Abo

FlüchtlingsfamilieZülpicher Schüler kämpfen für die Milanis

6 min

Zülpich – Es ist ein später Nachmittag, als Ilir Milani brennt. In seiner Heimatstadt Shkodra in Albanien, nahe der Adria-Küste. Ilir Milani ist gerade von der Arbeit nach Hause gekommen, hat Ledjona, seine neunjährige Tochter mit den langen schwarzen Haaren, begrüßt, sich dann hingelegt, um etwas zu schlafen. Als er die Augen wieder öffnet, steht sein Haus in Flammen. Der Rauch nimmt ihm die Luft. Raus können Ilir und Ledjona Milani eigentlich nicht mehr, sie sind umgeben von einer Feuerwand. Ilir Milanis Haus wurde angesteckt.

Milani möchte aber nicht sterben. Vor allem möchte er nicht, dass seine Tochter stirbt. Er nimmt sie und rennt mit ihr durch die Flammen. Als er draußen vor dem Haus steht, ruft er die Feuerwehr. Beide haben Brandblasen am Arm, sie am Rücken, er am Kopf. Sie werden Narben hinterlassen, noch heute sind sie zu sehen. Drei der fünf Familienmitglieder haben Glück. Die Mutter Teuta und die Kinder Ervina und Erind sind am Morgen die sieben Kilometer zu ihrer Großmutter gefahren. Als sie heimkehren, ist von ihrem Haus nicht mehr viel übrig. Die Feuerwehr in Albanien ist langsam, kommt viel zu spät. Diese Geschichte erzählt Ilir Milani vier Jahre später, als er in Dortmund Asyl beantragt. Die Leute im Amt hätten ihm nicht geglaubt, sagt er. Ilir Milani besorgt den Bericht der Feuerwehr, mit Stempel drauf. Er ruft den Arzt an, der auf Englisch die Verletzungen der Milanis bestätigt.

Ilir Milani sieht sich als politisch Verfolgter. In Albanien habe er als Wasserkontrolleur gearbeitet. Leute, die nicht für ihr Wasser bezahlt hätten, habe er dem Sozialamt melden müssen. Doch in Nordalbanien gebe es zwei Ebenen des Rechts. Neben dem staatlichen Recht gebe es das Gewohnheitsrecht, den Kanun. Und die mündlich überlieferten Regeln des Kanun, die bis ins Mittelalter zurückreichen, forderten Vergeltung. Daher, so sagt er, sei ihr Haus am 26. Mai 2011 niedergebrannt. Die Polizei habe nie herausgefunden, wer es angezündet habe. Die Familie Milani möchte trotzdem nicht weg aus ihrer Heimat. Die Familie zieht ein halbes Jahr zur Großmutter und baut währenddessen ein neues Haus, mit viel Hilfe. Ilir Milani hat acht Geschwister, seine Frau Teuta sieben. Sie ziehen ein, die Drohungen beginnen. Als Ilir Milani zwei Wochen nach Frankreich zu einem Cousin gefahren sei, habe man ihm zu Hause die Fensterscheiben mit Steinen eingeworfen.

Flucht nach Deutschland

Die Milanis haben Angst um ihr Leben. Anfang Februar beschließen sie zu fliehen. Sie steigen in den Bus. Mit allem, was sie tragen können. Mehrere Tage dauert die Reise über Italien und Frankreich nach Deutschland. Nach Deutschland hätten sie gewollt, weil es das stärkste Land sei, sagen sie. Weil sie glauben, dass man sie hier beschützen kann. In Dortmund erklärt Ilir Milani der Auslandsbehörde, warum seine Familie Asyl brauche. Er spricht Albanisch. Die Familie kommt in ein Heim in Unna. Bis Ilir Milani einen Brief erhält. Er hat alles aufbewahrt, zwei Aktenordner mit Briefen und Bescheiden, Fotos und Bescheinigungen. Das Wort zähle in Deutschland nicht, nur Papier, sagt er. Die Familie Milani wird der Stadt Zülpich zugewiesen und kommt in das Flüchtlingswohnheim in Weiler. Die beiden Mädchen, Ervina und Ledjona, sollen das Zülpicher Gymnasium besuchen.

Zur gleichen Zeit im Franken-Gymnasium Zülpich: Klassenlehrerin Dagmar Puritz teilt der 8d mit, dass in den nächsten Tagen eine albanische Schülerin in die Klasse kommen werde. Sie fragt, ob jemand der Schülerin beim Deutschlernen helfen möchte. Am Nachmittag setzt sich Giulia Kornder an ihren Computer und öffnet ein Übersetzungsprogramm. Als Ervina am nächsten Tag in die Klasse kommt, begrüßt Giulia sie auf Albanisch. Von da an hat Ervina viermal pro Woche Deutschunterricht. Heute ist ihr Deutsch fließend, genau wie das ihrer Schwester. Sie sind gut in der Schule, Ervina mag vor allem Mathe und Kunst, später möchte sie mal Architektin werden. Erind, das jüngste Kind, geht noch zur Grundschule. Er spielt Fußball beim TBSV Voreifel. Erind ist gut, an seiner Wand hängen viele Medaillen. Der Trainer ist froh mit ihm. Und Erind ist glücklich in der Mannschaft. Im Dezember zieht Familie Milani in eine Wohnung in Zülpich. Die Eltern lernen Deutsch von den Kindern und besuchen einmal pro Woche einen Deutschkursus. Ervina und Ledjona sind fest integriert in ihren Klassen. Dann kommt wieder ein Brief. Anfang Februar 2015, fast ein Jahr, nachdem die Familie angekommen ist: „Sehr geehrte Familie Milani, nach Mitteilung des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge führten ihre Anträge auf Anerkennung als Asylberechtigte nicht zu einem Bleiberecht...“ Die Familie soll bis zum 30. März das Land verlassen, sonst werde sie zwangsweise abgeschoben.

Schüler starten Unterschriftenaktion

Insgesamt ist der Brief drei Seiten lang, Beamtendeutsch. Die Eltern verstehen ihn gar nicht, die Kinder nur die Wörter. Sie gehen zum Sozialamt, lassen sich erklären was subsidiärer Schutzstatus heißt und Vollzug der Abschiebungsandrohung. Erst da verstehen sie, dass sie weg sollen. Albanien gilt als sicheres Herkunftsland. Doch die Flucht der Familie Milani hat keine wirtschaftlichen Hintergründe. „Uns ging es ja gut in Albanien“, sagt Ilir Milani. Als die Klassenkameraden von Ervinas drohender Abschiebung hören, sind sie entsetzt. „Sie ist uns allen so ans Herz gewachsen. Inzwischen ist sie meine beste Freundin. Ich fände es so uMilaninfair, wenn die Milanis aus Deutschland abgeschoben werden“, sagt Giulia Kornder. Die Schüler starten eine Unterschriftenaktion. Nach ihrer Tour durch das Gymnasium hält Giulia Kornder zwölf Seiten mit Unterschriften in ihrer Hand, fast jeder hat unterschrieben. Doch Giulia Kornder reicht das noch nicht aus. Sie startet eine Petition im Internet, bei „Change.org“. Inzwischen haben fast 24 000 Menschen die Petition unterschrieben.

Giulia Kornder ist das immer noch nicht genug. Sie ruft bei der Ausländerbehörde an und beim Bundesamt für Migration. „Die haben mich nicht wirklich ernstgenommen. Bei manchen warte ich noch heute auf eine Antwort“, erzählt sie. Auch das Lehrerkollegium setzt sich für die Milanis ein. Lehrer fragen nach möglichem Kirchenasyl. Schulleiter Franz-Peter Wirtz schreibt an die Ausländerbehörde, die Kinder sollten wenigstens das Schuljahr zu Ende machen. Zu den Unterstützern gehört auch Jens Dieckmann, Strafverteidiger in Bonn. „Es wird schwer. Aber es gibt eine Chance“, sagt Dieckmann. Er erreicht, dass die Milanis am 30. März nicht ausreisen müssen. Sie bekommen wieder einen Brief. Die Milanis sind einen Monat geduldet. So sitzen sie jetzt in ihrem Wohnzimmer und warten darauf, dass andere über ihr Leben entscheiden.

Die Politiker sollten mal eine Woche in Albanien sein, dann würden sie sehen, dass da politisch gar nichts stabil sei, sagt Teuta Milani. Sie schläft schlecht, genau wie Ledjona. Beide träumen immer wieder von den Angriffen in ihrer Heimat. Jens Dieckmann kämpft weiter für die Milanis. Er wird einen Antrag an die Härtefall-Kommission richten. Die kann Ausländern ein Bleiberecht zusprechen, wenn ihre Abschiebung menschlich und moralisch nicht vertretbar wäre.