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Brauchtum in SchwefenNeue Bürger im Bach getauft

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Mit dem Piratenschiff wurden die Täuflinge abgeholt und anschließend zur Schwerfener Kirmes gebracht.

Zülpich-Schwerfen – Halb Schwerfen hatte sich am Montagabend am Rotbach versammelt, in dessen Mitte auf einem Holzsteg vier Männer in weißen Gewändern mit je einer Kerze in der Hand standen. Zum Abschluss der Schwerfener Kirmes ist es wieder so weit: die Taufe der Neubürger im Rotbach. Aus Lautsprechern ertönt Helene Fischer. „Atemlos durch die Nacht, neue Bürger en de Bach!“

Seit Jahrzehnten ist es im Dorf so Brauch: Neue Dorfbewohner werden durch die Taufe im Rotbach in die Gemeinschaft aufgenommen. Jedes Jahr lassen sich die Täuflinge dazu allerhand einfallen. Der Pastor wurde im Beisein von verkleideten Engelchen „getauft“, Zwerge kamen für das Ritual durch den Bach gewatet, Ein Feigling, der sich um das kühle Nass drücken wollte, gipste sich sogar beide Beine ein. In diesem Jahr hatten die Täuflinge sich ihr eigenes Schiff gebaut. Mit Musik, Lichterkette und Nebelmaschine ausgestattet wurde das Piratenschiff durch das Dorf gezogen, um die Auserwählten einen nach dem anderen abzuholen. „Gleich astreine Schwerfener“, ist auf der Schiffswand zu lesen.

Die Täuflinge werden traditionell von der Dorfgemeinschaft abgeholt und sollten besser mit Freibier, Jägermeister und allerlei Häppchen gegen den kleinen Hunger ausgerüstet sein, wenn Taufpastor Martin Frings mit seinem Gefolge vor der Tür steht. Wie in einem Festzug geht es dann durch das Dorf, begleitet vom Tambourcorps und der Freiwilligen Feuerwehr, vorneweg der ausgestopfte Kirmesmann im Bollerwagen.

Mit rund 1500 Einwohnern ist Schwerfen der größte Ortsteil der Stadt Zülpich. Veranstaltungen wie die Kirmes und die Taufe der Neubürger sollen den Zusammenhalt in der stetig wachsenden Dorfgemeinschaft stärken. „Das ist unglaublich wichtig für das Wir-Gefühl“, erklärt Ortsvorsteher Markus „Mac“ Salentin. Die Rechnung scheint aufzugehen. Bei der Kirmes wurde am vergangenen Samstag ein Rekord von 180 verkauften Essen verzeichnet. Mit dem Erlös dieser Aktion, die in Eigeninitiative der Ortsvereine stattfindet, werden weitere Aktivitäten finanziert, etwa die Martinswecken oder Seniorenfahrten.

Nach gut zwei Stunden beginnt schließlich die „Taufe der Unreinen“ am Rotbach. „Sie haben die Gutgläubigkeit der Schwerfener ausgenutzt und so getan, als wären sie wie wir“, schmettert Taufpastor Martin Frings. Nun sind sie „die Auserwählten, hier im Paradies zu leben“: Markus Matthieu aus Geilenkirchen, Jako Schoenmakers aus Rotterdam, Stefan Clasen aus Düren und Richard „Richie“ Wolter aus Rövenich. Unter allgemeinem Gelächter zieht der Pastor die Täuflinge noch ein wenig durch den Kakao und lässt garantiert keinen Faux-Pas der Herren unerwähnt. Vor allem Richie Wolter hat es ihm angetan, hat der es doch geschafft, ganze 26 Jahre unentdeckt in Schwerfen zu leben. Zwar ist er im Dorfleben durchaus aktiv, doch um die Taufe war er auf unerklärliche Weise herumgekommen – bis jetzt. Zum Abschluss der Taufzeremonie und des von Karl-Heinz Greuel umgetexteten Taufliedes springtdas Quartett gemeinsam in den Bach. Nicht viel mehr als kniehoch ist das Wasser, doch weil einer nach dem anderen ausgerutscht, sind sie am Ende allesamt „seckenass“.

Mit dem Piratenschiff geht es schließlich noch weiter zum Kirmeszelt, denn für die wahre Integration fehlt natürlich noch eines: von den Täuflingen verzapftes Freibier für alle.