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InterviewWipperfürther Autor Tom Saller spricht über seinen neuen Roman

Lesezeit 4 Minuten
Das Foto zeigt den Wipperfürther Autor Tom Saller, in der Hand hält er seinen neuen Roman "Ich bin Anna".

Der Wipperfürther Autor Tom Saller präsentiert seinen neuen Roman "Ich bin Anna".

Am Sonntag liest der Wipperfürther Autor Tom Saller in der Alten Drahtzieherei aus seinem neuen Roman "Ich bin Anna" vor

„Ich bin Anna“ heißt der vierte, soeben erschienene Roman von Tom Saller. Der Wipperfürther Schriftsteller und Psychotherapeut spricht im Interview über die Idee zu dem Thema und über sein Schreiben.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Anna Freud in den Mittelpunkt Ihres neuen Romans zu stellen? Ihr Vater Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, ist ungleich bekannter …

Tom Saller: Das ist eine Idee, die schon lange existiert. Sieben Jahre lang, mit Unterbrechungen, habe ich an dem Stoff gearbeitet. Die Grundidee des Romans war, Sigmund Freud bei der Arbeit zu beobachten. In der Urfassung habe ich aus drei verschiedenen Perspektiven geschrieben: Aus der von Sigmund Freud, aus der von Anna sowie aus der eines Patienten. Sigmund Freud stand im Zentrum der Handlung. Der Verlag und ich, wir waren mit dem Ergebnis nicht unzufrieden. Aber es gab schon diverse Freud-Romane, und ich fragte mich, „Wo ist das Besondere“, warum sollte ich einen weiteren schreiben? Bei Anna Freud hingegen ist die Situation eine ganz andere. Es gibt nur wenig Literatur über sie, lediglich zwei wichtige Biografien. Als Autor konnte ich mir hier viel größere Freiheiten nehmen. Das hat mich inspiriert und motiviert.

Wie wichtig ist die gründliche Recherche, bevor sie mit dem Schreiben eines neuen Romans beginnen?

Grundsätzlich will ich zu Beginn nicht zu viel wissen, vertraue meinem Instinkt. Schreiben, recherchieren und weiterschreiben gehen ineinander über. Oft bin ich meinen Charakteren und der Handlung bloß ein kleines Stück voraus. Wie die meisten meiner Romane ist auch dieser nicht chronologisch geschrieben. Die 80-jährige Anna Freud spricht mit einer ganz anderen Stimme, als die junge Anna. Beim Schreiben habe ich mich von der jeweiligen Stimmung leiten lassen.

Ihr Roman setzt 1980 ein – da ist Anna Freud eine alte Dame von 84 Jahren. Dann springt die Handlung zurück ins Jahr 1917/18. Später erleben wir Wien im Jahr 1938, als die Nazis einmarschiert sind.

Zum einen wollte ich Anna Freud als junge Frau zeigen, die noch unsicher ist und ihren Platz sucht, und die sich dann - das ist historisch belegt - bei ihrem Vater auf die Couch legt, um sich von ihm analysieren zu lassen. Erstaunlicherweise gibt es hierüber keine Aufzeichnungen, lediglich Andeutungen in verschiedenen Briefen. Die zweite Leerstelle, die der Roman füllt: Wir wissen, dass Anna Freud 1938 von der Gestapo verhört wurde. Aber sie hat sich dazu nie wirklich geäußert.

Mit der Gestalt von Ludwig Stadlober führen Sie eine dritte Person ein, einen jungen Mann und Patienten, der zwischen Anna und ihren Vater tritt. Das ist jetzt pure Fiktion?

Ja, denn ich habe ja kein Sachbuch geschrieben, sondern einen Roman. Natürlich gibt es Vorbilder für Stadlober, einen Monarchisten und fanatischen Nationalisten, der als Soldat im Ersten Weltkrieg eine Senfgasverletzung erleidet und zeitweise erblindet. Die Figur gibt mir die Möglichkeit, den Freud´schen Todestrieb einzuführen, diesen zutiefst destruktiven Trieb, den es bedauerlicherweise immer gegeben hat und der offenbar Teil von uns allen ist.

Auffällig ist, dass alle Ihre Romane, von „Wenn Martha tanzt“ über „Julius oder die Schönheit des Spiels“ bis zu „Ich bin Anna“ in einer ähnlichen Zeit spielen, in den 1910er bis 1930er Jahren. Was fasziniert Sie an dieser Zeit so besonders?

Es war eine Hochzeit kultureller Blüte, ob in der Literatur, der Malerei oder der Musik. Gleichzeitig herrschte eine große Freiheit auf dem Gebiet der geschlechtlichen Identität und der sexuellen Orientierung. Von dem unfassbaren Kahlschlag und der Barbarei der Nazis, die all das gewaltsam gestoppt haben, haben wir uns erst Jahrzehnte später wieder erholt, wenn überhaupt. Wäre es möglich, eine Zeitreise zu unternehmen, dann würde ich ins Wien der Jahrhundertwende oder das Berlin der 1920er Jahre reisen.


Lesung

Sonntag, 25. Februar, 16 Uhr, Alte Drahtzieherei, Wupperstraße 8, in Wipperfürth: Tom Saller liest aus seinem Roman „Ich bin Anna“. Mit Livemusik von Fabian Saller, Moderation: Gisela Osenberg von der Buchhandlung Colibri in Wipperfürth. Karten gibt es für 10 Euro (5 Euro) an den bekannten Vorverkaufsstellen sowie an der Tageskasse.  

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