Abo

Navigation

KStA PLUS abonnieren

Abo-Angebote

Artikel teilen

Schriftgröße ändern

Artikel zur Merkliste hinzugefügt

Rückgangig

Artikel von der Merkliste entfernt

Sie folgen nun

Rückgangig

Sie folgen

Angriff mit Pfefferspray Streit um Bulldogge wird zum Fall für Bensberger Strafrichter

Eine Old English Bulldog steht im Tierheim Ludwigshafen hinter dem Gitter ihres Käfigs.

Eine „Old English Bulldog“ hinter dem Gitter ihres Käfigs im Tierheim.

Um Bulldogge „Sam“ lieferten sich Herrchen und Frauchen in Bergisch Gladbach einen gewalttätigen Streit. Und der Hund landete im Tierheim. 

Menschliche Abgründe hat ein Prozess wegen gefährlicher Körperverletzung vor dem Bensberger Amtsgericht offenbart. Eine 36-jährige Frau aus Velbert sollte gemeinsam mit ihrem 42-jährigen Freund aus Oberhausen ihren 48-jährigen Ex-Partner aus Bergisch Gladbach nachts in dessen Viertel überfallen und mit Pfefferspray misshandelt haben, um sich ihren Hund zurückzuholen. Sie selbst berief sich auf Notwehr.

Wer hat wen misshandelt? Die 1,55-Meter-Frau den Zwei-Meter-Mann? Oder umgekehrt? Am Ende forderte der Staatsanwalt sieben Monate auf Bewährung für beide Angeklagte, doch Amtsrichter Dr. Philipp Stöckle widersprach: „Ich kann die Notwehr nicht widerlegen“ - und verkündete einen doppelten Freispruch.

Augenreizungen und Psychotherapien

Der Showdown in der Nacht zum 22. April 2022 hatte für wirklich alle Beteiligten übel geendet: Der Gladbacher IT-Spezialist Jörg L. (alle Namen geändert) erlitt erhebliche Augenreizungen und gibt an, seither eine Trauma-Therapie zu machen, und die beiden eher schmächtigen Angeklagten Jenny E. (36) und Gerd N. (42), wurden durch den Gladbacher ebenfalls lädiert. Jenny E. befindet sich ebenfalls in therapeutischer Behandlung.

Alle drei mussten nach dem Zusammenstoß ins Krankenhaus Merheim, und Bulldogge Sam, um den die drei so erbittert gestritten hatten, kam erst auf die Polizeiwache und dann ins Tierheim – wo der kleine Hund seit mittlerweile fast 300 Tagen lebt.

Ein Berg Papiertaschentücher auf der Anklagebank

Der Anfang der Beziehung zwischen Jörg L. und Jenny E., die fast den gesamten Prozess schluchzte und am Ende einen Berg Papiertaschentücher vor sich aufgehäuft hatte, geht in das Jahr 2018 zurück. Anfangs verstanden sich beide gut, trafen sich mal bei ihm, mal bei ihr, wechselten sich in der Betreuung der von ihr 2016 erworbenen Bulldogge ab.

Das Verhältnis wandelte sich, als der Gladbacher, wie er unwidersprochen aussagte, von Gerd N. eine Nachricht via Facebook erhielt, in der sich dieser als Verlobter von Jenny E. vorstellte. Die beiden Männer nahmen laut Jörg L. Kontakt zueinander auf und stellten fest, dass Jenny E. mit beiden zugleich ein Verhältnis hatte. Für Urlaubsreisen mit dem einen oder anderen habe sie jeweils ihre Mutter als Alibi bemüht.

Ich bin aus allen Wolken gefallen und habe den Kontakt sofort abgebrochen.
Zeuge Jörg L.

„Ich bin aus allen Wolken gefallen und habe den Kontakt sofort abgebrochen“, sagte Jörg L. So ganz stimmte das indes nicht: Mit ihrem Wohnungsschlüssel drang er womöglich mehrfach in ihre Wohnung ein, nahm Sam mit und fischte einen Tierpass aus dem Müll, mit dem er beweisen wollte, dass Jenny ihm den Hund überschrieben habe.

Aus Jennys Sicht stellte sich Sams „Auszug“ ganz anders da: als Verletzung ihrer Privatsphäre und Einbruch. Sie versuchte, Sam auf legalem Weg zurückzubekommen. Eines Tages beschloss sie, mit Gerd und einem weiteren Freund nach Gladbach zu fahren und die Wohnung von L. zu observieren.

Showdown tief in der Nacht

Mehr als sechs Stunden standen sie da, und als sie L. endlich entdeckten, riefen sie die Polizei an. Eine Streife kam, klingelte und sprach an der Haustür mit Jörg L. – doch in die Wohnung gingen die Beamten nicht, und Sam gab es erst einmal nicht zurück. Enttäuscht berieten sich die drei, was nun zu tun sei, dann machte sich der dritte Freund auf den Heimweg. Zu dieser späten Stunde machte Jörg L. seine letzte Gassi-Runde mit Sam, und es kam zum Showdown.

Jörg L. vor Gericht: „Bei mir hat sich das Bild förmlich eingebrannt, wie sie mit ausgestrecktem Arm auf mich zukam und mir plötzlich das Gas ins Gesicht sprühte.“ Dagegen sagte Jenny, sie habe nur mit ihm reden wollen und da habe er wutentbrannt mit der Hundeleine auf sie eingeschlagen. Als Gerd ihr zur Hilfe gekommen sei, sei auch dieser angegriffen, über die Straße geschoben, geschlagen und gewürgt worden, was dieser genauso bestätigte.

Ein unbeteiligter Ohrenzeuge, Nachbar von Jörg L., hörte Jenny um Hilfe schreien. Er rannte auf die Straße und mischte sich ein. Allerdings glaubte er, Jörg und Jenny seien noch ein Paar und sie seien gerade von Gerd N. überfallen wollen. Er hielt ihn fest, bis die Polizei kam, dann sammelte er Sam ein und überreichte ihn Jenny. Anschließend nahmen die Ordnungshüter den Vierbeiner mit auf die Wache. Von dort ging es für den kleinen Sam ins Tierheim – bis heute.