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Holocaust-Gedenktag  LeverkusenAusstellung mit besonderen Erinnerungsstücken

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Vier Vitrinen voller Erinnerungsstücke von Kontingentflüchtlingen aus der Familie und dem Umfeld der Künstlerin Era Freidzon sind Teil der Ausstellung in der Galerie im Forum. Bild: Ralf Krieger

Vier Vitrinen voller Erinnerungsstücke von Kontingentflüchtlingen aus der Familie und dem Umfeld der Künstlerin Era Freidzon sind Teil der Ausstellung in der Galerie im Forum. 

Eine Ausstellung in der Galerie im Forum widmet sich den jüdischen Menschen, die Anfang der 90er-Jahre aus der Sowjetunion ausreisen konnten.

Die Leverkusener Ausstellung zum Holocaust-Gedenktag 2026 widmet sich den Kontingentflüchtlingen. Das ist eine Gruppe von etwa 220.000 Juden, die Anfang der 1990er-Jahre nach einer Absprache zwischen Michail Gorbatschow und Helmut Kohl aus der Sowjetunion nach Deutschland übersiedeln konnten.

Die Dortmunder Künstlerin Era Freidzon ist selbst 1992 aus Moldawien nach Deutschland gekommen. Sie war schon zu der Zeit Künstlerin. 34 Jahre später zeigt sie einige ihrer Bilder in der Galerie im Forum. Anlässlich der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz organisiert die Leverkusener Volkshochschule in jedem Jahr eine Ausstellung. Die Ausstellung ist ziemlich persönlich. Freidzon hat private Fotos auf Leinen gedruckt und die auf Stöcke eines Kirschbaums aufgewickelt, darunter Porträts von durch Nazis Ermordeten aus der eigenen Familie. Dazu zeigt sie gerissene Collagen aus Fotos und Briefen, an zwei Wänden hängen große Zeichnungen auf Papier, die ein wenig an die Arbeiten von Käthe Kollwitz erinnern.

Aber nicht nur die Kunst der Jüdin ist ausgestellt. Im Zentrum der Galerie hat sie eine Sammlung von wichtigen Stücken von Gegenständen positioniert, die Familienmitglieder oder Personen ihres Umfelds bei der Ausreise aus Osteuropa oder Asien für wichtig hielten und die sie aus der Sowjetunion in ihren Koffern nach Deutschland mitgenommen haben.

Da sind etwa mehrere Matrjoschka-Puppen, die ineinandergeschachtelt werden. „Ich weiß nicht, warum, aber wir haben alle solche Matrjoschkas mitgenommen“, sagt Era Freidzon bei der Vorbesichtigung der Ausstellung. Unter den Pretiosen ihrer Familie finden sich medizinische Geräte ihres Vaters, er war Arzt, oder Garnröllchen und Handarbeitsutensilien, Wecker, Zirkelkasten, Rechenschieber, die alten Malsachen der Künstlerin, Orden mit dem Konterfei Lenins und Ausweise.

Die Sammlung ist äußerst eindrucksvoll, sie ist vielleicht das Werk, das einen am stärksten fesselt und überhaupt viel über die Menschen mitteilt, die die Stücke ausgewählt und aus der alten Heimat mitgenommen haben.

Auch nach Leverkusen kamen viele Kontingentflüchtlinge

Im sowjetischen Ausweis sei bei Nationalität tatsächlich „Jude“ eingetragen gewesen, erklären die Künstlerin und der Historiker Benjamin Weber, der zur kurzen Geschichte der Kontingentflüchtlinge geforscht hat. Die Aufnahme der Kontingentflüchtlinge Anfang der 1990er-Jahre habe die jüdischen Gemeinden und die Vereine gerettet, sagt Weber. Die Gemeinden seien zu der Zeit hoffnungslos überaltert gewesen. Auch der jüdische Leverkusener Verein Davidstern wäre wohl niemals gegründet worden, hätte es die Zugewanderten aus den GUS-Staaten nicht gegeben. Heute ist der Verein mit 155 Mitgliedern gar nicht klein, sagt Lev Ismikhanov, der auch zur Vorbesprechung gekommen ist. Er kam vor 30 Jahren aus der Sowjetunion nach Leverkusen. Er sei aber ziemlich schnell sicher gewesen, dass Leverkusen für ihn die richtige Stadt sei: Überall fuhren Autos mit seinem Vornamen LEV auf dem Nummernschild herum, habe er festgestellt.

Bei der Führung durch die Ausstellung hält Era Freidzon inne. „Meine Familie hat alles erlebt, den Holocaust, Stalin“, sagt die Jüdin, im Moment sehe sie ein großes Problem: Scheibchenweise stürbe gerade die Freiheit in Deutschland.  Wie schnell ein Land kippen könne, habe 1933 gezeigt.

Im Begleitprogramm der VHS werden Führungen durch die Ausstellung angeboten: am 26. Februar um 18 Uhr und am 22. März um 15.30 Uhr. Anmeldung erforderlich.