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Tänzer im Rollstuhl„Ich musste meine Vorstellung davon verändern, wie ein Tänzer aussieht“

4 min
Fall, Residence, In Memoriam.

Introdans bringt kommende Woche einen Tanzabend nach Leverkusen, der von Schwerkraft, Verletzlichkeit und menschlichen Beziehungen erzählt. Im Mittelpunkt stehen drei Arbeiten von Sidi Larbi Cherkaoui — darunter das neue Duett „Residence“ mit Marc Brew.

Im Gespräch erzählt Marc Brew von Ausgrenzung, Zugehörigkeit und davon, warum er sich trotz allem nie aufgehört hat, als Tänzer zu begreifen.

Introdans bringt kommende Woche einen Tanzabend nach Leverkusen, der von Schwerkraft, Verletzlichkeit und menschlichen Beziehungen erzählt. Im Mittelpunkt stehen drei Arbeiten von Sidi Larbi Cherkaoui — darunter das neue Duett „Residence“ mit Marc Brew. Er zählt heute zu den wichtigsten Stimmen des inklusiven zeitgenössischen Tanzes. Nach einem schweren Autounfall 1997 saß er plötzlich im Rollstuhl — und begann, Tanz vollkommen neu zu denken. Im Gespräch mit dem „Leverkusener Anzeiger“ erzählt er von Ausgrenzung, Zugehörigkeit und davon, warum er sich trotz allem nie aufgehört hat, als Tänzer zu begreifen.

Viele Leverkusener werden Ihre Arbeit zum ersten Mal sehen. Wie würden Sie sich selbst als Künstler beschreiben?

Marc Brew: Ich bin Künstlerischer Leiter der „Marc Brew Company“, Choreograf und Performer. Bin behindert und queer und arbeite mit behinderten und nichtbehinderten, queeren und neurodiversen Künstlerinnen und Künstlern zusammen. Für mich geht es darum, unterschiedliche Stimmen in einen kreativen Prozess zu bringen und Arbeiten zu schaffen, die etwas mit der Welt zu tun haben, in der wir heute leben.

Sie sind in Australien aufgewachsen. Wie begann Ihre Beziehung zum Tanz?

Ich komme aus Jerilderie, einem Dorf im ländlichen New South Wales. Ich sage oft: Ich war die Outback-Version von „Billy Elliot“. Eigentlich bin ich nur zum Tanz gekommen, weil meine beste Freundin zum Unterricht ging. Aber sobald ich getanzt habe, war da dieses Gefühl von Freiheit. Ich war eher schüchtern, aber durch den Tanz konnte ich aus mir herauskommen. Ich habe mich lebendig gefühlt.

Gleichzeitig waren Sie dort der einzige Junge, der getanzt hat.

Ja, und deshalb wurde ich auch gemobbt. In diesem Dorf drehte sich alles um Sport. Tanz war nichts für Jungen. Ich habe deshalb sogar eine Zeit lang aufgehört. Später bekam ich ein Stipendium für das Victorian College of the Arts Secondary School, eine Kunstschule in Melbourne. Dort hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, wirklich dazuzugehören.

1997 veränderte ein schwerer Autounfall Ihr Leben radikal. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Ärzte Ihnen sagten, Sie würden nie wieder laufen oder tanzen können?

Ich erinnere mich daran unglaublich klar. Ich war damals Tänzer in Südafrika. Ein betrunkener Fahrer raste frontal in unser Auto. Drei meiner Freunde starben bei dem Unfall. Als ich im Krankenhaus aufwachte, sagte man mir, ich sei vom Hals abwärts gelähmt und würde nie wieder laufen oder tanzen. Mit zwanzig glaubt man, unverwundbar zu sein. Und plötzlich verändert sich alles innerhalb einer Sekunde.

Wie verändert so ein Moment den Blick auf den eigenen Körper?

Vorher war ich klassisch ausgebildeter Tänzer. Alles drehte sich um perfekte Linien, Kontrolle, Stärke, den (Anführungszeichen mit den Fingern) idealen Körper. Und plötzlich dachte ich: Mein Körper passt nicht mehr in dieses Bild hinein. Ich musste meine Vorstellung davon verändern, wie ein Tänzer aussieht und was Tanz überhaupt sein kann.

„Ich musste aufhören, in den Spiegel zu schauen. Stattdessen fragte ich mich: Wie fühlt sich Bewegung an?“
Marc Brew

Wie haben Sie diesen neuen Zugang zum Tanz gefunden?

Als ich nach dem Unfall wieder trainierte, konnte ich zunächst kaum in den Spiegel schauen, weil ich immer den Körper von früher gesehen habe. Irgendwann habe ich angefangen umzudenken. Nicht mehr zu fragen: Wie sieht diese Bewegung aus? Sondern: Wie fühlt sie sich an? Das hat alles verändert. Ich begann meinen Körper nicht mehr als etwas Defektes zu sehen, sondern als Ausgangspunkt für neue Möglichkeiten.

Was bedeutete das konkret für Ihre Arbeit als Choreograf?

Ich begann zu erforschen, wie sich mein Körper jetzt bewegt. Wie funktioniert Partnerarbeit? Wie bewege ich mich am Boden? Wie verändert ein Rollstuhl Bewegung? Welche neuen Möglichkeiten entstehen dadurch? Plötzlich öffnete sich eine ganze Welt, die ich vorher nie gesehen hätte. Daraus ist meine choreografische Arbeit entstanden.

Sie sagen, dass sich auch das Publikum in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat.

Ja, aber das war ein langer Weg. Nach meinem Unfall wollte ich einfach wieder Teil einer Tanzcompagnie sein. Aber viele wussten nicht, was sie mit mir anfangen sollten. Damals gab es kaum behinderte Tänzer auf großen Bühnen. Keine Vorbilder. Keine Sichtbarkeit. Heute verändert sich das langsam.

„Ich wollte nie, dass Menschen nur Leid sehen. Ich wollte zeigen, welche Möglichkeiten ein Körper haben kann.“
Marc Brew

Deshalb bedeutet die Arbeit mit Introdans Ihnen so viel?

Absolut. Was wir jetzt mit Introdans machen, hätte ich mir vor fast dreißig Jahren gewünscht. Es geht nicht darum, eine „Sonderproduktion“ zu machen. Es ist eine große zeitgenössische Compagnie, die Diversität selbstverständlich in ihre Arbeit integriert. Dass behinderte Körper Teil eines solchen Programms sind, ist unglaublich wichtig.

In Leverkusen zeigen Sie auch das neue Duett „Residence“. Worum geht es darin?

Es geht um zwei Menschen, die versuchen, füreinander ein Zuhause zu schaffen. Zwei Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen, die lernen müssen, sich gegenseitig zu tragen und zu unterstützen. Das Stück ist sehr emotional und sehr menschlich.

Wie war die Zusammenarbeit mit Sidi Larbi Cherkaoui?

Wir haben 2021 begonnen zusammenzuarbeiten, zuerst für mein autobiografische Stück. „Residence“ ist jetzt unsere zweite gemeinsame Arbeit. Larbi interessiert sich sehr für menschliche Beziehungen, Verletzlichkeit und Transformation. Ich glaube daher, wir sprechen eine ähnliche künstlerische Sprache.

Was wünschen Sie sich vom Publikum in Leverkusen?

Ich wünsche mir, dass die Menschen mit offenem Blick kommen. Dass sie bereit sind, sich berühren zu lassen. Und vielleicht auch, dass sie danach anders darüber nachdenken, was ein Körper auf einer Bühne sein kann.


Show in Leverkusen

Introdans gastiert am Donnerstag, 7. Mai, mit „Larbi“ im Forum Leverkusen. Gezeigt werden die drei Choreografien „In Memoriam“, „Fall“ und „Residence“ von Sidi Larbi Cherkaoui. Beginn ist um 19:30 Uhr im Forum. Es ist das einzige Deutschland-Gastspiel der Tournee. (tmb)