Ältere Menschen in Waldbröl vor der Einsamkeit zu bewahren, das ist ein großes Ziel der Evangelischen Kirchengemeinde am Wiedenhof.
Wohnen in WaldbrölDamit das Pflegeheim nicht der letzte Ausweg ist

Um neue Formen des Zusammenlebens und des Wohnens ging es im Vortrag von Hans-Joachim Otto (links) und Thomas Faller. Sie leiten den Bonner Verein „Wahlverwandtschaften“ und stellten dessen Konzept jetzt bei der Evangelischen Kirchengemeinde in Waldbröl vor.
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„Wie, wo und mit wem möchte ich im Alter leben?“ Das fragte Anette Weber, Seniorenreferentin und Organisatorin des Projekts „3-Klang“ der Evangelischen Kirchengemeinde in Waldbröl, im Gemeindehaus am Wiedenhof. Ziel dieses Projekts sei es, Einsamkeit im Alter zu vermeiden. Unter dem Motto „Leben – Lernen – Mobil sein“ gebe es daher zahlreiche Angebote für Menschen ab 60 Jahren. Ein wichtiger Aspekt sei dabei das Wohnen.
„Eigentlich kann man gar nicht früh genug beginnen, sich diesem Thema mit Kopf und Herz zu widmen“, sagte Weber vor rund 40 Zuhörerinnen und Zuhörern. Für den Wechsel oder die Umstrukturierung des Wohnumfeldes seien etwa fünf bis sechs Jahre zu veranschlagen.
Waldbröler Seniorenreferentin Anette Weber warnt vor zu später Planung
Viel zu oft aber komme es vor, dass sich jemand erst im hohen Alter über diese Thematik Gedanken mache und keine Kraft mehr für die Umsetzung habe, führte die Seniorenreferentin aus. Dann bleibe als letzter Ausweg nur das Pflegeheim. Doch gebe es Wohnprojekte, bei denen dieser Schritt durch eine geschickte Durchmischung mehrerer Generationen nicht notwendig sei. Dazu hatten Anette Weber und ihre Kollegin Jana Steiniger Vorstandsmitglieder des Bonner Vereins „Wahlverwandtschaften“ eingeladen.
Mit einem Lichtbildvortrag stellten Vorsitzender Thomas Faller und sein Stellvertreter Hans-Joachim Otto jenes Konzept vor, das der Verein seit knapp 20 Jahren umsetzt: Gut 250 der rund 400 Mitglieder leben in sechs Hausgemeinschaften über das Stadtgebiet weiträumig verstreut. Das Spektrum der einzelnen Wohnungen reicht von Eigentum über Miete bis zu sozial gefördertem Wohnraum.
Nähe und Distanz in Balance zu bringen, sei sehr wichtig, sagte Hans-Joachim Otto in Waldbröl
„Ziel ist es, für jede Hausgemeinschaft, ein Konzept zum gemeinschaftlichen Leben von mehreren Generationen zu gestalten und weiterzuentwickeln“, erklärte Otto. Er räumte ein, dass es nicht leicht sei, den Generationen-Mix aufrechtzuerhalten: „Unsere Jüngsten sind im Babyalter, die Ältesten über 90.“ Daher gebe es in jeder Gruppe eine Besetzungsgruppe, diese steuere die Zuzüge: „Wichtig ist, dass die künftigen Bewohner in die Gemeinschaft passen.“
Otto führte aus, dass die Hausgemeinschaften des Vereins nur eine lockere Verbindung untereinander hätten. Innerhalb jeder einzelnen gebe es dagegen ein reges gesellschaftliches Leben. Dafür sei in jedem Komplex eine ganze Wohnung als Gemeinschaftsraum eingerichtet, in der auch gekocht werde. Foodsharing oder Hilfe beim Einkaufen seien selbstverständlich. Für Absprachen untereinander gebe es in jedem Block ein eigenes Intranet. Das bedeute jedoch nicht, dass die Bewohner alles teilten. Otto: „Eine unserer wichtigsten Leitlinien lautet: Nähe und Distanz in Balance.“
Jede Hausgemeinschaft habe zahlreiche Teams, die für alle wichtige Aufgaben steuern – vom Müll bis zu den Finanzen. Daneben gebe es einzelne Aktionstage, an denen etwa der Garten gestaltet werde. Eine große Bedeutung habe die Arbeitsgruppe „Kommunikation“.
Deren Aufgabe sei es, aufkeimende Konflikte schnell zu erkennen und durch Mediation Eskalationen zu vermeiden. Alles in allem funktioniere das System aber recht gut, betonte Ottos Mitstreiter Thomas Faller. So habe eine über 80-Jährige neulich zu ihm gesagt: „Ich könnte in einer normalen Wohnung nicht mehr alleine leben – da wäre ich längst im Pflegeheim.“

