Ein Puls, der aus Buenos Aires herüberweht. Mit seinem neuen „Requiem“ bringt der argentinische Komponist Martin Palmeri eine Totenmesse nach Leverkusen, die Tradition nicht konserviert, sondern verwandelt.
Im ForumRequiem zwischen Weihrauch und Buenos Aires – Europa-Premiere von Martin Palmeri

Die Bayer-Philharmonikern und der Projektchor 007 führten Martin Palmeris Requiem erstmals in Europa auf.
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Palmeri ist kein Grenzgänger aus Kalkül, sondern aus Herkunft. Bekannt geworden durch seine „Misa a Buenos Aires“ – oft „Misatango“ genannt – verschmilzt er seit Jahren westliche Sakralform mit den Rhythmen seiner Heimat. Auch im neuen Requiem bleibt die klassische Dramaturgie der Totenmesse erhalten: „Kyrie“, „Dies irae“ und „Agnus Die“. Doch unter der Oberfläche arbeitet der Tango. Synkopen schieben sich unter chorische Linien, das Klavier – vom Komponisten selbst gespielt – setzt perkussive Akzente, die eher nach Milonga als nach Kathedrale klingen. Das Spirituelle wird nicht verklärt, sondern geerdet. Trauer erhält Rhythmus, Trost bekommt Bewegung. Palmeri schreibt keine Musik über den Tod, sondern gegen seine Starre.
Bayer-Philharmoniker und Projektchor 007 bei Europa-Premiere
Die Bayer-Philharmoniker entfalten unter der Leitung von Jesús Ortega Martínez einen warmen, transparenten Orchesterklang, der Raum für die rhythmischen Feinheiten lässt. Streicherflächen leuchten weich, während das Schlagwerk die südamerikanische Farbigkeit subtil verstärkt. Nichts wirkt folkloristisch aufgesetzt, alles bleibt organisch im Fluss.

Die Zuschauerinnen und Zuschauer im Forum bekamen eine spektakuläre Darbietung.
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Die Chorstimmen modellieren das „Dies irae“ mit dramatischer Schärfe und finden im „Lux aeterna“ zu einer fast schwebenden Zartheit. Gerade im Wechsel zwischen strenger liturgischer Setzung und leidenschaftlicher Bewegung zeigen sich Präzision ohne Kühle und Expressivität ohne Übertreibung.
Tango trifft Liturgie: Palmeris musikalische Handschrift
Dass diese Europa-Premiere im Forum Leverkusen stattfindet, ist mehr als eine Randnotiz. Der große Saal in Wiesdorf will an diesem Abend zum transatlantischen Resonanzraum werden. Palmeri am Klavier, gibt Impulse, zieht Fäden, atmet mit Chor und Orchester. Und dann ein Bandoneon präsent. Die Distanz zwischen Werk und Aufführung löst sich mäßig auf, dieses Statement suppt im Forum etwas weg: Sakralmusik ist kein museales Format, sondern offen für kulturelle Hybridität. Zwischen sprichwörtlichem Weihrauch und Bandoneon-Geist entsteht eine Klangsprache, die weder Europa noch Argentinien allein gehört. Im letzten Satz „In Paradisum“ tanzen blaue Lichtpunkte unbeholfen über die Form Wände: Dieses Requiem trauert nicht in Schwarz, es glüht in warmen Farben. Der Tod erscheint nicht als Endpunkt, sondern als Übergang, getragen von einem Puls, der weiterschlägt.
