Rhiem und AnderBlick zurück voll Stolz

Prägten einen Großteil der Nachkriegsgeschichte Zülpichs ganz entscheidend: Josef C. Rhiem (l.) und Wolfram Ander.
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Zülpich – „Ist mein Schlips auch gerade?“ Die Frage von Josef C. Rhiem an den Stadt-Anzeiger-Fotografen war rein rhetorisch. Er ging selbst davon aus, dass die Krawatte, wie fast immer, nicht akkurat sitzt. Rhiem wirkt wie ein zerstreuter Professor, gibt sich stets jovial, verfällt rasch ins vertrauensselige Du und wirkt mit seinem hintersinnigen Humor ein bisschen altväterlich.
Wolfram Ander haftet indes – ob zu Recht, wissen wohl nur seine Familie und die engsten Freunde – das Image des etwas unnahbaren Beamtentypus an, dessen Hang zur Leutseligkeit sich in engen Grenzen hält. Aber an seiner fachlichen Qualifikation als Verwaltungsfachmann hatten auch Anders politische Gegner nie den geringsten Zweifel. Womöglich war es diese Kombination verschiedener Charaktere, die die beiden Duz-Freunde zu einem Dream-Team werden ließ.
Im Schulterschluss prägten Rhiem und Ander einen Großteil der Nachkriegsgeschichte Zülpichs ganz entscheidend. Und dabei zogen sie fast immer an einem Strang. „Nur einmal“, erinnert sich Ander, „hat er mir eine Standpauke gehalten.“ Als der damals neu gebaute erste Kreisverkehr Zülpichs am Gewerbegebiet Römerallee selbst nach mehreren Nachbesserungen immer noch bauliche Mängel aufgezeigt habe.
Gemeinsam viel erreicht
Ansonsten sei ihre Zusammenarbeit von absoluter Harmonie geprägt gewesen. Rhiem: „Wir haben gemeinsam viel erreicht.“ Der Vermutung des „Kölner Stadt-Anzeiger“, dass dies an der Symbiose zwischen dem Bürgermeister, der den Römerstädtern als einer der ihren auch unangenehme Wahrheiten nahebringen konnte, und dem Stadtdirektor, der Fachkompetenz ausstrahlte, gelegen haben könnte, widersprachen die beiden nicht. Ander: „80 Prozent der Termine haben wir gemeinsam wahrgenommen.“
Das sah nach Ansicht Rhiems in vielen Großstädten an Rhein und Ruhr anders aus. „Zwischen vielen Stadtdirektoren und Bürgermeistern stimmte die Chemie nicht.“ Die ehrenamtlichen Würdenträger hätten den Stadtdirektoren, die damals noch die Beschlussvorschläge für die Räte ausarbeiteten und unterschrieben, wohl allzu häufig in deren „Arbeit hineingeredet“. Über dieses Kompetenzhickhack seien einige Großstädte fast unregierbar geworden. Dies ist nach Ansicht Rhiems und Anders die Triebfeder der damals mit absoluter SPD-Mehrheit geführten Landesregierung unter Ministerpräsident Johannes Rau gewesen, die kommunale Doppelspitze 1994 abzuschaffen.
Rhiem: „Mich wundert, dass die CDU das mitgemacht hat.“ In den zumeist CDU-geführten ländlichen Kommunen in der Größenordnung Zülpichs habe die Doppelspitze nämlich „nicht geschadet“. Ander stößt ins gleiche Horn: „Die Abkehr von der Doppelspitze zum hauptamtlichen Bürgermeister ist nicht nötig gewesen.“ Wichtige Sachfragen hätten sie immer in enger Abstimmung geklärt. Und da gab es nicht wenige. Das fast total ausgebombte Zülpich litt auch unter der Ägide der Doppelspitze Rhiem/Ander noch unter den Nachwirkungen des Zweiten Weltkriegs.
Städtebauliche Probleme mussten angepackt werden, und, darauf ist Rhiem besonders stolz, „wir haben einen erheblichen Beitrag zur ersten Städtepartnerschaft mit Blaye und der damit verbundenen Aussöhnung zwischen Deutschland und Frankreich geleistet“. Schon in den 80er-Jahren habe sich Zülpich um die Austragung der Landesgartenschau bemüht. Ander: „Das ist nur daran gescheitert, dass die damals zur Vorbereitung übliche Kreisgartenschau aus finanziellen Gründen abgesagt werden musste.“
Hauptamtlicher Bürgermeister
Ander sprach’s, und das Thema hauptamtlicher Bürgermeister wurde wieder aufgegriffen. Es sei – die beiden Freunde waren sich einmal mehr einig – zwar grundsätzlich zu begrüßen, dass durch die Trennung der Bürgermeister- von der Stadtratswahl auch politische Quereinsteiger die Chance hätten, den Chefsessel in einem Rathaus zu besetzen. Aber wenn dieser vom Volk gewählte Kandidat kein Verwaltungsfachmann sei, werde er erhebliche Probleme bekommen. Nur wer als Laie auch die politische Mehrheit im Rat hinter sich wisse, dürfe auf Hilfe bei der Bewältigung verwaltungstechnischer Probleme zählen. Ander: „Bekommt er diese Unterstützung nicht, wird er als Bürgermeister und Chef der Verwaltung scheitern – und das zum Schaden der Kommune.“
Aber wie bekommt ein hauptamtlicher Bürgermeister den Spagat hin, als Verwaltungschef zu parteipolitischer Neutralität verpflichtet zu sein, andererseits aber aus Sicht seiner Partei die Wahlkampflokomotive abgeben zu müssen?
Der amtierende Bürgermeister Albert Bergmann sah kein Problem darin, die beiden Aufgabenfelder strikt voneinander zu trennen. Wolfram Ander, der 1999 mit fast 60 Prozent aller abgegebenen Stimmen (die CDU bekam neun Prozentpunkte weniger) gegen drei Gegenkandidaten gleich beim ersten Urnengang zum ersten hauptamtlichen Bürgermeister der Römerstadt gewählt worden war, hat sich anscheinend nie als Stimmenfänger für die CDU gesehen, sondern mehr als Verwaltungschef: „Ich war ein eher unpolitischer Bürgermeister.“
Könnte das der wahre Grund dafür gewesen sein, dass die Zülpicher CDU Ander gegen dessen Willen 2004 nicht mehr für eine weitere Amtszeit nominierte, sondern Bergmann ins Rennen schickte? Ander verkniff sich eine Antwort auf diese Frage, für ihn sprang das CDU-Urgestein Rhiem in die Bresche: „Da ist was dran.“

