Mit „Marlene“ bringt Sänger und Schauspieler Sven Ratzke eine der schillerndsten Figuren des 20. Jahrhunderts auf die Bühne im Forum – zwischen Konzert, Schauspiel und intimer Erinnerung.
„Marlene“ in LeverkusenDietrich-Darsteller Sven Ratzke über Mythos, Freiheit – und eine große Diva

„Marlene“ wird im Februar im Leverkusener Forum aufgeführt.
Copyright: Ann-Marie Schwanke (Siegersbusch)
Die Inszenierung erzählt nicht nur die Geschichte einer Filmikone, sondern blickt hinter den Mythos einer Frau, die politisch Haltung zeigte, gesellschaftliche Rollenbilder sprengte und sich selbst als Kunstfigur erfand. Im Gespräch mit dem „Leverkusener Anzeiger“ erklärt Dietrich-Darsteller Ratzke, der am 25. Februar mit der Aufführung im Forum zu sehen war, warum Marlene Dietrich gerade heute wieder eine erstaunliche Aktualität entwickelt – und weshalb Theater für ihn ein Ort der Echtheit ist.
Warum sollte man Marlene Dietrich heute auf die Bühne bringen?
Sven Ratzke: Marlene ist natürlich eine sehr politische Künstlerin. Während der Nazi-Zeit hat sie sich sehr klar dagegen positioniert und für die Alliierten gearbeitet – und damit im Grunde ihre Heimat verloren. Sie hat ihr Zuhause für das Gute aufgegeben. Gerade als deutscher Künstler im Ausland spürt man, dass die NS-Zeit weiterhin mit dem Deutschsein assoziiert werde. In diesem Kontext war sie unglaublich mutig – wurde aber nach dem Krieg von manchen Deutschen als Verräterin gesehen. Genau diese Ambivalenz macht die Figur heute wieder relevant. Wenn wir das Stück spielen, egal ob in Berlin oder Amsterdam, merkt man, wie stark diese politische Dimension wirkt. Am Ende benenne ich das auch – und es gibt immer großen Applaus.
War sie eher moralische Instanz oder strategische Selbstinszenierung?
Sie war jemand, der sehr aus dem Bauch heraus gehandelt hat. Sie hat gesagt, was sie dachte, und sich so gezeigt, wie sie war. Gleichzeitig ist sie eine bewusst konstruierte Kunstfigur gewesen. Marlene Dietrich hat Marlene Dietrich erfunden. Gerade diese Spannung zwischen Mensch und Mythos bildet den Kern der Inszenierung.
Die Inszenierung bewegt sich zwischen Konzert, Schauspiel und intimer Beichte. Wie funktioniert dieser Abend?
Wir führen zurück in ihr Pariser Apartment. Alles könnte ein Traum sein oder eine große Erinnerung. Im ersten Teil begegnet das Publikum der zurückgezogenen Legende, die langsam wieder in ihre Vergangenheit eintaucht. Und in der zweiten Hälfte beginnt ein imaginäres Konzert mit all den wunderschönen Chansons aus 50 Jahren Karriere. Ergänzt wird das durch Texte der Schriftstellerin Connie Palmen, die das Innenleben der Figur freilegen. Das Interessante ist ja, dass wir über diese weltberühmte Frau eigentlich gar nicht so viel wissen. Wir geben also auch eine Interpretation ihrer Gefühle.
Warum funktioniert das heute?
Auf der Bühne ist alles echt. Gerade in Zeiten von Social Media und KI, wo wir oft gar nicht mehr wissen, was real ist, kann man sich im Theater nicht verstellen. Die unmittelbare Nähe zum Publikum ist entscheidend: Wir atmen zusammen mit den Menschen im Saal. Das ist eine magische Sache. Deshalb gewinnt Theater wieder an Bedeutung. Das Publikum sucht nach etwas Echtem, nach Erfahrungen, die man selbst erlebt.
Sie haben zuvor David Bowie verkörpert – nun Marlene Dietrich. Was verbindet diese Ikonen?
Beide haben sich selbst erfunden. Sie haben mit Identitäten gespielt und Grenzen verschoben. Für mich selbst ist diese Freiheit ein zentraler Bezugspunkt.
Marlene spielte bewusst mit männlichen und weiblichen Codes. Ist sie eine frühe queere Ikone?
Absolut. Aber sie wollte nie in eine Schublade gesteckt werden. Das ist das Entscheidende. Sie hat sich nicht kategorisieren lassen – weder künstlerisch noch privat. Sie hat einfach gesagt: „Ich bin frei. Ich entscheide, wie ich lebe, wie ich mich kleide, wen ich liebe.“ Gerade deshalb hat sie die queere Community nachhaltig inspiriert.
Wie nähert man sich einer Figur, die so stark mythologisiert wurde?
Uns ging es nie darum, nur die pure Diva auf die Bühne zu stellen – das wäre langweilig. Entscheidend ist das Innenleben der Figur. Die Figur entfaltet sich erst, wenn man sich mit ihrem Inneren identifizieren kann.
Ist die Bühne heute politischer Resonanzraum oder Schutzraum?
Beides. Theater basiert auf Emotionen und kann Menschen wachrütteln. Der Blick in die Geschichte hilft, aktuelle Entwicklungen zu verstehen. Man muss sich mit der Vergangenheit auseinandersetzen, um das Heute zu begreifen.
Und wenn Marlene Dietrich heute nach Deutschland zurückkehren würde?
Vielleicht würde sie anders empfangen – aber wahrscheinlich würde sie immer polarisieren. Und genau das macht große Künstlerinnen aus.

