Für die Aufarbeitung von möglichen Fällen sexuellen Missbrauchs durch Amtsträger der evangelischen Kirche fehlen noch die Fachleute.
MissbrauchKirchenkreis Leverkusen hat Personal sensibilisiert – Akten noch nicht gesichtet

Bernd-Ekkehart Scholten, Superintendent des Kirchenkreises Leverkusen
Copyright: Ralf Krieger
In den beiden Nachbar-Kirchenkreisen Düsseldorf-Mettmann und Niederberg geschieht derzeit das, was sich Superintendent Bernd-Ekkehart Scholten dringend auch für den Kirchenkreis Leverkusen wünscht. Dort sehen Fachleute sämtliche Personalakten der Kirchenkreise seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs durch. Ihr Ziel: Mögliche Hinweise auf Fälle sexuellen Missbrauchs durch Amtsträger und Angestellte der evangelischen Kirche entdecken.
Doch soweit sind Scholten und sein Team in Leverkusen noch nicht. In einem Interview mit dem „Leverkusener Anzeiger“ Anfang 2024 hatte er die Kontrolle der Akten zwar angekündigt. Damals waren gerade die Zahlen einer ersten deutschlandweiten Studie zum Thema sexueller Missbrauch in der evangelischen Kirche veröffentlicht worden. Als Konsequenz daraus gab auch die evangelische Kirche im Rheinland eine regionale Studie zur Aufarbeitung dieser Fälle in Auftrag. Und im Rahmen der Studie gilt es eben, die vielen Tausend Personalakten durchzukämmen.
Aber, so sagt Scholten zwei Jahre später: „Wir sind da noch nicht weiter. Das hat einerseits strukturelle Gründe. Wir haben im vergangenen Jahr die Verwaltungsstrukturen der Kirchenkreise Lennep und Leverkusen zusammengelegt. In der Zeit war so viel los, dass wir mit der Sichtung der Personalakten nicht auch noch anfangen konnten.“ Der andere Grund ist das nötige Personal.
Scholten: „Man braucht jemanden, der Akten professionell durchsehen kann, also Leute mit juristischem Sachverstand, wie zum Beispiel Verwaltungsrechtler, oder Kriminologen. Wir suchen mehrere Personen.“ Man suche zwar seit Anfang vergangenen Jahres, aber bisher ohne Erfolg. Für die beiden Nachbar-Kirchenkreise arbeiten fünf Fachleute, drei frühere Kriminalbeamte und zwei Pädagoginnen, die Akten durch. Scholten betont im Gespräch mehrfach, dass es nicht darum gehe, die Aufarbeitung und Aufklärung zu verzögern. „Ich hab' überhaupt kein Interesse daran, dass das länger braucht. Ich hab' ein Interesse daran, dass das so schnell wie möglich beginnt.“
Der Superintendent verweist beim Thema Umgang mit Fällen von sexuellen Übergriffen auf Fortschritte in anderer Hinsicht. Im Kirchenkreis gibt es jetzt Vertrauenspersonen, an die sich Betroffene eines sexuellen Übergriffs oder Menschen wenden können, die von einem Fall sexualisierter Gewalt, gleich ob körperlicher oder verbaler Art, erfahren haben. „Diese Vertrauenspersonen sind als Lotsen tätig“, so Scholten. Sie sorgen dafür, dass der Fall, abhängig vom konkreten Sachverhalt, an das Interventionsteam im Kirchenkreis weiter, unterstützen Betroffene, wenn sie mit der Ansprechstelle bei der Landeskirche Kontakt aufnehmen wollen, und wissen über Hilfsangebote und Beratungsstellen Bescheid.
Darüber hinaus gibt es ein Präventionsteam mit zwei hauptamtlichen Mitarbeitern, die für die Schulungen der ehrenamtlichen und hauptamtlichen Mitarbeiter in den Gemeinden und evangelischen Organisationen wie dem Diakonischen Werk zuständig sind. Aus Scholtens Sicht ist mit deren Arbeit die Sensibilisierung der Mitarbeitenden für das Thema gut vorangekommen.
Auch 2024 und 2025 wurden im Kirchenkreis aktuelle Fälle sexualisierter Gewalt gemeldet. Dabei gehe es um Fälle verbaler Übergriffe. Und auch nach dem öffentlichen Aufruf vom September 2024 an mögliche Opfer sexueller Gewalt durch einen Kirchenmusiker, der in den 60er Jahren in der evangelischen Kirche Burscheid gearbeitet hat, haben sich laut Scholten Betroffene gemeldet. „Die Aufarbeitung läuft noch.“ Aber er hoffe, dass sich der Kirchenkreis in diesem Jahr zu der Angelegenheit werde äußern können, so der Superintendent. „Das Thema bleibt für uns mit einem hohen Maß an Bewusstsein wichtig und relevant.“

