alle Tattoos wichtig, auch wenn sie nicht perfekt gestochen sind“, erläutert Oertel: „Aber besonders wichtig sind mir Tattoos, die meine Kinder sich ausgedacht haben: eine Seegurke und Strichmännchen.“ Er selbst habe nicht vor, andere Menschen oder sich selbst zu tätowieren: „Ich hab' bis jetzt nur ne Banane tätowiert“, sagt Oertel und lacht.
An dem Beruf als Küster reize ihn zudem, dass er die Freiheit habe, auch ungewöhnliche Ideen umzusetzen. „Ich bin sehr kreativ und mache eigene Events“, berichtet Oertel. Seine Veranstaltungen laufen auch in verschiedenen Kirchen des Kreises: Für die Weilerswister Martin-Luther-Kirche plant Oertel am 18. Juli ein Murmel-Punk-Turnier. „Dafür gibt es eigene Regeln, die nur ich kenne“, sagt Oertel. Er habe nicht einmal seine Frau oder die Mitveranstalterin eingeweiht.
Oertel möchte Punkrock-Kultur im Kreis fördern
Bei dem Murmel-Wettkampf, der laut Oertel auf einem Billardtisch ausgetragen wird, soll die Bestuhlung rundherum wie bei einer Wrestling-Arena zur Seite gestellt werden. „Ich bin der Endgegner im Wettkampf. Für die Teilnehmenden gibt es Pokale zu gewinnen“, kündigt Oertel an. Für ein kommendes Murmelturnier schwebt ihm eine Minigolf-Anlage als Austragungsort vor.
Im Februar fand ein Dame-Punk-Turnier in der Hoffnungskirche Euskirchen statt. Kostümierungen gaben Extrapunkte. Für teilnehmende Bands gab es zudem einen Festivalslot auf dem Escalate Festival 2027 zu gewinnen. Das Festival veranstaltet Oertel ebenfalls in der Hoffnungskirche. Am 17. Oktober treten hier mehrere Untergrund-Punk-Bands auf. Oertel finalisiert zudem ein Vier-gewinnt-Punk-Turnier.
„Es gibt im Kreis Euskirchen zu wenig Kulturangebote“, sagt der Punk. Seit knapp zwölf Jahren möchte der Euskirchener mit seiner Promo-Agentur „Blattturbo“ (Oertel: „Ja mit drei t“) die Punkrock-Kultur im Kreisgebiet fördern. „Regelmäßige Bandabende im Klosterhof Stotzheim liefen nicht so gut“, räumt er ein: „Rock-Festivals einmal im Jahr laufen besser.“
Die Verbindung von Kirche und Punk begann für Oertel schon vor der Jahrtausendwende. „97 habe ich bei dem Punk-Festival einer Kirchengemeinde eine CD in die Hand gedrückt bekommen.“ Darauf seien auch Lieder der Punk-Band „Überflüssig“ gewesen. Das ist es kein Wunder, dass diese Band in diesem Jahr bei seinem Punk-Festival in der Hoffnungskirche auftreten wird.

