Ein hochkarätiges Ensemble beim Startfestival: Gautier Capuçon und Musiker der Wiener und Berliner Philharmoniker treten im Erholungshaus gemeinsam auf.
„Es gibt kein großes oder kleines Konzert“– Star-Cellist Gautier Capuçon in Leverkusen

„Ich habe das Gefühl, immer noch am Anfang zu stehen. Es gibt so viele Dinge zu entdecken“, sagt Gautier Capuçon.
Copyright: Tobias Becker / Bayer Kultur
„Das ist wirklich beeindruckend. Es ist toll, an einem Ort aufzutreten, an dem schon so viele Künstler waren“, sagt Gautier Capuçon über das 1908 gegründete Konzerthaus. Er schaut fasziniert auf die Fotos der Musik- und Schauspielgrößen an den Wänden. San Francisco, Wien und heute Abend Leverkusen. Gautier Capuçon beschreibt sein Leben als permanente Bewegung zwischen den Konzertsälen der Welt. Ab Mai ist er mit den Berliner Philharmonikern unterwegs. Das Tempo bleibt.
Doch noch wichtiger als der Ort, an dem Musik stattfindet, sind für ihn die Gefühle, die Musik auslöst. „Musik ist nicht nur für Experten. Es geht um Emotionen.“ Klassische Musik soll für jeden zugänglich sein. Diese Idee hat er auch praktisch umgesetzt – etwa mit einem Festival in Frankreich, das bewusst kleinere Städte und Dörfer einbezieht und dort ein großes Publikum anspricht.
Musik ohne Vorwissen
Man müsse nichts über Struktur oder Werkgeschichte wissen, um berührt zu werden. „Lass die Gefühle einfach zu dir kommen“, rät er den Zuschauern, die zum ersten Mal ein klassisches Konzert miterleben. Zum Vergleich erzählt er von seinen Museumsbesuchen. Die Kunstwerke würden ihn sofort berühren. Entscheidend sei die unmittelbare Reaktion, nicht die Einordnung.
Ich habe immer noch das Gefühl, am Anfang zu stehen.
Gleichzeitig spricht Gautier Capuçon offen über die Kehrseite des Berufs. Die vielen Reisen ließen kaum Raum, Orte wirklich zu erleben. Städte, Museen, Eindrücke blieben lückenhaft. „Das ist der weniger schöne Teil dieses Lebens“, sagt er.
Es sei eine Nonstop-Tour, bei der eine Produktion direkt in die nächste übergeht, ohne echte Pausen zwischen den Kontinenten. Trotzdem überwiegt für ihn klar die positive Seite. Seit fast drei Jahrzehnten ist er als Musiker unterwegs, und dennoch sagt er: „Ich habe immer noch das Gefühl, am Anfang zu stehen.“ Es gebe noch unzählige musikalische Ideen, Projekte und künstlerische Felder, die ihn interessieren, auch jenseits der Musik.
Ein gemeinsamer Klang
Als Gautier Capuçon um 19.23 Uhr die Bühne betritt, wird schnell deutlich, dass seine Aussagen nicht theoretisch bleiben. Während Joseph Haydns Cellokonzert sitzt er im Zentrum des Ensembles nicht als distanzierter Solist, sondern als Teil eines gemeinsamen Klangs. Er bewegt sich sichtbar mit der Musik, neigt sich zur ersten Geige, sucht permanent den Austausch im Ensemble. Immer wieder schließt er die Augen, als würde er den Sound vollständig in sich aufnehmen. Das Publikum reagiert früh und eindeutig: Bravo-Rufe, rhythmisches Klatschen, zunehmende emotionale Beteiligung im Saal. Am Ende des ersten Konzertteils gibt es Standing Ovations.
Wir sind glücklich und privilegiert, diese Musik zu teilen.
„Ob ich als Solist oder im Ensemble spiele, ändert für mich nichts. Wir sollten uns gegenseitig unterstützen und diese Inspiration gemeinsam nutzen. Wenn man mit mehreren Musikern spielt, geht es immer darum, den Moment zu teilen“, sagt der 44-Jährige.
Nach der Pause übernimmt zunächst das Orchester allein. Dann schließt sich Gautier Capuçon der Cellogruppe an und spielt die Orchesterfassung von Tschaikowskys Sextett Opus 70, dem „Souvenir de Florence“. Das Publikum ist begeistert: Applaus, Bravo-Rufe, gespannte Aufmerksamkeit bis in die letzten Reihen. Gautier Capuçon formuliert es im Gespräch so: „Wir sind glücklich und privilegiert, diese Musik zu teilen.“
