Notstandsarbeiter, die unfreiwillig beim Bau der Aggertalsperre bei Gummersbach halfen, kamen unter anderem aus der Eifel.
TalsperrenbauAls „Deutsch-Sibirien“ bei Gummersbach lag

Diese nicht gelaufene Postkarte zeigt offensichtlich unzufriedene Arbeiter, die sich laut einem Schild als "Opfer des Arbeitslosengesetzes" sehen, beim Bau der Aggertalsperre bei Gummersbach, vermutlich 1927.
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Wir blicken in grimmige und kämpferische, in genervte, trotzige und stolze Gesichter. Gut drei Dutzend Männer unterschiedlichen Alters schauen direkt in die Kamera. Ihre Botschaften stehen auf drei handgemalten Schildern: „Bekanntmachung – Euskirchener als Fremdenlegionäre an der Aggertalsperre“. Und: „Opfer des Arbeitslosengesetz (sic!) verschoben vom Arbeits-Amt Euskirchen“. Und: „Deutsch-Sibirien“ – diesen zweifelhaften Titel hatten die Eifelaner offenbar der Gegend um Gummersbach verliehen.
Vor 100 Jahren liefen die konkreten Planungen zum Bau der Aggertalsperre auf Hochtouren – es dauerte nur noch ein Jahr bis zum Startschuss. Wobei sich gleich zu Beginn Verzögerungen einstellten, weil nicht ausreichend Erwerbslose gefunden wurden, die beim Bau helfen sollten oder besser: die nach den Buchstaben des Gesetzes „über Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung“ helfen mussten.
250 Mann in einer Baracke
Im Sommer 1927 nahmen die ersten 100 Arbeiter die notwendigen Vorarbeiten auf. Die Anzahl der unfreiwilligen Helfer wuchs ständig an, und sie mussten die ganze Arbeitswoche in Gummersbach verbringen. „Die Notstandsarbeiter – die Mehrzahl stammte aus den Gebieten um Euskirchen und Schleiden – blieben die Woche über im Oberbergischen und waren in Baracken untergebracht. Sonderzüge transportierten sie samstags in die Heimat und montags wieder zurück“, heißt es im Buch „Vom Dorfbrunnen zum Wasserwerk – Die Geschichte der Wasserwirtschaft an Agger – Wiehl – Bröl“, das der Aggerverband 1998 anlässlich seines 75-jährigen Bestehens herausgegeben hat. Die folgenden Informationen stammen ebenfalls alle aus diesem Buch. Etwa die, dass die Baracke namens „Lantenbach“ 225 Arbeitern eine Unterkunft bot. In der Baracke „Bredenbruch“ lebten unter der Woche sogar 250 Männer zusammen.
Die Anzahl der Arbeiter wuchs mit der Größe der Baustelle. Weihnachten 1927 standen schon 417 Arbeiter auf der Liste. Das Einstellen von Erwerbslosen hatte sich inzwischen eingespielt und funktionierte immer besser, wie es Regierungs- und Baurat Detig, der zuständige Mann der Bezirksregierung notiert hat. Ende 1927 hatte auch das Arbeitsamt in Gummersbach Arbeiter aus der näheren Umgebung zum Einsatz beim Talsperrenbau verpflichtet.
Am 5. des Monats ist an der Sperrstelle ein wilder Streik ausgebrochen, der zum Teil auch auf die übrigen Arbeitsstellen übertragen wurde. Es wurden Lohnforderungen erhoben – 0,90 Mark je Stunde.
Dass die Stimmung der unfreiwilligen Arbeitskräfte, sicherlich nicht nur der Euskirchener, ihre konfrontativen Momente hatte, lässt sich einer Meldung von Detig aus dem Januar 1928 entnehmen. Da schrieb er: „Am 5. des Monats ist an der Sperrstelle ein wilder Streik ausgebrochen, der zum Teil auch auf die übrigen Arbeitsstellen übertragen wurde. Es wurden Lohnforderungen erhoben – 0,90 Mark je Stunde. Da bei den Notstandsarbeiten laut gesetzlicher Bestimmung der am Orte der Notstandsarbeiten geltende Tariflohn zu zahlen ist, konnten irgendwelche Geständnisse nicht gemacht werden. Am 6. abends war der Streik beendet. Die Arbeiten sind dadurch nicht wesentlich gestört worden, da am 6. starkes Regenwetter herrschte.“ Die Aggertalsperren-Genossenschaft machte trotzdem Zugeständnisse und führte eine Pünktlichkeitsprämie ein.
Alkohol war auf dem gesamten Baustellengelände ab 21 Uhr verboten. Vorher sollten die Kantinenbetreiber versuchen, überwiegend nicht alkoholische Getränke an die Arbeiter zu verkaufen – je mehr sie davon verkauften, umso höher fiel ihre Umsatztantieme aus.
Trotzdem ging es in den Wohnbaracken mitunter offenbar hoch her, wie sich beispielsweise einem Brief entnehmen lässt, den das Wohlfahrtsamt aus Bonn am 28. Dezember 1927, also in einer recht frühen Bauphase, an Landrat Dr. Gustav Haarmann schickte.
Im genannten Buch heißt es dazu wörtlich: „Ein Mann aus Bonn, der offenbar im Zuge des Erwerbsloseneinsatzes an der Baustelle tätig war, hatte sich beschwert. Nicht etwa über die Arbeit, die Unterkunft oder die Bezahlung. Vielmehr hatte er moniert, dass jeden Samstag etwa 20 zweifelhafte Frauen aus Köln in den bei den Arbeitsstellen befindlichen Kantinen sich einfinden und dort bis über den Sonntag verblieben.“
In den Kantinen würde bis morgens früh gezecht, die Frauen führten in den Schlafsälen Nackttänze auf und die Arbeiter, selbst verheiratete Männer, würden dadurch veranlasst, ihren schwerverdienten Lohn für diese Personen auszugeben.
Und weiter: „In den Kantinen würde bis morgens früh gezecht, die Frauen führten in den Schlafsälen Nackttänze auf und die Arbeiter, selbst verheiratete Männer, würden dadurch veranlasst, ihren schwerverdienten Lohn für diese Personen auszugeben.“ Der Landrat versprach, diesen Vorwürfen nachzugehen.
Zudem gab es offenbar immer wieder Spannungen zwischen Einheimischen und den unfreiwilligen Notstandsarbeitern. Letzteren scheinen Vorurteile und Misstrauen entgegengeschlagen zu sein, wie eine zeitgenössische Gummersbacherin aufschrieb.
Randale in einer Kneipe in der Becke
Die Gummersbacher Zeitung berichtete in der Ausgabe vom 14. Dezember 1927, dass die „Auswärtigen umherziehen“, sobald sie ihren Lohn in Empfang genommen hätten. In Dümmlinghausen, so die Zeitung, hätte es gar eines Polizeieinsatzes bedurft, um eine Schlägerei zwischen dort Ansässigen und Arbeitern zu verhindern. Notstandsarbeiter hätten außerdem in einer Kneipe in der Becke randaliert. „Als der Wirt sich weigerte, Ihnen weiteren Alkohol zu verkaufen, seien Türen und Fenster zu Bruch gegangen. Dem Landwirt Meister in Bredenbruch wollte dem Artikel zufolge Arbeiter von außerhalb die Scheune anzünden, der Versuch sei aber misslungen.“ Als Fazit fordert die Zeitung eine Stärkung der zuständigen Polizeiwache.
Zeitlicher Ablauf
Vor 100 Jahren waren die Vorbereitungen zum Bau der Aggertalsperre im vollen Gange. Am 27. Mai 1926 war eine Abordnung von Ministerialvertretern aus Berlin nach Köln gekommen, um bei der Kölner Bezirksregierung über die geplante Talsperre zu beraten. Am 28. Mai folgte eine Ortsbesichtigung am Aggerlauf und ein Gespräch im Kreishaus zu Gummersbach. „Das hatte die Abordnung aus der Hauptstadt von der Unerlässlichkeit eines wirksamen Hochwasserschutzes für das industriell gut entwickelte Aggertal überzeugt“, heißt es in dem 1998 veröffentlichten Buch „Vom Dorfbrunnen zum Wasserwerk“ über die Geschichte des Aggerverbands.
Im August 1926 folgten in Berlin die entscheidenden Gespräche, an denen Kommerzienrat Bernhard Krawinkel als Vorsteher der Aggertalsperren-Genossenschaft und Landrat Dr. Haarmann teilnehmen.
„Von besonderem Gewicht war dabei, dass die Regierung die Baumaßnahme mit Mitteln aus der produktiven Erwerbslosen-Fürsorge unterstützen wollte“, so das genannte Buch. Doch ausreichend Erwerbslose, die zum Einsatz kommen sollten, wurden nur schleppend gefunden. Im Sommer 1927 nahmen rund 100 Notstandsarbeiter, überwiegend aus der Gegend um Euskirchen und Schleiden, die Vorarbeiten auf.
