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Kabarett „Tod im Rheinland“
Wie der Sarg auf die Bühne kam

Bergisch Gladbach – Wenn sich ein Mensch wieder aus dem Sarg erhebt, dann muss das nicht unbedingt die Auferstehung sein. Gut möglich, dass es sich um den „Tod im Rheinland“ handelt. Einige hundertmal haben der Journalist Martin Stankowski und der Kabarettist Rainer Pause die kabarettistische Auseinandersetzung mit dem Tod schon auf die Bühne gebracht. Nach 20 Jahren blicken sie dort zurück, wo das Programm entstanden ist: im Gladbacher Bestattungshaus Pütz-Roth.

„Die Szene im Sarg war eine Schlüsselsituation“, erinnert sich Kabarettist Pause, während er im Künstlerraum des „Hauses der menschlichen Begleitung“ vor dem Auftritt noch einmal den Text durchgeht. „Eigentlich wollte ich damals vor der Premiere nur diesen Sarg auf der Bühne stehen haben. Nachdem ich mich aber reingelegt habe, kamen in den Jahren danach immer wieder Menschen zu uns, die das auch mal ausprobieren wollten.“ Pause schaut von seinem Text auf: „Es erleichtert nicht das Sterben, aber es hilft bei der Auseinandersetzung damit.“

Auf dem Tisch stehen Trauben und Käse. „Ja, Fritz Roth hat uns damals zu diesem Stück sozusagen angestiftet“, erinnert sich Martin Stankowski. „Fritz wollte etwas Lustiges zum Tod machen“, ergänzt Pause. Den Tod aus der Tabuzone holen und die Trauernden zur Auseinandersetzung damit zu ermutigen, dafür hat sich Fritz Roth zeitlebens eingesetzt. Eine Arbeit, die heute seine Kinder fortsetzen. „Fritz hat uns Einblicke in seine Arbeit gegeben, uns in die Szene eingeführt und uns auch zu einer Bestattermesse mitgenommen“, erinnert sich Stankowski.Der Ansatz sei von Anfang an auch didaktisch gewesen, sagt Pause: „Wir wollten den Menschen die Angst davor nehmen, sich mit dem Tod auseinanderzusetzen.“Das als „Experiment“ angelegte Projekt habe funktioniert, zieht er Bilanz: „Das Thema ist ja auch zeitlos.“ Für den Kabarettisten Rainer Pause eine durchaus neue Erfahrung: „Ich habe kein anderes Kabarettprogramm, das ich 20 Jahre lang spielen könnte.“

Während sich in den vergangenen 20 Jahren vieles im gesellschaftlichen Umgang mit Tod und Trauer hin zu jener Unverkrampftheit verändert hat, die „Tod im Rheinland“ schon 1994 vormachte, so hat sich das Stück selbst kaum verändert. „Gut, die Bestattungskultur in der DDR, die damals noch eine Rolle spielte, kommt heute nur noch am Rande vor“, sagt Martin Stankowski: „Aber insgesamt haben die Diskussionen, die unser Stück auch ausgelöst hat, unsere Thesen doch eigentlich nur mehr präzisiert.“ Ob Hospiz, Bunker oder Krematorium: An vielen „Originalschauplätzen“ haben die beiden dem „Tod im Rheinland“ kabarettistisch nachgespürt und beeindruckende Erfahrungen gesammelt. „Natürlich bewegt es, so etwas in einem Hospiz zu bringen“, sagt Stankowski. Seinen Bühnenkollegen hat aber auch beeindruckt, vor 1000 Menschen in der Kölner St.-Aposteln-Kirche aufzutreten: „Dann lacht da eine voll besetzte Kirche. Mich beeindruckt, mit welcher Leichtigkeit Katholiken so etwas zulassen können.“ Wir gehen ja schon etwas rotzig mit so einem Ort um.

Auch die Protagonisten hat das Stück geprägt: „Wir als Alt-68er hatten uns immer sehr viele Gedanken über die Veränderung des Lebens gemacht, aber nicht über das Sterben“, sagt Pause, „aber wir waren ständig damit konfrontiert.“ Einige seiner Freunde seien früh gestorben. So wie Rio Reiser, der auf seinem Grundstück beerdigt werden wollte. „Da hat Fritz gesagt: »Wenn du das nicht hinkriegst, komme ich, wir laden den Sarg ein und fahren dann nicht zum Friedhof, sondern da hin«. Ihm war es schon damals wichtiger, die Meinung der Toten und der Trauernden zu respektieren anstatt nur die Bestattungsvorschriften.“ Jahre später sprach Pause bei der Trauerfeier für Roth: „Das Leben ist mit dem Tod zu Ende, aber nur im Prinzip, nicht im Rheinland. Der Rheinländer akzeptiert ihn nicht.“

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