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55 Jahre in LeverkusenPolyamorie und KI als Partner – neue Fragen beschäftigen Pro Familia

3 min
Pro Familia Leverkusen, Pia Heck (blond, Leiterin) mit Miriam Pouget (dunkelhaarig, Frauenärztin)

Pia Heck (r.), Leiterin von Pro Familia Leverkusen, mit Frauenärztin Miriam Pouget

Beratungen bei ungewollter Schwangerschaft sind das Kerngeschäft von Pro Familia, aber gesellschaftliche Entwicklungen verändern die Beratungen.

Als 1952 die erste Pro-Familia-Beratungsstelle überhaupt gegründet wurde, galten die monogame Ehe und die Elternschaft in einer heterosexuellen Ehe als einzige akzeptierte Beziehungs- und Familienform. Liebesbeziehungen ohne Trauschein, uneheliche Kinder und Scheidungen waren ein Tabu.

Die Lebenswelt, die die Leverkusener Filiale im 55. Jahr ihres Bestehens aufzeigt, könnte kaum unterschiedlicher sein: Beratungen werden nicht nur in Bezug auf Homosexualität gesucht, sondern auch etwa in Bezug auf polyamoröse Beziehungen oder neuerdings sogar romantische Beziehungen mit einer künstlichen Intelligenz. So sehr sich die Zeiten geändert haben: Der Bedarf an Beratung rund um Partnerschaft, Sexualität und Familienplanung ist weiterhin hoch, wie der Jahresbericht von Pro Familia Leverkusen zeigt. Und während man überall von Personaleinsparungen liest, kann die Leverkusener Einrichtung einen Erfolg verkünden: Dank einer erhöhten Landesförderung kann erstmals seit 25 Jahren wieder Personal aufgestockt werden. Die Beratungsschwerpunkte im Überblick.

Schwangerschaftskonfliktberatung

Die Schwangerschaftskonfliktberatung bleibt das Kerngeschäft von Pro Familia Leverkusen: 300 Frauen oder Paare kamen 2025 zu Pro Familia, um über die Möglichkeit von Schwangerschaftsabbrüchen zu sprechen, insgesamt fanden dazu 313 Gespräche statt – mehr als ein Drittel aller Beratungen. Ein Trend, der sich bundesweit abzeichnet, zeigt sich auch in der Beratungspraxis: Immer mehr Frauen entscheiden sich für einen medikamentösen Schwangerschaftsabbruch anstelle einer Operation. Laut Statistischem Bundesamt lag ihr Anteil im dritten Quartal 2025 bei 45,4 Prozent. Das könnte auch daran liegen, dass immer weniger Frauenärzte Schwangerschaftsabbrüche durchführen. In Leverkusen sei die Versorgung weitgehend gesichert – doch die Situation ist fragil: In Ferienzeiten oder wenn Praxen mangels Nachfolge schließen, entstehen schnell Engpässe. Pro Familia betont deshalb, dass eine verlässliche Versorgungsstruktur sichergestellt sein muss, damit Frauen ihre Entscheidung wirklich selbstbestimmt treffen können.

Beratung zu Schwangerschaft und Geburt

Viele Menschen kamen auch zu Pro Familia, um sich während der Schwangerschaft (231 Beratungen), nach der Geburt (86) oder zur Familienplanung (53) beraten zu lassen. Die Themen sind breit gefächert: von Kinderwunschbehandlungen bis zu Fragen rund um Elterngeld und finanzielle Absicherung oder der Vermittlung von Familienhebammen oder anderen Hilfen.

Paarberatungen

Gestiegen ist die Nachfrage nach Sexual- und Paarberatungen. Und auch die Fragestellungen sind vielfältiger geworden: etwa, wenn es um Regeln für offene Beziehungen oder den Umgang mit Polyamorie geht. Auch gesellschaftliche Entwicklungen zeigen hier ihre Auswirkungen: Die Ansprüche an eine gute, gelungene Partnerschaft sind gestiegen, und viele Menschen fühlen sich damit überfordert. Gleichzeitig lernen sich immer mehr Menschen im Internet kennen, was ebenfalls zu Problemen führen kann. „Die Menschen glauben, sich nach einem längeren virtuellen Kontakt schon zu kennen und zu lieben und gleichen diese Gefühle nicht gründlich genug mit der Realität ab. Das hat zur Folge, dass Paare manchmal schon nach wenigen Monaten Beziehung in die Paarberatung kommen“, heißt es im Bericht. Pro Familia sieht in der gestiegenen Beratungszahl aber auch ein Zeichen dafür, dass psychologische Unterstützung gesellschaftlich weniger tabuisiert ist als früher.

KI als „romantischer Partner“

Der Wandel in den Einstellungen und Erwartungen an eine Partnerschaft und Familie ist dabei längst nicht abgeschlossen, wissen die Beraterinnen. Ein Phänomen, das relativ neu aufgetreten ist, sei etwa die KI als „romantischer Partner“. Dennoch sind die Berater zuversichtlich, „dass die Beziehungen zu echten Menschen in einer realen, auf wechselseitigen Gefühlen basierenden Liebesbeziehung immer einen zentralen Stellenwert in unserer Gesellschaft haben werden.“