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Interview

Leverkusener Musikerin Luna Keller
„Depression ist der größte Klub der Welt“

9 min
Luna Keller tritt in ihrer Heimatstadt auf.

Luna Keller tritt in ihrer Heimatstadt auf.

Luna Keller ist auf Teneriffa aufgewachsen, lebt heute in Leverkusen — und macht Musik, die von innen kommt. Ein Gespräch über Depressionen, Songwriting als Therapie und ein Konzert, das ein Kreis schließt.

Frau Keller, Sie sind auf Teneriffa aufgewachsen — einer Insel, die die meisten Menschen vor allem aus dem Urlaub kennen. Wie war das als Kindheit?

Luna Keller Ein sehr schöner Ort zum Aufwachsen. Meine Eltern haben damals ein Haus gekauft, das noch gar nicht fertig gebaut war — und wussten noch nicht einmal, dass meine Mutter schwanger war, als sie beschlossen hatten, auszuwandern. Sie sind dann mit mir, sechs Monate alt, in ein Haus gezogen, das gerade mal einen Wasseranschluss hatte. Das war ein Abenteuer. Für mich war es einfach: Ich wachse im Paradies auf. Ich habe Wald, ich habe das Meer. Ich bin in Spanien zur Schule gegangen, habe Abitur auf Spanisch gemacht. Es war familiär, weil es eine kleinere Insel ist — klar, fast eine Million Menschen, aber in den Dörfern kennt jeder jeden.

Und trotzdem hatten Sie von Kindesbeinen an einen Bezug zu Leverkusen — einer Stadt, die man seltener mit Paradiesen in Verbindung bringt.

Ja, absolut. Meine Mama ist hier aufgewachsen, meine Oma wohnt hier. Während des Sommers war ich immer zu Besuch. Der Neulandpark, der Rhein, der Japanische Garten. Viele sagen, Leverkusen sei nicht schön. Aber ich finde es wirklich schön hier. Das klingt vielleicht ein bisschen verrückt, wenn man auf Teneriffa aufgewachsen ist. Aber die Stadt hat etwas. Die Menschen sind total lieb.

Zur Musik kamen Sie früh – und auf einem ungewöhnlichen Weg.

Meine Mutter hat sich ziemlich schnell in Teneriffa in den lokalen Chor eingebracht, um sich zu integrieren. Es gab keinen Kinderchor – also bin ich einfach in den Erwachsenenchor mitgekommen. Ein ganzer Chor Erwachsener und ein sehr kleines blondes achtjähriges Mädchen im Sopran. Das war meine erste Stimmbildung. Ich habe dann angefangen, Gedichte zu schreiben, und irgendwann gemerkt: Oh, ich kann ja Lieder schreiben. Und damit meine Emotionen verarbeiten. Das war ungefähr mit 14. Ich habe mich erst nicht so ganz getraut, mir das selbst einzugestehen – dass ich davon gerne leben möchte. Aber es wurde immer klarer, dass es das ist, was in mir steckt.

Ihr Vater hat dabei wohl eine Rolle gespielt.

Ja, ich bin schon als kleines Kind von ihm mit der Gitarre in den Schlaf gesungen worden. Er hat ein kleines Heimstudio, da haben wir meinen ersten Song zusammen aufgenommen. Und er hat zusammen mit seinem guten Freund und Produzenten Uli Pfannmüller meine ersten EPs und mein erstes Album produziert. Direkt mit so tollen Menschen meine Musik zu verwirklichen, war ein Privileg.

Sie nennen Ihre Songs „Freunde". Welcher steht Ihnen am nächsten?

„Woman in My Mirror“. Der letzte Song auf dem Album „Ocean Inside of Me“. Es ist ein Liebeslied — an mich selbst. Und gerade, als es mir nicht gut ging, hat er mich immer wieder aufgebaut. Ich hatte ihn geschrieben, bevor ich wusste, dass ich ihn brauchen würde. Manchmal schreibe ich Songs, die mich erst später im Leben wieder finden.

„Ocean Inside of Me“ ist ein Konzeptalbum über den Fall in Depressionen — und den Weg heraus. Wie hat das angefangen?

Ich hatte eine sehr lange Zeit mir selbst nicht eingestanden, dass es mir nicht gut geht. Ich weiß noch: Ich saß an einem Abend am Meer auf Teneriffa. Es war schon dunkel, Sterne über mir. Und ich hatte so einen Tag, wo ich sehr deutlich gespürt habe: Ich zeige der Welt eine Fassade. Aber innen drin geht es mir nicht gut. In diesem Moment habe ich den Chorus-Text von „Ocean Inside of Me" geschrieben.

Wann wurde daraus ein Album?

Ich merke immer, dass es mir nicht gut geht, wenn ich keine Lieder schreibe. Weil Songwriting bedeutet, in Kontakt mit sich selbst zu sein. Wenn man etwas verdrängt, hört man irgendwann auf zu schreiben. Und da habe ich gemerkt: Ich brauche ein Projekt. Ich muss mir das jetzt wirklich genau ansehen. In dem Moment war es gar nicht: Ich will das mit der Welt teilen. Es war eher angsteinflößend. Man hat so viel Scham, wenn man mit Depressionen zu kämpfen hat.

Das Album enthält auch den Song „If I Was No More" — über den Gedanken, nicht mehr da zu sein. Das ist ein mutiger Schritt, so etwas zu veröffentlichen.

Ich habe auch mit Selbstverletzung zu kämpfen gehabt. Mein damaliger Gedanke war: Das darf die Welt nie rausfinden. Ich habe über 30 Songs in dieser Zeit geschrieben. Und als es mir besser ging und ich begann, mit Freunden zu reden, hörte ich immer dasselbe: Mir ging es auch so. Aber es spricht niemand darüber. Es gibt dieses Zitat: Depression ist der größte Klub der Welt — und der Trick ist, dass jeder denkt, er ist der Einzige. Das hat mir das Gefühl gegeben, dass diese Geschichte nicht nur für mich, sondern auch für andere heilsam sein könnte.

Woher kam die Depression ursprünglich?

Ich wurde in der Schule ziemlich schlimm gemobbt und musste die Schule wechseln. Das war in Spanien. Und ich habe das nicht richtig verarbeitet. Ich hatte meinen Wert dann sehr an meine Noten geknüpft — ich dachte: Sozial populär kann ich vielleicht nicht sein, aber ich kann wenigstens gute Noten haben. Als die Schule vorbei war, fiel dieses System weg. Und dann waren da all diese unverarbeiteten Narrative. Das wurde immer schwerer. Das Narrativ im Kopf: Ich bin nicht gut genug. Was mache ich hier überhaupt? Und wenn man das mit niemandem teilt, dreht sich die Spirale nur nach unten.

Wussten Ihre Eltern davon?

Ich hatte den absolut unrealistischen Anspruch, sie davor zu schützen. Aber wir haben eine sehr offene, vertrauensvolle Beziehung, und ich habe dann relativ schnell begonnen, darüber zu reden. Meine Eltern haben sich Sorgen gemacht  natürlich. Aber als ich das Album zu teilen begann, waren sie auch ein bisschen stolz.

Was hat geholfen?

Professionelle Hilfe vor allem. Darüber reden. Und das Album selbst war sehr therapeutisch. Nicht nur das Schreiben, auch das Teilen. Weil mein Narrativ war: Wenn die Menschen rausfinden, dass ich diese Dunkelheit habe, bin ich nicht mehr liebenswert. Sie kennen ja nur das Happy-Luna. Und dann habe ich es der ganzen Welt gesagt — und das einzige, was zurückkam, war: Wir lieben dich trotzdem. Viele meiner Freundschaften haben sich dadurch vertieft. Auf einmal gab es eine ganz andere Ebene.

Dass Musik wirklich ankommt – haben Sie dafür einen Moment, der Ihnen das gezeigt hat?

Ich habe irgendwann eine E-Mail bekommen. Jemand schrieb: Meine Frau ist gestorben, und Ihr Song hat mir geholfen, da durchzukommen. Da habe ich heulend vor dem Computer gesessen. Das sind die Momente, wo ich denke: Ich mache genau das, was ich machen soll. Die Zahlen auf Spotify — die sind schön, aber sie sind eher ein Dopamin-Hit. Was wirklich zählt: Neulich habe ich in Köln gespielt, und ein paar meiner Fans haben jedes Wort mitgesungen. Das sind echte Menschen. Die sind nicht nur Zahlen auf einem Bildschirm.

Wie entsteht bei Ihnen ein Lied?

Sehr intuitiv und sehr schnell. Bei „Woman in My Mirror" hatte ich den Chorus-Text im Zug im Kopf — habe ihn nachgeschrieben, mich am Abend mit der Gitarre hingesetzt und gefragt: Wie fühlt sich das hier an? Innerhalb einer halben Stunde war der Song da. Manchmal ist es eine Textidee, mit der ich anfange, manchmal eine Melodie. Und dann fließt das raus. Es ist schwer zu beschreiben. Je mehr man schreibt, desto weniger denkt man — und desto mehr hat man das Gefühl: Der Song ist schon da. Ich schreibe ihn nur noch auf.

Und das tun Sie mitunter im Keller Ihrer Oma.

Ich produziere nicht alle Songs alleine, ich nehme Stimme und Gitarre auf und schicke den Rest an meinen Produzenten Dominic Romano in Kalifornien. Der Keller ist voller Kisten und Möbel, was akustisch gut ist. Sehr gut gedämpft. Dazu kommt: Man hört vom Keller aus nichts in die Wohnungen darüber. Das heißt, ich kann rund um die Uhr kreativ sein — was natürlich ein Geschenk ist. Und ich genieße die Zeit mit meiner Oma. Die kommt ja nie wieder.

Ihr neues Album heißt „Death and all her Enemies“ — nach der Depression nun der Tod. Das klingt schwerer als es ist?

Viel schwerer als es ist. Wenn „Ocean Inside of Me“ von innen geht – von der Dunkelheit ins Licht –, dann ist das neue Album umgekehrt: Das Licht kommt von innen, und die Welt drum herum ist gerade die Dunkelheit. Diese kognitive Dissonanz: Mir geht es besser. Aber der Welt geht es gerade nicht gut. Es passieren sehr viele schlimme Dinge. Wie vereinbart man das? Wie hält man Lebensfreude aufrecht, wenn so viel Schweres da ist?

Und was antwortet das Album darauf?

Es ist kein „Yeah, it's all good!“ Es ist eher: Ich darf wütend sein. Ich darf Dunkelheit haben. Ich darf alle Aspekte des Lebens haben. Das Negative ist für mich mittlerweile so etwas wie eine Brücke geworden — es erlaubt mir, mich mit mir selbst auseinanderzusetzen auf eine Art, die ich vielleicht nie getan hätte.

Wer sind die Feinde des Todes?

Lebensfreude. Liebe. Empathie. Dass wir uns gegenseitig sehen. Es gibt einen Song auf dem Album: „Good People Everywhere“. Ich bin seit fünf Jahren als Frau allein couchsurfend durch die Welt gereist — und hatte noch keine einzige schlechte Erfahrung. Weil es wirklich überall gute Menschen gibt. Wir leben in einer Welt, in der wir ständig Panik bekommen von den Nachrichten. Ich wollte ein Album machen, das gleichzeitig hoffnungsvoll ist und voller Akzeptanz. Nicht platt glücklich. Sondern ehrlich.

Der letzte Song ist Ihr Beerdigungslied.

Ja. Aus der Perspektive eines langen, erfüllten Lebens. Jemand, der sagt: Es war wunderschön, und jetzt ist es okay. Ich habe ihn ursprünglich geschrieben, als ich noch mitten in der Depression war, weil es damals so schwer war, sich ein langes Leben überhaupt vorzustellen. Jetzt habe ich ihn umgeschrieben. Er ist kein trauriger Song mehr. Er ist hoffnungsvoll.

Und diesen Bogen, von der Dunkelheit ins Licht, von Teneriffa nach Leverkusen, den schließen Sie nun auch geografisch. Sie hätten wie viele Musikerinnen nach Berlin gehen können.

Das habe ich kurz gedacht. Aber vielleicht ist da noch die Insel in mir: Ich möchte irgendwo Wurzeln haben, wo es nicht zu groß ist. In Leverkusen kann ich etwas aufbauen, mit Menschen verbunden sein auf eine Art, die in einer Riesenstadt viel schwerer wäre. Ich spiele auch sehr gerne kleine Konzerte: Wohnzimmerkonzerte, Gemeindehaus, 30 Menschen. Da ist eine ganz andere Wertschätzung.

Das Kulturamt hat Sie aktiv angesprochen.

Über einen Zeitungsartikel haben sie mich entdeckt. Und mich direkt gefragt, wie sie mich unterstützen können. Das hat mich ehrlich überrascht. Ich bin jetzt ein „Resident Artist“ der Stadt, das Team vom Kulturamt ist wundervoll. Das hat mir noch mal eine ganz neue Wertschätzung gegeben. Für das, was direkt vor meiner Haustür ist. Ich bin so viel unterwegs, die ganze Zeit. Und dabei hatte ich gar nicht gemerkt, wie viele Möglichkeiten hier in Leverkusen auf mich warten.

Am 29. Mai spielen Sie im Scala Club. Ein besonderes Konzert — auch familiär.

Meine Mutter ist früher im Scala gewesen, als sie hier aufgewachsen ist. Das hat richtig etwas Kultiges. Ich habe meine Eltern überredet, dabei zu sein. Wir waren ja meine allererste Band, insofern schließt sich da ein Kreis. Und ich habe Freunde und Kolleginnen eingeladen, mit mir aufzutreten. Das Konzept heißt „Luna and Friends". Ein großer Teil meiner Karriere ist das Zusammenarbeiten mit anderen, anderen eine Bühne zu bieten. Das soll auch bei diesem Konzert so sein. Es fühlt sich an wie eine Feier von allem, was meine Karriere bisher war. Bei mir zu Hause.