Tag des Archivs in BurscheidAuch Goethe machte hier Halt

Christel Ertel führte durchs Archiv und gewährte Einblicke in alte Urkunden.
Copyright: Britta Berg
Burscheid – Der Tag der Archive findet alle zwei Jahre bundesweit statt: Dann öffnen Archive in ganz Deutschland und der Schweiz ihre Türen und die Besucher können einen Blick hinter die Kulissen werfen.
Am Sonntag beteiligte sich auch das Burscheider Rathaus zum diesjährigen Thema „Kommunikation. Von der Depesche bis zum Tweet“ an der Aktion. Den Fokus legte Archivar Sascha Kempf auf die Historie der Burscheider Post.
Das Publikum konnte im Wartebereich des Rathauses zudem hinter Glas einen Brief des preußischen Königs, eine Postbeamtinnen-Uniform und ein historisches Telefon bestaunen – und das älteste erhaltene Buch der Stadt, aus dem Jahre 1666.

Sascha Kempf zeigte Ulrich Conrads und Jens Teichmann alte Zeitungsausgaben.
Copyright: Britta Berg
Gepresstes Kleeblatt
Notizen, Tagebucheinträge und Geschäftszahlen sind auf speckigen Seiten zu entziffern, und mittendrin liegt ein gepresstes Kleeblatt – ob es auch 350 Jahre alt ist? Heute absurd und amüsant anmutende Werbungen für die „neuen Fernsprecher von der Post“ hängen neben Informationen zur Erreichbarkeit des „Fräuleins vom Amt“. Es wird deutlich, wie sehr sich die Kommunikation allein in den letzten hundert Jahren verändert hat.
Spannend ist auch die Entwicklung der Post, von den Anfängen 1806 unter napoleonischer Herrschaft über die Blütezeit der Postkutschen, in der im Strasserhof bis zu 50 Pferde bereitstanden. In Burscheid fand für die Kutschen aus Köln der erste Pferdewechsel statt; viele Personen, die mit der Postkutsche reisten, machten hier Halt, so zum Beispiel auch Goethe. Erst mit dem aufkommenden Bahnverkehr wurde die Postkutsche langsam abgelöst. Lange Zeit waren die Postämter in den Privathäusern der Beamten untergebracht, bis 1909 schließlich das Postamt Burscheid öffnete. Im ersten Untergeschoss des Rathauses befindet sich das historische Archiv der Stadt, und auch hier stehen die Türen heute offen. „Es ist wichtig, die Archive als Denkmal des Wandels zu pflegen“, sagt der studierte Historiker Kempf. „Wir freuen uns, unsere Archive endlich mal der Öffentlichkeit präsentieren zu können!“ Hier finden sich in schweren, mit Rädern beweglichen Schränken die amtlichen Akten der Stadt seit 1810, zur Verfügung gestellte Privatunterlagen von Bürgern und alle Ausgaben des „Volksboten“. Einige Lücken sind jedoch entstanden, als die Beamten am Ende des Zweiten Weltkrieges die Akten einer Vernichtungsaktion unterzogen, bevor die Amerikaner in die Stadt einmarschierten.
Christel Ertel hat im Raum nebenan den Überblick über Geburts-, Heirats- und Sterbeurkunden. Für Personenstandsanfragen und genealogische Forschung kann sie Sütterlin und die ältere Kurrentschrift problemlos entziffern. Wieder draußen vor dem Rathaus bedeutet der Blick aufs Handy den Rückweg aus der Zeitreise – und schürt die Neugier auf die Kommunikation der Zukunft.
